Kammerorchester

Ein russisches Programm in der Martinskirche

In der Martinskirche finden Konzerte statt. (Archiv)

In der Martinskirche finden Konzerte statt. (Archiv)

Schmachtende Streicher und klagende, langgezogene Melodiebögen. Plötzlich nimmt eine Bassfigur Fahrt auf, peitscht die Musik zu einem Höllenritt an.

Ein Wechselspiel von tiefster Schwermut und ungezähmter Ekstase. So stellt man sich die russische Seele in Musik gegossen vor. Das Stuttgarter Kammerorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Matthias Foremny gab sich am Donnerstagabend in der Martinskirche ganz dem russischen Ton hin.

Auf dem Programm standen Werke von Alexander Glasunow, Sergej Rachmaninoff und Modest Mussorgsky. Als Erstes war das Saxofonkonzert op. 109 von Glasunow mit der jungen Saxofonistin Asya Fateyeva zu hören. Das Stück ist geprägt vom Wechselspiel weitläufiger, leidenschaftlicher Melodiebögen und virtuoser Solopartien. Fateyeva segelt mit warmem Ton und stupender Technik auf dem kompakten, weichen Klang des klein besetzten Orchesters. Obwohl tadellos vorgetragen, fehlt sowohl dem Orchester als auch der Solistin der Mut zum Risiko: Schärfere Akzente, explosivere Orchestereinwürfe und mehr Durchschlagskraft in der hohen Saxofonlage hätten der Interpretation noch einige interessante Ecken und Kanten verschafft.

Danach ist die «Vocalise» von Rachmaninov in einem Arrangement für Altsaxofon und Orchester zu hören. Ursprünglich für Stimme und Klavier geschrieben, veranlasste der grosse Erfolg des Stücks Rachmaninov zu Arrangements für unterschiedliche Besetzungen. Die schwermütige, langsam absinkende Melodie des schmachtenden Saxofons von Fateyeva und die pulsierenden Streicher holen die russische Seele in die Martinskirche. Wäre die Streicherbegleitung ein bissschen leichter hingetupft, die melodischen Höhenflüge des Saxofons ätherischer, brüchiger, dann wäre die Interpretation ihren allzu süssen Beigeschmack losgeworden.

Explosives Finale

Den Abschluss bildet Mussorgskys wohl berühmtestes Werk: «Bilder einer Ausstellung». Ursprünglich für Klavier komponiert, ist in der Martinskirche ein Arrangement des britischen Komponisten Jacques Cohen zu hören. Er orientierte sich eher am Arrangement von Maurice Ravel für grosses Orchester als am Original und übertrug die Bläserfarben und perkussiven Impulse geschickt durch verschiedene Spieltechniken auf den Streicherapparat. Das Orchester agiert fehlerfrei und rhythmisch sehr kompakt. Hier sind dann auch die Explosivität, der Mut zum Kontrast und zu scharfen Klangfarben zu hören, die bei den ersten Stücken ein wenig gefehlt haben.

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