Erdbeben
Ein schweres Erdbeben in Basel könnte bis zu 6000 Opfer fordern

Die Schweiz übt die grosse Katastrophe: Würden bei einem schweren Erdbeben die Rettungsmassnahmen funktionieren? Als Übungs-Szenario dient Basel. Die Region hat ein erhöhtes Risiko - im Ernstfall könnten bis zu 6000 Personen vermisst sein.

Moritz Kaufmann und Stefan Schuppli
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Das Schweizer Team analysiert anhand eines Gebäudemodells Rettungsmöglichkeiten.

Das Schweizer Team analysiert anhand eines Gebäudemodells Rettungsmöglichkeiten.

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Nach einem Erdbeben liegt Basel in Schutt und Asche. 6000 Personen werden vermisst. Die Basler Regierung ist in einem Zelt untergebracht. Zwölf Rettungsteams aus der ganzen Welt reisen an, um Menschen unter den Trümmern hervorzuholen.

Dieses Szenario spielte die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) vor zwei Wochen in Luzern durch. Eingeflogen wurden für die dreitägige Übung «Simex» zu diesem Zweck Rettungsteams aus Ländern wie den USA, Deutschland oder Japan. Die Männer und Frauen sind «Heavy Rescue»-Profis. Das heisst, sie sind spezialisiert darauf, sich durch Beton zu fräsen, um Verschüttete zu retten.

Hohes Erdbebenrisiko

Patrick Smit von der Nationalen Alarmzentrale hat das Szenario entworfen. Es ist dasselbe, mit welchem letztes Jahr die Kantone bei der Übung Seismo in Liestal geübt haben. Smit hat sich bewusst an der Vergangenheit orientiert. «Wir haben das Szenario in Basel angesiedelt, weil hier vor mehr als 650 Jahren schon mal ein schweres Erdbeben stattgefunden hat.» Zwar seien neben der Region Basel auch das Wallis und das Graubünden gefährdet. Aber: «Basel hat ein hohes Risiko.»

Das Erdbebenrisiko ist das Ergebnis, wenn man die Erdbebengefährdung und die sogenannte Wertkonzentration miteinander multipliziert. Die Erdbebengefährdung in der Region ist laut Smit im internationalen Vergleich «gering bis mittel», doch die Wertkonzentration ist hoch: Die Region Basel ist dicht besiedelt, hat eine stark ausgebaute Infrastruktur, Fabriken usw. Wann immer die Schweiz über Erdbeben diskutiert, steht Basel deshalb im Zentrum.

«Ein schweres Erdbeben ist ein extremes Szenario. Im Durchschnitt kommt es in der Schweiz rund alle tausend Jahre dazu», sagt Smit. Und doch: «Man muss vorbereitet sein.»

Bund nimmt sich Problem an

Auch die Bundespolitik befasst sich seit Längerem mit Erdbeben. Nachdem vor einem Jahr National- und Ständerat eine Motion zur Einführung einer obligatorischen Erdbebenversicherung überwiesen hatten, befasst sich nun der Bundesrat damit. Vorausgegangen war eine lange Diskussion, während derer sich unter anderem die Baselbieter Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer stark engagiert hatte. Der Bundesrat legte sich zunächst quer.

Die Motion bleibt sehr allgemein: Der Bundesrat wird beauftragt, in der gesamten Schweiz eine obligatorische Erdbebenversicherung zu veranlassen. Die Prämie soll einheitlich sein. Für eine Einheitsprämie brauche es eine Bundeskompetenz und damit eine Änderung der Verfassung, hatte Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf im Ständerat erklärt, als dieser das Thema diskutierte.

Die Beteiligten, insbesondere die Kantonalen Gebäudeversicherungen (KGV) und die Privatassekuranz, erarbeiten jetzt einen Vorschlag. Diese Arbeitsgruppe gut sei unterwegs, erfuhr Leutenegger Oberholzer vom Finanzdepartement. So soll bis Mitte Juni ein Konsultationspapier an die interessierten Kreise abgegeben werden, die Vernehmlassung soll bis Ende September dauern. Anschliessen werde der Bericht erarbeitet und Ende Jahr dem Parlament vorgelegt.

Ein Erdbeben in der Nähe von Basel mit einer Stärke von 6,9 hätte rund 60 Milliarden Gebäude- und Mobiliarkosten zur Folge. Schätzen Experten. Hinzu kämen Milliarden-Kosten für zerstörte Infrastrukturen und Betriebsunterbrechungen.

Versicherung kostet 1491 Franken

Im Prinzip können sich Haus- und Wohnungsbesitzer auch privat versichern. Obwohl die Wahrscheinlichkeit eines Erdbebens gering ist, sind die Prämien nicht gerade günstig. Beispiel: Eine Erdbebenversicherung für Haus in Reinach, mit zwei Millionen Franken Neuwert versichert (Massivbauweise, Riegelbau, Bodenheizung), kostet bei Nationale Suisse jährlich 1491 Franken. Der Selbstbehalt ist beträgt fünf Prozent der Schadenshöhe, mindestens aber 20000 Franken. Die Prämien in einem gesamtschweizerischen Obligatorium wären deutlich tiefer als bei einer freiwilligen Versicherung, weil das Prämienaufkommen ungleich grösser wäre und auch Regionen umfassen würde, die ein tieferes Erdbebenrisiko als in Basel haben.

Unabhängig von allen Kosten: Bei der Übung «Simex» des Deza konnten die Rettungsprofis insgesamt 105 Menschen retten. 100 haben sie geschafft.