Traumwandlerisch setzt er die Töne, lässt die Bässe grollen. Perlende Läufe wechseln mit scharfen Akzenten, Ostinati lösen sich auf, tragen als Fragmente die Improvisation durch sich ständig wandelnde musikalische Räume, um sich schliesslich spielerisch neu zusammenzusetzen: Aaron Bebe Sukuras Spiel auf dem Gyil (sprich «Dschili»), dem Xylofon der Stämme Dagara, Lobi und Sisala im Norden Ghanas, wurzelt tief in der Tradition, strahlt aber zugleich in jazziger Leichtigkeit ins Heute.

«Auch viele meiner Landsleute sind sich nicht bewusst, welche Strukturen unsere Musik prägen», bedauert er. Gerade das Gyil mit seiner pentatonischen Stimmung verleite dazu, pseudovirtuos darauf herumzuspielen. «Für Laien mag das gut klingen, aber eigentlich ist es nur Lärm», kritisiert er. Er selbst komponiert zwar neue Muster und Figuren. «Was macht der Kerl da?», heisse es dann, wenn er im Heimatdorf Tanchara in der Nähe zur Grenze nach Burkina Faso spielt. «Doch dann fühlen sie, dass ich die Tradition respektiere, und sie fangen an zu tanzen.»

Tanz ist nicht zuletzt ein Kompliment an den Musiker. Doch das Gyil – in Europa auch als Balafon bekannt – dient nur zu einem kleinen Teil der Unterhaltung. Bei religiösen Zeremonien übernimmt es ein tragende Rolle. Eine Beerdigung ohne drei Tage und Nächte Musik ist bei den Dagara undenkbar – es sei denn, man stirbt in der «Woche der Stille» vor dem Beginn der Erntefeste. Diese wiederum sind von Musik geprägt. Und während in Ghanas Süden die Trommel das Ensemble führt, ordnet sich im Norden das Ensemble dem Gyil unter.

Sukura sieht diese Tradition bedroht: Bei der in den Süden abgewanderten Jugend steht Konservenmusik höher im Kurs als die traditionellen, nur übers Gehör überlieferten Lieder. «In der Stadt werden wir teilweise belächelt. Fällt dann aber der Strom aus, ist die Band ohne ihre Verstärker aufgeschmissen. Wir mit unseren Gyiles retten dann den Abend.»

Auf Einladung Indiens am WEF

Sein Grossvater – Ghana war noch Kolonie – wurde im Zweiten Weltkrieg in die britische Armee eingezogen und blieb dann, wie viele Dagara, im Süden hängen: Als Kleinbauern können sie sich in der kargen Savanne knapp ernähren, doch für Geld bleibt nur die Migration in den Süden.

Als der Enkel Aaron in Tanchara geboren wurde, nannte ihn sein Grossvater Bebe, was «ich bin dort» heisst, um seine Verbundenheit mit der Heimat im Norden auszudrücken. Dieser zweite Vorname sollte Aaron Bebe Sukuras Bestimmung werden: Immer wieder sieht er sich als Brücke zwischen hier und dort, zwischen Tradition und Moderne, zwischen verschiedenen Musikstilen und Kulturen. An der nationalen Universität in Accra unterrichtet er Gyil. Doch er ist in verschiedenen Musikstilen zu Hause und damit auf vier Kontinenten aufgetreten.

So kam auch sein aktueller Aufenthalt in der Schweiz zustande: An einem Kulturseminar in New Delhi wurde eine Abteilung des indischen Aussenministeriums auf ihn aufmerksam und lud ihn, als man für eine indisch-afrikanische Kulturpreisverleihung am World Economic Forum einen Musiker suchte, nach Davos ein.

Nun nimmt er die Gelegenheit wahr, Schüler zu besuchen. Denn im Gegensatz zu vielen anderen hervorragenden afrikanischen Musikern versteht er es auch, als Brückenbauer sein Wissen interkulturell weiterzugeben.