Kunstmuseum Basel

Ein neuer Direktor fürs Kunstmuseum

Josef Helfenstein vor einem seiner Lieblingsbilder, den «beiden Brüdern» von Pablo Picasso.

Josef Helfenstein vor einem seiner Lieblingsbilder, den «beiden Brüdern» von Pablo Picasso.

Josef Helfenstein ist seit wenigen Tagen Direktor und hat für die Zukunft bestimmte Ideen. In den letzten Monaten hat er sich viel Zeit genommen, um sich mit dem Spirit des Museums bekannt zu machen.

Josef Helfenstein, seit dem 1. September offiziell im Amt, hat als Ausgangspunkt für ein Gespräch Picassos Bild «Die zwei Brüder» von 1906 vorgeschlagen. «Das Werk hat für mich etwas sehr Berührendes.» Die Nacktheit, das unvollständig belassene Gesicht des kleinen Knaben, sein Verschmelzen mit dem Hintergrund und schliesslich die phänomenale Farbigkeit fassen alles zusammen, was wir heute erleben: «Wenn wir an die prekäre Lage unseres Planeten denken, an Kriegsopfer oder Migranten – die ganze Wehrlosigkeit, alle Melancholie ist in diesem Bild drin.»

Helfensteins Beschreibung verrät einen Museumsmann, der die Geschichte der Kunst nicht zuerst als Folge von Epochen und individuellen Leistungen liest. Kunst hält vielmehr eine Einladung bereit, sich den Themen des Menschseins zu stellen – und sie zu teilen. Wie wahrt Josef Helfenstein solche Berührbarkeit in einer Position, die so wenig Pausen lässt und so viel öffentliche Präsenz verlangt? «Es ist eine Art Rettung.» Was als pathetische Äusserung missverstanden werden könnte, bleibt hier der bodenständige Satz eines Direktors, der die persönliche Nähe zur Kunst zum Fundament aller Arbeitslast macht. «Ich hätte diese Aufgabe – mehr Berufung als Job – nie gewählt, wenn mich die Kunst nicht immer wieder im Tiefsten treffen würde. Grosse Kunst tut das.» Und grosse Kunst verlangt Respekt. Als wären die Menschen, die Picasso vor über hundert Jahren unübertroffen porträtierte, noch immer auf unsere Diskretion angewiesen.

Exkursionen in die Bestände

Neben dem Bruderpaar aus der Rosa Periode hängt im zweiten Obergeschoss des Basler Kunstmuseums Picassos «Familie». Hat der Künstler seiner Geliebten das Kind ihrer Wünsche auf den Schoss gesetzt? Solches will und soll Vermutung bleiben. Wie er hingegen sein Selbstporträt hinter der Mutter zum Familienbild schliesst, ist für Helfenstein ein weiteres Zeugnis emotionaler Meisterschaft. Und dass Pablo Picasso sein vielleicht intimstes Werk 1967 der Basler Öffentlichkeit zum Geschenk machte, ist nur eine von zahlreichen Geschichten der Grosszügigkeit, welche die Sammlung im Innersten zusammenhält.

Um sich mit dem «Spirit» des Hauses vertraut zu machen, hat sich der 59-Jährige die letzten Monate viel Zeit genommen. «Man kann nicht sinnvoll prospektiv sammeln, ohne retrospektiv genau informiert zu sein.» Entdeckungen der ausgedehnten Exkursionen durch die Säle, durch Depots und die enormen Bestände des Kupferstichkabinetts werden denn auch die kommenden Ausstellungen prägen. Das weltweit umfangreichste Konvolut von 150 Zeichnungen von Cézanne zum Beispiel lassen «mit grossartigen Beispielen» den Mal- und Denkprozess des französischen Malers zeigen. Dass die Werke auf Papier nicht im Zwischengeschoss, sondern in den Hauptsälen präsentiert werden, ist ein Signal – für die Bedeutung, die Cézanne fürs ganze 20. Jahrhundert beansprucht; aber auch für eine kuratorische Praxis, die zwischen dem nahsichtigen Kleinformat und der grossen, installativen Geste keine Rangordnung gelten lässt. Präzision und Grösse widersprechen sich nicht. Etwas vom Wichtigsten sei die Balance: In allerlei Ausstellungsformaten und in den drei Häusern will Helfenstein gleichzeitig Unterschiede gelten und Dialoge spielen lassen.

Lehrreiche Jahre in den USA

Dass das nicht leicht sein wird, ist ihm bewusst. Und der Direktor kennt auch kein Erfolgsrezept. Eher tritt er an mit dem Vertrauen, das ihn seine Jahre in den USA gelehrt haben – und ihm seit seiner Berufung nach Basel einstimmig vorauseilt. Das Risiko, das er auf sich nahm, als er als Schweizer Kunsthistoriker mit unvollständigen Sprachkenntnissen zuerst nach Illinois und dann nach Texas zog, hat sich als Chance, ja als Glück entpuppt. Das grösste Kompliment, das man ihm nach sieben Jahren bei der Menil Collection gemacht habe, kam vom Präsidenten der Museumskommission. «Er sagte mir, dass ich jede Veränderung, die mein Job mit sich brachte, auch als Person mit vollzogen habe. Ich glaube tatsächlich, dass man in der öffentlichen Rolle als Direktor völlig verschiedene Facetten entwickeln muss. Als hätte man eine Haut, die immer grösser werden oder sich anpassen muss.»

Aus den USA bringt Helfenstein auch das Selbstverständnis zurück, das ihm der Begriff des «Public Servant» so treffend zusammenfasst. «Ich sehe mich als Diener an der Öffentlichkeit.» Und wie alle wichtigen Ereignisse im Leben hat Josef Helfenstein die Verantwortung für ein grossartiges Museum angenommen: wie ein Geschenk.

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