Auf der Mittleren Brücke scheint viel los zu sein an diesem Herbsttag Ende des 19. Jahrhunderts. Vornehm gekleidete Herrschaften flanieren über die vertraute Kulisse. Ein Zeitungsjunge schaut irritiert in die Kamera. Eine Kutsche rollt durchs Bild und ein paar Kinder in ihren Sonntagsanzügen wuseln herum. Knapp fünfzig Sekunden dauert die älteste in Basel gedrehte Filmaufnahme aus dem Jahre 1896. Sie gehört zum Œuvre der Gebrüder Lumière.

Die französischen Filmpioniere hatten erst im Vorjahr ihren Kinematografen vorgestellt. Ein Durchbruch für die Filmtechnik: Der Kinematograf war der erste Apparat, der als Kamera, Kopiergerät und Projektor genutzt werden konnte. Ausserdem war er mit gerade mal fünf Kilogramm Gewicht sehr handlich. Die Edison-Kamera war im Vergleich ein Monster – von den Vorführboxen ganz zu schweigen.

Der umtriebige Westschweizer Geschäftsmann François-Henri Lavanchy-Clarke hatte als erster Ausländer die Konzession für die Erfindung erworben. Der frühere Bibelverkäufer, der als Missionsschüler zeitweise in Basel gelebt hatte, war quasi der Prototyp der kommenden Filmproduzenten. Er vereinte die Leidenschaft fürs Inszenieren mit einem aussergewöhnlichen Sinn für Marketing. Reich geworden war er als Importeur der englischen Sunlight-Seife. Zur Vermarktung publizierte er eine eigene Zeitschrift, die jeder dritte Schweizer Haushalt abonniert hatte.

Als Lavanchy-Clarke in einem Wettbewerb die beste Waschfrau suchte, traten 1200 Kandidatinnen an. Kein Wunder tauchte die Marke Sunlight auch immer wieder in seinen Filmaufnahmen auf – heutzutage würde man von Schleichwerbung sprechen. Der stilbewusste Geschäftsmann war aber auch ein begnadeter Selbstdarsteller und trat in seinen Inszenierungen oft auch selber auf – auch das ein beliebter Filmkniff, der heutzutage unter dem Begriff Cameo bekannt ist und dessen sich etwa Alfred Hitchcock gerne bediente.

Fünf Jahre Recherche

Im September 1896 präsentierte Lavanchy-Clarke den Kinematografen an der zweiten Schweizer Landesausstellung in Genf. Auch davon sind im Lumière-Archiv Filme zu finden. Gleichzeitig reiste er mit seinem Kameramann durchs Land und machte weitere Aufnahmen. Dabei entstand auch das Werk Lumière Nr. 308 «Bâle – Le pont sur le Rhin». Die Aufnahmen sind schon länger bekannt.

Über die Hintergründe gab es bisher allerdings nur wenig gesicherte Informationen. Auch Zeitungsberichte aus der damaligen Zeit über das Ereignis existieren nicht. Lediglich ein paar Inserate, welche kurz nach den Aufnahmen für die Filmvorführung im Stadtcasino warben.

1995 wurde der Film zum hundertsten Geburtstag des Kinematografen auf der Mittleren Brücke gezeigt. Im Anschluss kam ein Mann auf die Veranstalter zu und sagte, er habe seinen Grossvater wiedererkannt – niemand reagierte. Zwei Jahrzehnte später tauchte die Idee einer vertieften Analyse des Films wieder auf.

Eine Gruppe rund um den Basler Filmemacher und Medienwissenschaftler Hansmartin Siegrist hat in den vergangenen fünf Jahren in akribischer Detektivarbeit Informationen zur Aufnahme und den Protagonisten zusammengetragen. Vergangene Woche wurde die Homepage zum Grossprojekt aufgeschaltet. Im Herbst soll ein 500 Seiten dickes Buch im Christoph Merian Verlag erscheinen.

«Eigentlich ging ich davon aus, dass das Projekt rund ein Jahr dauern würde», sagt Siegrist. Mittlerweile beschäftigt er sich seit einem halben Jahrzehnt mit den Aufnahmen. Tausende Male hat er die fünfzig Sekunden seither angeschaut und zusammen mit Studierenden der Universität Basel jedes erdenkliche Detail zu ergründen versucht. Masterarbeiten wurden verfasst. Bald soll die erste Dissertation folgen.

Promis und Schleichwerbung

Klar war von Anfang an: Die Aufnahme war keine im heutigen Sinn dokumentarische, sondern eine choreografierte Inszenierung. «Die allermeisten Filme der damaligen Zeit waren durch und durch inszeniert», sagt Siegrist. Die simpelste Frage bei den Nachforschungen war die Frage nach dem Standort des Operateurs, des Kameramannes Constant Girel. Dieser hat den Kinematografen auf der Grossbasler Seite der Brücke aufgestellt und das Kleinbasel im Blick, rechts auf dem Bild klar erkennbar das Käppelijoch, im Hintergrund die bekannte Häuserfassade. Was auffällt: Der erste Kinematograf verfügte noch nicht über einen Sucher. So fehlen die Schornsteine der chemischen Betriebe, welche das Kleinbasler Stadtbild prägten.

Danach ging es an die Detailarbeit. Dank Unterlagen von damals und Wetterdaten konnte die Aufnahme auf eine halbe Stunde genau terminiert werden. Anhand der Breite der Tramgleise konnte die Grösse der Personen schon fast auf den Zentimeter genau berechnet werden. Von einer Person, die man auf den Aufnahmen vermutete, war bekannt, dass sie unter Gicht litt.

Entsprechend wurde medizinisch abgeklärt, ob diese Erkrankung das Hinken eines Protagonisten erklären würde. Mittlerweile ist das Team so weit, dass sie die Pferde, welche die Kutsche mit den Bierfässern ziehen, benennen können – sie heissen wohl Hans und Cognac. Die Bierbrauerei hat in ihrem Jahresbericht alle ihre Rösser aufgelistet. Auch bei der Kutsche handelte es sich nicht um Zufall, sondern um gekonntes Product Placement. Die Basler Löwenbräu AG gehörte dem Beizer vom Löwenzorn.

Vor allem aber wurden die Aufnahmen mit forensischen Methoden mit alten Fotos abgeglichen. Auch der Einsatz von Gesichterkennungssoftware wurde erwogen, scheiterte aber daran, dass aus der damaligen Zeit mehr Gemälde als klar identifizierbare Porträtfotos vorhanden sind. Die Hauptfigur des Films, der Seidenfärbermeister Achilles Lotz etwa, ist als Tambour auf den Malereien im Saal des Grossen Rats aus dem Jahr 1904 zu finden – zusammen mit weiteren Personen, die im Film vorkommen.

Seine Identifikation nach rund einem Jahr Arbeit war der erste grosse Durchbruch, erinnert sich Siegrist. Denn um die Zentralfigur drehen sich alle weiteren Personen der Inszenierung. Während rund um ihn herum Trubel herrscht, posiert er stoisch auf der Brücke, bevor er leger an der Kamera vorbeischlendert.

Lotz ist ein schillernder Charakter. Er sah sich als König von Kleinbasel. Die Familienlinie lässt sich zurückverfolgen bis ins 16. Jahrhundert. Zum Zeitpunkt des Films war der Seidenfärber auf dem Zenit seines Geschäftslebens angekommen – zwanzig Jahre später musste Lotz seine Immobilien verkaufen, um den Konkurs abzuwenden. Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigte er in seiner Fabrik an der Rheingasse aber noch rund 100 Arbeiter. Als dort vor kurzem der Jazzcampus errichtet wurde, fanden sich im Boden noch Altlasten der Ära Lotz.
Virtuelle Fahrt über die Brücke

Drei Wochen vor den Aufnahmen war Lotz zum Obermeister der drei Ehrengesellschaften ernannt worden. Entsprechend inszenierte er sich vor «seinem» Haus, dem Café Spitz – dem gemeinsamen Hauptsitz der 3E. Er war einer der bekanntesten Basler Ende des 19. Jahrhunderts und ein Kleinbasler Original. Überliefert ist folgende Anekdote: Der trinkfeste Lotz stand wegen öffentlichen Urinierens vor Gericht. Als er mit einer Busse von fünf Franken belegt wurde, legte er freiwillig noch fünfzig Rappen drauf: Für den begleitenden Windabgang, wie der Stadtführer Grabmacherjoggi schreibt.

Mit Lotz als Epizentrum der Aufnahmen tauchten neue Verbindungen auf. Beim Grossteil der Protagonisten handelt es sich um Familie oder Freunde des Kleinbasler Geschäftsmannes. Offenbar hatte Lotz für Lavanchy-Clarke das Casting übernommen. 16 Personen der Dynastie Lotz konnten die Forscher bisher identifizieren. Mutter, Ehefrau, Schwester, Schwager, mehrere Söhne, Neffen und Cousins. Dazu kommen Freunde aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zünften.

In der Schlusssequenz ist etwa Paul Barth-Schaeffer zu sehen – ein ehemals morphiumsüchtiger Arzt und enger Freund und Cousin von Lotz. Anfangs hegte Siegrist gar die Hoffnung, dass dessen Neffe, der später bekannte Theologe Karl Barth, auch im Film zu sehen wäre. Ein Wunsch, der sich bisher nicht erfüllte – der damals zehnjährige Barth Junior lebte in Bern. Barth-Schaeffer war auch der Götti von Lotz’ jüngstem Sohn Peter Gottlieb, der zum Schluss des Films in die Kamera schaut. Dessen Enkel meldete sich vergangene Weihnachten überraschend bei Siegrist – mit einer Fülle von Fotos.

Parallel zu den Recherchen versucht das Team um Siegrist, das Projekt weiterzudenken. So wurde dank der Gebert Rüf Stiftung in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Gestaltung und Kunst die damalige Mittlere Brücke anhand von alten Aufnahmen virtuell nachgebaut und versucht, die Umgebung auf der Kleinbasler Rheinseite historisch korrekt zu inszenieren.

Mittels Virtual-Reality-Brille ist so eine kurze Fahrt über die Mittlere Brücke Ende des 19. Jahrhunderts möglich, mit den Holzplanken unter den Füssen und den hohen Kaminen der Färbereien als fixes Element der Kleinbasel Rheinuferfassade. Das Ganze soll mehr werden als eine teure Spielerei. Angedacht ist eine Software, um szenische Räume in historischen Filmen zu erfahren. Auch sind während der Recherchen weitere Lumière-Filme aus Basel aufgetaucht, die ausgewertet werden wollen. «Die Arbeit wird mir so schnell nicht ausgehen», meint Siegrist.