Zeiträume

Ein Museum als Klangkörper? Das Kunstmuseum Basel wird zur Tonfabrik

Zum dritten Mal bringt das Festival Zeiträume Musik und Architektur zusammen. Highlight ist ein mächtiger Klangturm.

Ein Museum als Klangkörper? Zwischen Musik und Architektur, Ton und Raum, Klang und Konstruktion lassen sich unzählige Gegensätze, aber auch Gemeinsamkeiten und Verbindungen finden. «Beide erzeugen – für einen Moment oder für Generationen – bestimmte Räume, in denen sie Menschen zusammenbringen, die ihre Eindrücke sammeln und teilen», so die Organisatoren von Zeiträume Basel, der Biennale für neue Musik und Architektur: «Musik ist immer auch Raumkunst.»

Festivalintendant Bernhard Günther sagte es am Dienstag bei der Programmvorstellung so: «Mit den neuen Räumen entsteht ein ganz besonderes Gut, das wir auch feiern wollen.»

Spektakulärer Bau überragt Museumsdach

Die dritte Ausgabe des zehntägigen Festivals im September, das 2012 als Künstlerinitiative seinen Anfang genommen hat, ist die bisher grösste. Die Veranstalter versprechen überraschende Events an neuen Orten, vielfältige Produktionen und Uraufführungen zwischen Architektur und Musik. In den 30 Projekten in und um Basel lässt sich nicht nur Gebautes betrachten und Tönen lauschen – auf Neues stossen kann das Publikum auch in musikalischen und architektonischen Interventionen im öffentlichen Raum.

Buchstäblich das herausragendste Objekt am diesjährigen Festival verspricht «Rohrwerk/ Fabrique sonore» zu werden, ein 45 Meter hoher Klangturm im Innenhof des Kunstmuseums. Der spektakuläre Bau, der das Museumsdach weit überragt, sieht aus wie eine Orgelpfeife oder ein riesiger Bleistift, der auf der Spitze steht – oder eher schwebt. Er besteht aus Dutzenden von grossen und kleinen Rohren aus unterschiedlichen Materialien: von Plexiglas über Plastik bis zu Metallen wie Kupfer und Aluminium. Die komplexe Konstruktion ist begeh- und gleichzeitig als Schlag- und Blasinstrument spielbar.

Augenfällig ist hier die Grenze zwischen Architektur und Musik, zwischen Raum und Instrument aufgelöst. An diesem komplexen Klangraum hat ein vielköpfiges Team von jungen Genfer Architekten und Musikern um den Basler Komponisten und Festival-Präsidenten Beat Gysin fast zwei Jahre lang gearbeitet. Aufgeführt wird hier speziell dafür geschaffene Musik, auch Führungen und Performances finden statt – auf das Klangerlebnis darf man gespannt sein.

Ebenfalls ein temporäres Bauwerk bildet der kubusförmige Pavillon bei der Mittleren Brücke, eine Art aufklappbarer Würfel des Basler Architekten Marco Zünd. Dass dieses Festivalzentrum tagsüber zugänglich bleiben wird, gehört zum Konzept der Veranstalter, die sich bewusst dem Publikum öffnen wollen. Wichtig seien neben den Experimenten, innovativen Formen und dem Überschreiten von künstlerischen Grenzen auch das gemeinsame Erleben und Zuhören, hiess es: Viele Formate sind denn auch ausdrücklich zum Mitmachen gedacht.

Instrumente aus Baumaterialien

Partner des Festivals, das über ein Eigenbudget von rund 700'000 Franken verfügt, sind unter anderem die Hochschule für Musik/Musik-Akademie, das Kunstmuseum und Gare du Nord; neu sind etwa auch das Theater Basel und der Verein Zwischenzeit dabei. «Bei der Suche nach Kooperationen sind wir überall auf offene Türen gestossen», sagte Festival-Geschäftsführerin Anja Wernicke. Dazu beigetragen haben mögen Basels internationaler Ruf als Architekturstadt wie auch seine Tradition in neuer Musik.

Das Festivalprogramm verspricht eine Reihe weiterer innovativer und überraschender Kulturerlebnisse: Etwa wenn die Basel Sinfonietta auf einem Rheinschiff spielt, Chöre auf Strassen und Plätzen zum gemeinsamen Summen anheben oder wenn in einer Kirche elektronische Harfenklänge ertönen. An einer Ausstellung werden «architektonische Musikinstrumente» zu sehen sein, die aus handelsüblichen Baumaterialien zusammengesetzt sind. Und auf geführten Spaziergängen und Audiowalks durch Quartiere und Parks kann es vorkommen, dass die Orte und Töne ineinander übergehen.

Den Abschluss wird die multimediale Produktion «La Coupole» in der Markthalle bilden, bei ihrer Fertigstellung 1929 eine der grössten Kuppelbauten weltweit.

Mit moderner 360-Grad-Videotechnik unternimmt das Festival Zeiträume erstmals den Versuch, die 1943 entstandenen Lichtkuppel-Farbstudien des russisch-französischen Komponisten und Avantgardisten Ivan Wyschnegradsky zu realisieren. In einer Uraufführung werden sechs Konzertflügel, die in MikrotonAbständen gestimmt sind, sowie acht Videoprojektoren die Markthalle in einen bewegten Raum aus Klängen und Farben verwandeln.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1