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«Ein Numerus clausus für Sozialwissenschaften ist absurd»

Markus Diem ist von der Uni Basel angestellt, um Jugendliche bei ihrer Studienwahl zu beraten. Er ist überzeugt, dass diese selbst wissen, was gut für sie ist. Einen Numerus clausus für Geisteswissenschaften erachtet er als unnötig. In den betroffenen Fächern seien die Studentenzahlen sowieso rückläufig.

Moritz Kaufmann
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Studienberater Markus Diem

Studienberater Markus Diem

Zur Verfügung gestellt

Herr Diem, die wirtschaftliche Lage Europas ist schlecht, in Spanien herrscht eine Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent. Setzt einen das bei der Studienwahl unter Druck?

Markus Diem: Die Hauptfrage, die sich die Jugendlichen stellen, ist nach wie vor: «Was mache ich jetzt?» Aber wir stellen schon fest, dass wir immer häufiger gefragt werden: «Und was kann ich damit schaffen?» Es ist kein Zufall, dass wir im Fach Medizin – wo wir viel zu wenig Studienplätze haben, das aber einen Arbeitsplatz garantiert – zurzeit völlig überrannt werden.

Also beeinflussen die ökonomischen Ängste die Studienwahl?

Ja. Interessant ist: Wenn ökonomische Ängste auftauchen, gibts plötzlich mehr Leute, die Jura studieren und weniger, die Wirtschaft studieren. Man kann beobachten, dass durch die Wirtschaftskrise die Wirtschaft diskreditiert worden ist.

Mit welchen Fächern findet man denn problemlos einen Job?

Numerus clausus: «Das ist eine Ente»

Letzte Woche hat eine Forderung von Christian Amsler, Präsident der Deutschschweizer Bildungsdirektoren, für Kontroversen gesorgt: In der Sendung «10 vor 10» auf SRF sprach er sich für einen Numerus clausus für Geistes- und Sozialwissenschaftliche Fächer an Unis aus. Ähnlich wie bei den Medizinern soll die Zahl der Studenten begrenzt werden. «Das ist eine Ente», kommentiert Markus Diem diese Forderung, «bei den Sprachen oder in Geschichte sind die Studentenzahlen seit Jahren rückläufig.» Eine Begrenzung sei deshalb überflüssig. (MKF)

Sicher mit Medizin, Pharmazie, klassische Ingenieurwissenschaften, natürlich auch mit Wirtschaft. Auch mit Jura muss man sich keine Sorgen machen. Aber auch mit Geistes- und Sozialwissenschaften findet man einen Job. Nur kann man dort weniger sagen, welcher es dann sein wird. Bei Philosophie oder Medienwissenschaften entwickelt man sich dann ins Berufsfeld hinein.

Jetzt werden ja Forderungen nach einem Numerus clausus (siehe Box) für die Geistes- und Sozialwissenschaften laut. Würde das den Jugendlichen entgegenkommen? Das wäre wie eine Entscheidungshilfe.

Diese Forderung ist aus dem luftleeren Raum gekommen. Wenn man die Statistik anschaut, dann sieht man, dass wir gerade bei den Geisteswissenschaften in der Schweiz in den letzten zehn Jahren eine klare Abnahme verzeichnen. Wenn schon, dann gibt es bei den Sozialwissenschaften eine leichte Zunahme. Aber ein Numerus clausus wäre sinnlos, die Abnahme passiert von alleine.

Nach welchem Kriterium sollte man denn ein Studium wählen?

Es gibt vier. Erstens: Interesse und Fähigkeiten. Man soll ja nicht etwas machen, das einen am Schluss gar nicht interessiert. Es bringt nichts, theoretische Physik zu studieren, wenn man schlecht in Mathematik ist. Zweitens sind Berufsaussichten ein Thema.

Drittens?

Drittens – und das unterschätzen viele – die Struktur des Fachs: Wenn jemand ein sehr frei organisiertes Fach wie Geschichte wählt, aber nur mit der Pistole auf der Brust lernen kann, dann stürzt er ab. Will man ein geführtes Fach, dann ist zum Beispiel Medizin das richtige. Das vierte Kriterium ist das Soziale: An der Uni sind die Leute extrem sortiert. Da merkt man als Jurist plötzlich, dass man sich zum Beispiel an der mündlichen Prüfung gut anziehen muss, während man bei den Biologen in Badehosen zur Prüfung kann. Das heisst nicht, dass man so sein muss wie die anderen, aber man muss sich wohlfühlen.

Wie siehts denn aus mit dem sozialen Druck? Die Eltern haben einen ökonomischen Status erreicht, jetzt muss sich der Nachwuchs selbst verwirklichen.

Es stimmt: Trotz der Krise ist die Schweiz ein sehr reiches Land. Deshalb schiebt sich auch das Jugendlichsein heraus. Ich sehe Leute, die bis 30 viele verschiedene Ausbildungen machen. Man kann sich das leisten. Und es stimmt: Die Verwandten bauen Druck auf. Im Januar haben wir immer am meisten Nachfragen nach Beratungen.

Und warum?

Weil die Verwandten an Weihnachten fragen: «Und, was machst du jetzt?» (lacht). Aber die Jugendlichen sind ja auch selbst unter Druck. Deshalb finde ich auch die Forderung nach einem Numerus clausus absurd. Die Jugendlichen sind nicht dumm. Zum Beispiel hatten Ingenieurwissenschaften an der ETH in den letzten Jahren einen Zuwachs von über zehn Prozent. Die Forderungen der Wirtschaft passieren von alleine.