Muba
Ein letztes Mal Muba – die «Mutter aller Messen» verabschiedet sich

Am 8. Februar öffnet die einst grösste Publikumsmesse der Schweiz letztmals ihre Pforten. Die Muba hat das moderne Messewesen des Landes begründet und geprägt. Doch heute kann sie das Kaufverhalten immer weniger bedienen und ist mehr Symbol denn Publikumsmagnet.

Patrick Kury
Merken
Drucken
Teilen
MUBA 1917: Erste Schweizer Mustermesse im Basler Stadtcasino
38 Bilder
MUBA 1917: Delegation des Bundes-, National- und Ständerates mit der Basler Regierung an der Eröffnung der ersten Mustermesse.
MUBA 1917: Faltprospekt zur ersten Schweizer Mustermesse
MUBA 1918: Gemeinsamer Stand von Tabakfirmen an der Schweizer Mustermesse
MUBA 1923: Am Bettag zerstörte ein Brand innerhalb einer Stunde die Gebäude der Schweizer Mustermesse
MUBA 1932: Breite Gänge und schmale Stände in der Messehalle 3
MUBA 1935: Mädchen mit Handorgel
MUBA 1939: Polizeistunde in der Degustation
MUBA 1940: Neuheiten der Schweizerischen Nähmaschinenfabrik AG Luzern an der Mustermesse
MUBA 1942: Werbung für den Rasierapparat Miliz in den Kriegsjahren
MUBA 1943: Ausstellung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, mit Hakenkreuzfahne
MUBA 1944: Stand der Zentrale für Handelsförderung - die bislang am Binnenmarkt orientierte Mustermesse soll nach dem Krieg verstärkt Exportmesse werden
MUBA 1945: Eine Schulklasse besichtigt chemische Apparaturen an der Mustermesse
MUBA 1954: Bauarbeiten an der Rundhofhalle
MUBA 1954: Bauarbeiten an der Rundhofhalle
MUBA 1954: Bauarbeiten an der Rundhofhalle
MUBA 1954: Bauarbeiten an der Rundhofhalle
MUBA 1954: Die grosse Uhr am Rundhofgebäude wurde zum Markenzeichen der Messe
MUBA 1956: In den Golden Fifties werden immer mehr Konsumgüter zum Objekt der Begierde
MUBA 1957: Messeplatz mit einfahrenden Tramzügen
MUBA 1961: Die raumgreifenden Erzeugnisse der Investitionsgüterindustrie als wichtiger Anziehungspunkt
MUBA 1967: Stand zur Mode und Textilindustrie Schweiz
MUBA 1969: Die Faszination der neuen Audio-Erlebnisse
MUBA 1978: Zaire war das erste afrikanische Gastland der Schweizer Mustermesse
MUBA 1981: Proteste auf dem Marktplatz gegen die Atomfachmesse Nuclex
MUBA 1985: Besuch von Bundesrätin Elisabeth Kopp
MUBA 1997: Brauerei Unser Bier wurde an der Muba gegründet
MUBA 1997: Sonderschau zum Thema PC-Dschungel
Muba
MUBA 2000: Das berühmt-berüchtigte Plakat "Die Mutter aller Messen"
MUBA 2005: Märchenstunde mit Trudi Gerster
MUBA 2008: CH-Szene Live-Konzerte während der muba
MUBA 2009: Kocharena mit Heinz Margot mit Fussballlegende Karli Odermatt als Gast
MUBA 2009: Modeschau
MUBA 2010: Bundesrätin Widmer-Schlumpf zu Gast bei der Migrationsplattform des Bundesamtes für Migration
MUBA 2013: Spielbereich für die ganze Familie
MUBA 2014: Betty Bossi Kochshow
MUBA 2016: Eröffnung der 100sten Muba

MUBA 1917: Erste Schweizer Mustermesse im Basler Stadtcasino

Staatsarchiv BS, Privatarchiv der MCH Group AG

Die grenzüberschreitende Krise im Messewesen der Gegenwart hat das Ende gleich mehrerer Publikumsmessen der Schweiz besiegelt: der Züspa in Zürich, der Comptoir in Lausanne und der muba in Basel. So bedauerlich diese Entwicklung für viele sein mag, gilt es daran zu erinnern, dass Krisen zum Messegeschäft gehören wie Aussteller und Besucher.

Bereits bei der Gründung der ersten modernen Messe, der Schweizer Mustermesse, war die Not Geburtshelferin. Mitten im Ersten Weltkrieg wollte der Leiter der Basler Gewerbeschule und des Gewerbemuseums, der Belgier Jules de Praetere, dem unter dem Krieg darbenden Gewerbe und der leidenden Industrie zu neuen Absatzmöglichkeiten verhelfen.

Die Basler Regierung griff die Idee mit viel Elan auf und lancierte im April 1917 die erste Mustermesse, die mit 800 Ausstellern und 300'000 Besuchern alle Erwartungen übertraf. Mit dem Besuch des Bundespräsidenten in der Person von Edmund Schulthess, dem Tessin als Gastkanton und einem Pressetag gelang es den Veranstaltern, das Grau des Kriegsalltags zu durchbrechen und Traditionen zu erfinden, die zum Markenzeichen werden sollten. Kaum hatte sich die Schweizer Mustermesse etabliert, brannten 1923 alle Messehallen bis auf eine nieder.

 Muba 1923 - Am Bettag zerstörte ein Brand innerhalb einer Stunde die Gebäude der Schweizer Mustermesse

Muba 1923 - Am Bettag zerstörte ein Brand innerhalb einer Stunde die Gebäude der Schweizer Mustermesse

Messe Schweiz

Neuanfang nach dem Brand

Die Messeverantwortlichen nutzten die Gelegenheit, um mit zukunftweisenden Bauten die Phase der Provisorien hinter sich zu lassen. Getragen wurden die Vorhaben nicht zuletzt von der Bevölkerung und der Regierung, denn das Unternehmen war über drei Jahrzehnte defizitär.

Doch der Nutzen für die nationale Wirtschaft sowie die Ausstrahlung überragten die finanziellen Bedenken bei weitem. Dennoch war dies keine Selbstverständlichkeit, denn die Mustermesse blieb nach dem fulminanten Start vorerst einem Fachpublikum vorbehalten und setzte auf Wunsch der Aussteller und gegen den Willen der Regierung strikt auf einen nationalen Markt. Nur an den Wochenenden war die Messe für das breite Publikum geöffnet.

Dies änderte sich erst während des Zweiten Weltkriegs, als fremde Märkte verschlossen blieben, das Interesse an der Swissness nochmals stark zunahm und die Mustermesse zu einer jährlich wiederkehrenden «Landi» avancierte. Krisen begleiten die Messe auch zu späteren Zeiten, etwa während der Sars-Epidemie 2003 oder Ende der 1980er Jahre. Der Messeplatz im Kleinbasel galt damals als veraltet und nur noch bedingt konkurrenzfähig. So wurde ein trinationales Projekt erarbeitet, das den Wegzug aus Kleinbasel besiegelt hätte.

Die internationale Lage mit dem Ende des Eisernen Vorhangs und der Schaffung eines europäischen Binnenmarkts beflügelte diese Idee. Doch die finanziellen und politischen Hürden waren schliesslich zu hoch. Dank grossen Investitionen blieb die Messe in der Stadt, wovon in der Folge besonders die Baselworld und Art Basel sowie die gesamte Region profitierten.

MUBA 1969: Die Faszination der neuen Audio-Erlebnisse

MUBA 1969: Die Faszination der neuen Audio-Erlebnisse

Staatsarchiv BS, Privatarchiv der MCH Group AG

Goldene 1960er und 70er Jahre

Ihre grösste Blüte erlebte die Muba nach dem Zweiten Weltkrieg, als es die Messe schaffte, zu einem nationalen Begegnungsort für alle zu werden. Mit dem anhaltenden Schwung der Hochkonjunktur wandelte sich die Messe bis in die 1970er Jahre von einer Leistungsschau von Industrie und Technik zu einer Konsumgütermesse.

Jahr für Jahr pilgerten mehr Schweizerinnen und Schweizer nach Basel, sodass während der 50. Mustermesse 1966 erstmals über eine Million Besucher gezählt wurden. Angelockt wurden sie von den neusten Produkten wie einer Waschmaschine oder einem Farbfernseher, die während der elf Tage dauernden Messe zu günstigen Konditionen zu erstehen waren. Das Gewähren von Rabatten war damals noch streng geregelt und nur an wenigen Tagen im Jahr möglich. Die Messe bot eine der seltenen Gelegenheiten für ein Schnäppchen.

So schlenderten die Eltern durch die Hallen, verhandelten mit Ausstellern und schlossen Verträge ab oder sie wohnten der Produktion von Radio- und Fernsehsendungen bei. Währenddessen vergnügten sich die Kinder im Nestlé-Kindergarten beim Schaukeln und auf Klettergerüsten. Im Angebot für die Kleinen standen auch weisse Papierhüte, Puppenwagen, Dreiräder und Tretautos. Das Erlebnismarketing steckte zwar noch in den Kinderschuhen doch der andauernde Erfolg gab nicht nur Nestlé recht. Häufig stand für die Kinder am Nachmittag auch ein Besuch im Basler Zolli auf dem Programm, wo sie von Tante und Onkel begleitet der Gorilladame Goma zuschauten.

Für die Erwachsenen hingegen gehörte der abschliessende Besuch in der Degustation zum Programm. Der ohrenbetäubende Lärm in den rauchschwangeren, überfüllten Hallen besass einen Charme, der mit heutigen Gepflogenheiten des Zeitvertreibs nur noch schwer zu vereinen ist. Mit müden Füssen, einer Tüte voller Prospekte und einigen Kaufabschlüssen machte man sich schliesslich auf den Heimweg, wissend im darauffolgenden Frühjahr wieder an die Muba nach Basel zu kommen.

Muba

Muba

Staatsarchiv BS, Privatarchiv der MCH Group AG

«Mutter aller Messen»

Mit dem anhaltenden Erfolg während der Hochkonjunktur stiess die Muba auch an Grenzen. Zahlreiche Aussteller verlangten mehr Platz, unterschiedliche Branchen wiederum wünschten sich ein fachkundigeres Publikum mit ausländischen Besuchern und Ausstellern. Doch die Öffnung für Aussteller aus dem Ausland stiess bei einem Grossteil der Branchenvertreter auf erheblichen Widerstand. Sie befürchteten unliebsame Konkurrenz.

Mitte der Siebziger Jahre setzte die Messeleitung internationalen Übereinkommen folgend die Öffnung durch, was eine rasante Dynamisierung der Messe bewirkte und zur Herauslösung der heutigen Uhren- und Schmuckmesse, der heutigen Baselworld, der Swissbau sowie weiterer Spezialmessen aus der Mustermesse führte.

Zugleich vollzog sich ein Wandel von der Einheitsmesse zu Fachmessen und Kongressen mit einem eigenen Zentrum. Neue Veranstalter richteten Fachmessen samt wissenschaftlichen Kongressen aus. Zu den ersten gehörten Holz, Pro Aqua – pro vita und andere mehr. Eine der bedeutendsten Fachmessen ist die 1970 von Kunstinteressierten gegründete Art Basel, die mittlerweile als wichtigste Kunstmesse weltweit gilt.

Bestand der Messekalender über Jahrzehnte nur aus der Mustermesse im Frühjahr, war die Muba nun eine unter Dutzenden von Messen, die vom Mutterhaus MCH-Group an verschiedenen Standorten durchgeführt werden. Hinzu kamen laufend weitere kulturelle und politische Veranstaltungen wie das OSZE-Treffen von 2014.

Im Jahr 2000 griff die Muba diese Entwicklung des Aderlasses offensiv auf und warb mit dem Slogan «Besuchen Sie die Mutter aller Messen». Das Motto war mit einer Aufnahme des bekannten Modefotografen Richard Avedon verknüpft und zeigte eine nackte Schwangere, was in Öffentlichkeit und Politik teilweise heftige Reaktionen hervorrief.

Adieu mit Würde

Im Kanton Solothurn wurde der Aushang des Plakates gar verboten. Zwar provozierte der Slogan, aber die Muba schaffte dennoch keinen «sexy» Turnaround mehr. Von der Grande Dame der Schweizer Messen konnte dies wohl auch nicht erwartet werden. Zu dieser Erkenntnis sind auch die Messeverantwortlichen gelangt. Sie verabschieden die Muba in Würde, wohl wissend, was die Bevölkerung und die Wirtschaft ihr zu verdanken haben.

Alle Besucherinnen und Besucher sind mit einem Gratiseintritt zur Dernière geladen. Bleibt nur zu wünschen, dass es die Verantwortlichen wieder schaffen, den Neuanfang als Chance zu nutzen.

*Patrick Kury ist Professor für neuere allgemeine und Schweizer Geschichte an der Universität Luzern und Co-Leiter von Stadt.Geschichte.Basel. Zum 100-jährigen Bestehen der Muba 2016 hat er zusammen mit Esther Baur das Buch Im Takt der Zeit. Von der Schweizer Mustermesse zur MCH Group herausgegeben.