Tagsüber wirkt er wie ausgestorben, die Pflastersteine sauber aneinandergereiht, aufgeräumt. Erst abends strömen die Leute auf den Münsterplatz, dieses Refugium unweit des Kleinbasels, aber dennoch mitten im Grossbasler Daig. Auf und unterhalb der Pfalz sitzen die Menschen am Rheinufer und trinken sich in den Feierabend. Hinter ihnen das Wahrzeichen der Stadt, dieses Jahr eintausend Jahre alt. Selbst das Erdbeben von 1356 liess das Bauwerk nicht sterben. Es wurde wiederaufgebaut und thront noch heute über Basel.

Es ist eine Renaissance, die den Platz bis heute prägt. Wer am Münsterplatz wohnt, liebt das alte Basel. Und steht vor Herausforderungen: So friedlich der Platz wirkt, so angespannt ist das Verhältnis zwischen alteingesessener Anwohnerschaft und Jugendlichen, die sich an lauen Sommerabenden auf der Pfalz und unter den Bäumen auf dem kleinen Münsterplatz versammeln.

An Wochenenden häufen sich rund ums Münster Bierdosen und Essensreste; Musik und Unterhaltungen bescheren der Nachbarschaft schlaflose Nächte. Immer wieder verständige die Anwohnerschaft die Polizei, erzählt eine Frau, die seit elf Jahren in direkter Nähe wohnt: «Der Platz muss nicht leer und totenstill sein. Aber es braucht einen gewissen Respekt bei der Nutzung des öffentlichen Raums.»

Der Frust der Anwohnerschaft hat nun politische Konsequenzen. GLP-Grossrat David Wüest-Rudin wünscht sich von der Regierung Massnahmen. Sogar ein «zeitlich begrenztes Rayonverbot Innenstadt» käme für ihn infrage.

Vom Parkplatz zum Openairkino

Der Konflikt zwischen Jung und Alt, traditionsreicher Vergangenheit und dem unbändigen Drang nach Veränderung, entlädt sich in den Sommermonaten überall in der Stadt, besonders in Rheinnähe. Dennoch bleibt der Münsterplatz ein Sonderfall. «Alle meinen, der Münsterplatz sei tot», sagt auch die Anwohnerin.

Dass sich der Platz schon länger im Umbruch befindet, geht dabei schnell vergessen. Noch bis ins Jahr 2007 wurde ein Teil des Platzes als Parkplatz genutzt. Mittlerweile ist der «schönste Parkplatz Europas», wie ihn das ehemalige Wirtepaar des Restaurants Isaak nannte, besonders in der zweiten Jahreshälfte beliebter Austragungsort von Grossanlässen. Openairkino, Herbstmesse und Weihnachtsmarkt sind längst nicht mehr die einzigen Veranstaltungen, die hoch über dem Rhein durchgeführt werden. Mondfest, Laternenausstellung, Stadtlauf, Klimastreiks: Der Platz gehört heute mehr denn je nicht mehr nur der wohlhabenden Anwohnerschaft.

Nicht alle finden diese Veränderung schlecht. «Der Münsterplatz hat keinen Anspruch darauf, ruhiger zu sein als andere öffentliche Plätze», findet beispielsweise SP-Grossrat Sebastian Kölliker, der auch für Kulturstadt Jetzt tätig ist Und so steht die Basler Politik vor dem Dilemma, der Jugend Freiraum bieten und zugleich für Respekt gegenüber der Anwohnerschaft sorgen zu wollen. Es ist ein Dilemma, das auch der Grünliberale Wüest-Rudin kennt. «Es geht mir nicht darum, junge Leute am Feiern zu hindern», sagt er im Gespräch. «Wir sind eine lebendige Stadt.»

Erst nachts erwacht der Platz zum Leben

Trotz des gemeinsamen Dilemmas gehen die Lösungsansätze auseinander. Wüest-Rudin denkt an Polizisten in Zivil und Bussen, Kölliker an Buvetten nach Kleinbasler Vorbild. Mit der Einführung der Buvetten am Unteren Rheinweg sei eine Art Kontrolle geschaffen worden. Kölliker ist überzeugt: «Eine konstante Belebung und Bespielung würde sich sicher auch auf dem Münsterplatz gut machen. Der öffentliche Raum gehört schliesslich uns allen.»

Wie prekär die Lärmbelastung auf dem Münsterplatz wirklich ist, darüber sind sich derweil nicht einmal die Ansässigen einig. Der Geschäftsführer des «Isaak» jedenfalls betont, er erlebe die Situation als völlig unproblematisch: «Das ist halt die Jugendkultur – das war schon immer so.»

Kurz vor Mitternacht verlassen die letzten seiner Mitarbeiter das Restaurant, hinaus auf den noch leeren Platz. Am nächsten Morgen, wenn die Stadtreinigung bereits da war, sind die Pflastersteine wieder sauber. In der öffentlichen Wahrnehmung wird der Münsterplatz dann wieder zum toten Platz in einer lebendigen Stadt.