Globe Air
Ein Pilot bricht sein Schweigen: «Ich war Helmut Hubachers Informant»

Der kürzlich verstorbene Vollblut-Politiker war auch Journalist. Ein ziemlich guter sogar. Helmut Hubacher sah ein Unglück bei der Globe Air voraus. Zu seinem Recherche-Erfolg verhalf ihm ein Pilot – der bricht jetzt sein Schweigen.

Benjamin Wieland
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Helmut Hubacher (links), hier 1969 im Nationalrat, leitete auch als Chefredaktor die «AZ Abend-Zeitung». Felix Winterstein war eine seiner geheimen Quellen für die Globe-Air-Recherchen.
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Hubacher sah es kommen: Bei Globe Air gebe es bald ein Unglück, wenn sich nichts bessern sollte. Diese Bristol Britannia 313 sollte am 19. April 1967 ihren letzten Flug antreten.
20. April 1967: Erzbischof Makarios III besichtigt das Trümmerfeld. Die Absturzstelle liegt wenige Kilometer südlich des Flughafens Nikosia.
Schlagzeilen nach dem Globe-Air-Absturz in den Schweizer Tageszeitungen. Der Absturz war bis dahin der schwerste in der Geschichte der Schweizer Zivilluftfahrt.
Globe Air verschwindet nach dem Crash und Konkurs 1967 von der Bildfläche. Diese Dart Herald von Handley Page wurde nach Frankreich verkauft. Vor dem Abflug wird im Mai 1968 noch der Schriftzug überpinselt.
Die Bristol Britannia 313. Zwei dieser Turboprop-Flieger besass Globe Air –es waren die grössten Chartermaschinen der Schweiz zu jener Zeit.
Immer wieder freitags: Globe Air flog einmal pro Woche von Basel nach Interlaken, für Preise ab 42 Franken. Das sollte auch Engländer anlocken, die via London und Basel in die Alpen fliegen wollten.
Da hatte er schon längst bei der Swissair Unterschlupf gefunden: Felix Winterstein im Jahr 1973 vor einer Douglas DC-8.
Felix Winterstein heute. Der Basler verbringt seinen Lebensabend in Meyriez bei Murten.
Als Pablo Picasso davon hörte, dass die Basler per Volksabstimmung zwei seiner Bilder kaufen, schenkte er der Stadt gleich nochmals vier Helgen dazu.
Pablo Picasso: Arlequin assis, 1923. Eines der beiden Picasso-Bilder, welche zur Tilgung der Globe-Air-Schulden verkauft wurden, aber wieder im Kunstmsueum Basel landeten.
Rasches Passagierwachstum dank günstigen Preisen: Ein Ambassador der Globe Air (oben) startet von «Blotze», dem späterem Euro-Airport, in die weite Welt (1962).
Eine Globe-Air-Aktie: Rein materiell ist sie wertlos – ihr historischer Wert ist umso höher.
Als Basel noch zwei grosse Airlines besass, die Balair und die Globe Air. Beat Keller, heute 78, war Station Manager bei Globe Air und arbeitete in Nairobi.

Helmut Hubacher (links), hier 1969 im Nationalrat, leitete auch als Chefredaktor die «AZ Abend-Zeitung». Felix Winterstein war eine seiner geheimen Quellen für die Globe-Air-Recherchen.

Keystone/zvg

Es hätte ihm gefallen. Am 25. September nahmen Genossinnen und Genossen aus der ganzen Schweiz im Basler Volkshaus Abschied von ihrem früheren Präsidenten und Übervater, aber auch Mentor und Freund. Helmut Hubacher war am 19. August in Pruntrut gestorben, nach kurzer Krankheit, mit 94 Jahren. Auch etliche Journalisten trauerten in Nachrufen um den Vollblutpolitiker. Sie mochten ihn – und er mochte sie. Hubacher wusste, wie sie ticken bei den Medien. Kein Wunder: Er war einer von ihnen.

Hubacher leitete als junger Mann, zwischen 1963 und 1973, die kleine, aber unbequeme Redaktion der «Basler Arbeiter-Zeitung». Er liess sie als eine seiner ersten Amtshandlungen in «Die AZ Abend-Zeitung» umbenennen. Der neue Chefredaktor, er zeichnete mit dem Kürzel «H.», konnte rasch einen grossen Erfolg feiern – leider, wie er später anfügen sollte.

1967 stellte sich das ein, wovor Hubachers Team während der Monate zuvor gewarnt hatte. Die Globe Air, die zweite grosse Basler Airline neben der Balair, spare bei der Sicherheit. Ein Unglück sei nur eine Frage der Zeit. Im April 1967 war es so weit. Eine voll besetzte Maschine der Globe Air stürzte ab. 128 Menschen fanden den Tod.

Ein Motto wie aus SP-Hand: Fliegen für alle statt für wenige

Die ersten Gerüchte, bei der Globe Air stimme etwas nicht, seien im Sommer 1966 herumgeschwirrt, erinnert sich Hubacher in seiner Autobiografie «Das habe ich gerne gemacht». Es sei herumerzählt worden, die Airline «fliege nicht nur billig – Unterhalt und Wartung seien es auch». Globe Air, 1957 gegründet, galt als die erste Billigfluggesellschaft der Welt. Und war populär. Sie kalkulierte knallhart. Plötzlich konnte auch der Büezer samt Familie nach Gran Canaria, Kenia oder Sri Lanka in die Ferien fliegen.

Hinter der Charter-Fluglinie standen einflussreiche Basler. Hubacher wusste: Wenn er rausgeht mit den Globe-­Air-Recherchen, müssen sie wasserdicht sein. Was er brauchte, waren Interna. Am besten von Angestellten. Noch besser: von Piloten.

Man traf sich still und diskret im «Maxim» am Claraplatz

Felix Winterstein, Jahrgang 1934, erinnert sich noch gut an sein erstes Treffen mit dem damaligen «AZ»-Chefredaktor: «Es war in der Adventszeit 1966. Ich ging vom Grossbasel aus über die mittlere Brücke. Beim Claraplatz bog ich rechts ab, ging an der Clarakirche vorbei. Vis-à-vis des Volkshauses war das ‹Maxim›. Dort wirtete Hubachers Frau, die Gret. Wir sassen an einen Nebentisch, sprachen leise. Hubacher war um Diskretion bemüht – es sollte uns ja keiner zusammen sehen.»

Winterstein spricht zum ersten Mal öffentlich über diese Treffen. Er empfängt die «Schweiz am Wochenende» in seinem Haus in Meyriez bei Murten. Nach der Pensionierung ist er mit seiner zweiten Frau ins Seeland gezogen. Der Basler, der für seine 86 Jahre eine imposante Haarpracht aufweist, zeigt auf eine Vitrine mit Miniatur-Sportwagen. «Diese 13 Ferraris habe ich alle besessen», sagt Winterstein. «Jetzt freue ich mich über die Modelle.»

In Afrika wurde Winterstein mit Maschinengewehren begrüsst

Winterstein hatte 1964 bei der Globe Air angeheuert. Auf die ersten seltsamen Vorfälle musste er nicht lange warten. In seiner Autobiografie «Heute hier und morgen gestern» von 2017 beschreibt er, wie sein Flieger in Kinshasa auf dem Rollfeld von zwei Schützenwagen und Soldaten mit Maschinengewehren empfangen wurde. Die Zentrale hatte es versäumt, die Überflugrechte einzuholen. In Colombo musste gleich zweimal nacheinander der Start abgebrochen werden. Instrumente waren ausgefallen. Weil die Piloten ihre Dienstzeit überschritten hatten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als ins Hotel zurückzukehren. «Der Reiseleiter liess uns mitteilen», schreibt Winterstein, «dass die Passagiere weder heute noch morgen bereit wären, mit diesem Flugzeug nach Hause zu fliegen.»

Im Februar 1966 beschlossen Winterstein und ein befreundeter Pilot, etwas zu unternehmen. Sie übermittelten der Direktion einen Forderungskatalog. Unter anderem seien die gesetzlichen Vorschriften über Beladung und Treibstoffreserven «strikt einzuhalten». Die Direktion gelobte Besserung. Die stellte sich nicht ein. Im Juli 1966 hatte Wintersteins Kollege genug. Der Schwarzbube schickte seinen Pilotenschein an das Eidgenössische Luftamt zurück – mit der Bitte, man solle gegen ihn eine Untersuchung einleiten. Er habe gegen Gesetze verstossen.

Wenige Monate danach, im September 1966, kündigte auch Winterstein. «Ich sehe mich ausserstande, die Verantwortung als Pilot in ihrer Gesellschaft weiterhin zu tragen», teilte er dem Personaldienst mit. Zuvor war ihm ein Flugrapportbuch in die Hände gefallen, mit gefälschten Einträgen fürs Luftamt: Arbeitszeiten waren frisiert – plötzlich konnten die Ruhezeiten alle wieder eingehalten werden.

«Ganz einfach fiel mir der Schritt nicht», sagt Winterstein. «Ich stand bei der Globe Air mit 90'000 Franken in der Kreide, wegen der Pilotenausbildung, und ich hatte kurz zuvor in Witterswil ein Haus gekauft. Unter diesen Umständen künden – dafür muss man zuerst einmal den Magen haben.»
Den Kontakt zu Hubacher habe seine damalige Frau hergestellt, erinnert sich Winterstein. Sie war Hostesse bei der Balair. Die «AZ» hatte auch über die Balair recherchiert.

«Uns allen auf der Redaktion war hundeelend zumute»

Als am Donnerstag, 20. April 1967, um 1:13 Uhr Ortszeit eine der zwei Bristol Britannia 313 der Globe Air bei Nikosia im Landeanflug zerschellt, herrscht schlechtes Wetter auf Zypern. 117 Passagiere und neun Besatzungsmitglieder sind sofort tot. Es gibt nur vier Überlebende, darunter die Flugbegleiterin Veronika Gysin aus dem Baselbiet.

Als das Unglück geschah, war Winterstein im damaligen Kurhotel Schönegg oberhalb von Mumpf. Seine Mutter feierte den 60. Geburtstag. In einer Ecke habe ein Radio gedudelt, sagt Winterstein. Plötzlich sei ständig eine Meldung wiederholt worden: Absturz einer Turboprop-Maschine der Globe Air auf Zypern. «Ich spürte eine Wut in mir aufsteigen», schreibt Winterstein in seiner Biografie. Er hätte am liebsten gebrüllt: «Glaubt ihr es jetzt endlich?»

Nikosia war bis dahin das schwerste Unglück der Schweizer Zivilluftfahrt. Und es wäre vermeidbar gewesen. Der Pilot, das sollte sich später herausstellen, hatte, nach mehreren Zwischenstopps, beim Crash total 17,5 Stunden am Steuer gesessen. Der Co-Pilot konnte das Steuer nicht übernehmen. Er besass nicht die notwendige Fluglizenz.

Globe-Air-Investor fordert zehn Millionen Schadenersatz

Helmut Hubacher war nach dem Unglück nicht mehr wohl in der Haut. «Der schreckliche Beweis», heisst das Kapitel in seiner Biografie, das er dem Unglück widmete. «Uns allen auf der Redaktion war hundeelend zumute. Als ob wir mitschuldig gewesen wären. (...) Mangelnde Sicherheit zu kritisieren, war das eine. Durch eine Katastrophe bestätigt zu werden, war unerträglich.»

Im April 2017 jährte sich das Unglück zum 50. Mal. Die bz rief Hubacher an. Er erinnerte sich an die Artikelserie, als hätte er sie gerade verfasst. «Unsere Haltung lautete: Billig ist okay – aber nicht auf Kosten des Unterhalts. Globe Air war ein schlecht geführter Betrieb. Ich sagte immer: ‹Die transportieren Menschen, nicht Kartoffelsäcke!›.»

Schon vor dem Unglück war Hubacher von der Globe Air verklagt worden. Er habe geschäftsschädigende Dinge geschrieben, liess man ihn wissen. Deshalb habe er Schadenersatz zu entrichten. Zehn Millionen Schweizer Franken. Das habe ihm zwar einen Schrecken eingejagt, sagte Hubacher 2017 zur bz – aber er habe gewusst, im Recht zu stehen: «Wir haben mit über 50 Globe-Air-Angestellten gesprochen, vom Chefpiloten bis zur Putzfrau.»

Die Forderung wurde abgewiesen. Hubacher, er sass schon im Nationalrat, behielt den Zahlungsbefehl auf. Er habe vor Gästen gescherzt: «Schaut, ich bin zehn Millionen schwer!»

Wie sicher sich Hubacher war, sieht man an seinem Frontkommentar in der «AZ», den er am 22. April 1967 verfasste, nur zwei Tage nach dem Unglück. Darin heisst es: «Nicht wir, sondern Angestellte der betroffenen Gesellschaft erklärten gestern: ‹Wir wussten, dass es einmal passieren muss.›»

Am 17. Oktober 1967 suspendierte das Luftamt die Betriebsbewilligung der Globe Air. Nur zwei Tage später meldete sie Konkurs an.

Neue Flugzeuge mit alten Motoren abheben lassen?

Haarsträubend ist, was die Untersuchungen zu Tage brachten. Der Gesellschaft war schon 1966 das Geld ausgegangen. Bei den Bilanzen wurde getrickst und geschummelt, dass sich die Tragflächen bogen. In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Basel-­Landschaft – Globe Air hatte den juristischen Sitz in Allschwil – ist eine Verwaltungsratssitzung vom Januar 1966 protokolliert. Verwaltungsratspräsident Theodor Moll möchte wissen, «wie viel herausgeholt werden kann, wenn man die neuen Motoren ins Ersatzteillager nimmt.» Was bedeutet: Bei neu gekauften Flugzeugen hätte man alte Motoren eingebaut. Direktor Karl Rüdin antwortete, durch den Austausch der sechs neuen Motoren gegen die alten ergäbe sich «höchstens eine Verbesserung von 250'000 bis 300'000 Franken.» In den Akten der Anklage wird dazu vermerkt: «Keine moralischen Bedenken, sondern einfach: Es lohnt sich nicht.»

Die Prozesse zogen sich extrem lange hin. 1978 verurteilte das Baselbieter Kantonsgericht den Direktor Karl Rüdin wegen wiederholter Urkundenfälschung und mehrfachen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten bedingt. Benedikt Meyer hält in seinem Buch «Schweizer Airlines und ihre Passagiere 1919–2002» als Fazit fest: «Das Debakel war für alle Beteiligten ausgesprochen peinlich.»

Ein gutes Ende nahm die Affäre um die Basler Picassos. Peter G. Staechelin, Globe-Air-Hauptaktionär, sah sich mit Forderungen der Gläubiger konfrontiert. Um zu Geld zu kommen, verkaufte er mehrere Bilder der Familiensammlung, darunter auch zwei Picassos, die als Leihgabe im Basler Kunstmuseum hingen. Der Grosse Rat beschloss, die Bilder zu erwerben, doch dagegen wurde das Referendum ergriffen. Das Volk sagte am 17. Dezember 1967 Ja zum Millionenkredit. Als Picasso davon hörte, schenkte er Basel vier weitere Bilder – die Stadt revanchierte sich mit dem Picassoplatz. Auch die «New York Times» berichtete vom Picasso-Märchen.

Peter G. Staechelin erlebte das Ende des Globe-Air-Prozesses nicht mehr. Er war zuvor ums Leben gekommen – bei einem Flugunfall.

Ein Leben lang mit Hubacher befreundet – aber nie per Du

Felix Winterstein fand noch im Jahr seiner Kündigung eine Anstellung bei der Swissair. Bei ihr flog er bis zur Pensionierung weiter. Mit Hubacher blieb er befreundet. «Vor drei Jahren bin ich zuletzt zu ihm in den Jura hochgefahren. Wir hatten politisch das Heu nicht auf derselben Bühne. Aber er respektierte andere Haltungen.» Auch habe Hubacher nie seine Quellen verraten. «Damals sprach niemand von Whistleblowern. Ich ging ein grosses Risiko ein.» Auch in seinem Buch kommen die Treffen mit Hubacher nicht vor. Nur etwas habe er nie gemacht, sagt Winterstein. «Wir waren nicht per Du. Das machte man nicht. Wir sind wohl einfach eine andere Generation.»

Was damals auf Zypern geschah, beschäftigt noch immer. Sam Knight, Journalist beim «New Yorker», hat ein Buch angekündigt, das sich mit Vorhersagen für Katastrophen beschäftigt. Wie konnte sich Hubacher so sicher sein? Hatte er vom Crash geträumt? Sam Knight hätte Hubacher diese Fragen gerne persönlich gestellt.

Doch da hatte er sich bereits aus der Öffentlichkeit verabschiedet.

Es war zu spät.