Telebasel

Ein Sender sucht seine Botschaft: Telebasel und die ungewisse Zukunft

Während die meisten Medienunternehmen auf Kurzarbeit umgestellt haben, hat Telebasel acht neue Stellen geschaffen.

Während die meisten Medienunternehmen auf Kurzarbeit umgestellt haben, hat Telebasel acht neue Stellen geschaffen.

Telebasel ist mit 110 Mitarbeitenden mittlerweile das grösste Basler Medienunternehmen. Mehrheitlich mit öffentlichen Geldern finanziert und von einer Stiftung getragen, trägt der Sender eine besondere Verantwortung. Dieser nachzukommen, fällt ihm aber zunehmend schwer.

Telebasel ist das «erfolgreichste regionale TV- und Online-Medienunternehmen der Schweiz», heisst es in einer Stellenausschreibung. Wo die meisten Medien unter einem Einbruch der Werbeeinnahmen klagen, vermeldet der Sender in einer Medienmitteilung eine Steigerung des Werbeaufkommens. Als Onlinemedium könne Telebasel in der Coronakrise bei den Zugriffszahlen zudem den grössten Anstieg verzeichnen. Während andere Medienunternehmen ihre Redaktionen auf Kurzarbeit gesetzt haben, habe Telebasel zudem acht neue Stellen besetzt.

In der Eigenwerbung und Selbstwahrnehmung reitet der Basler Sender auf einer eigentlichen Erfolgswelle. Und allen voran surft Michael Bornhäusser. Er agiert für den Sender als CEO, als Stiftungsrat der Trägerschaft und zuweilen auch als Journalist. Und dies alles im Teilzeitpensum. Denn mit seiner eigenen Firma Bulb Capital ist Bornhäusser eigentlich Vermögensverwalter, Business-Angel und Start-up-Unternehmer.

Bornhäusser steht für den aktuellen Erfolg, aber auch für das Problem von Telebasel. Sein Aktivismus beschert dem Sender gute Zahlen, seine ungebremsten Alleingänge legen jedoch offen, dass dem Sender die Kontrolle entglitten ist. Die redaktionellen Checks and Balances sind ausser Kraft; die ausgedünnte Chefredaktion ist zur Erfüllungskraft degradiert, der übergeordnete Stiftungsrat im händeringenden Zusehen gelähmt.

Michael Bornhäusser, der Chef: «Wir wollen das Primärmedium sein.»

Michael Bornhäusser, der Chef: «Wir wollen das Primärmedium sein.»

Augenscheinlich wurde es bei Bornhäussers Befragung des Messe-Chefs Ueli Vischer vor laufender Kamera. Er inszenierte sie als besserwisserisches Streitgespräch. Intern war ihm vor der Sendung abgeraten worden, als kommerzieller Geschäftsführer auch redaktioneller Gesprächsführer zu sein. Den Einwand schlug er in den Wind. Nun hat sich der Ombudsmann mit einer Beschwerde zu befassen, Basler Politiker fordern seine Absetzung und Nationalrat Christoph Eymann fragt die Stiftungsräte in einem Brief: «Wer kontrolliert hier eigentlich wen?»

Ein veraltetes Konstrukt stützt den Sender

Die politische Einmischung ist begründet. Telebasel ist ein Unikat in der schweizerischen Medienlandschaft. Alle zivilgesellschaftlichen Kreise waren bei der Gründung der Stiftung Telebasel eingebunden. Der Kanton machte der Stiftung dazu ein ausserordentliches Geschenk. Als Entgelt für die Nutzung öffentlichen Grunds und Bodens wurde der Betreiber des TV-Kabelnetzes (zunächst Balcab, dann Cablecom, heute UPC) während dreissig Jahre verpflichtet, eine Abgabe zu entrichten. So erhält Telebasel noch bis 2027 jährlich 1,6 Millionen Franken.

Wie alle konzessionierten Radio- und TV-Stationen profitiert Telebasel auch kräftig von den Radio- und TV-Gebühren, über 3,2 Millionen Franken jährlich. Zusammen machen diese öffentlichen Gelder 60 bis 70 Prozent der Gesamteinnahmen aus. Telebasel ist damit unwesentlich stärker werbefinanziert als die TV-Sender der SRG. Mit 110 Mitarbeitern ist Telebasel das grösste regionale Medienunternehmen. Bei der «Basler Zeitung» zählt die Belegschaft mittlerweile weniger als die Hälfte. Dabei war es die einstige, angeblich monopolistische Übermacht dieser Zeitung, welche die breit abgestützte Trägerschaft des konzernfreien Regionalfernsehens überhaupt legitimiert hatte. Doch diese Struktur ist nur noch gut gemeint. Das gesellschaftliche Engagement ist eingeschlafen, die Stiftung trotz Straffung träge.

Wie der Umbau zum Dauerzustand wurde

2012 übernahm Medienmann Roger Thiriet an Stelle des Basler Regierungsrats Christoph Brutschin das Präsidium der Stiftung. Nur bis zu einer Struktur- und Statutenreform wollte er im Amt bleiben. Ein Jahr später trat Bornhäusser dem Stiftungsrat bei; er hatte sich als visionsreicher Promotor beim staatlichen Wirtschaftsförderprogramm I-Net empfohlen sowie als Berater von Vice Switzerland; ein kurz darauf eingestelltes Magazin. Während Thiriet sich mit Statuenfragen herumschlug, entwarf Bornhäusser das neue Telebasel, das im Verlauf des Jahres 2015 Konturen bekam – und die alte Crew um den Kämpen Willy Surbeck an den Rand und dann darüber hinaus drängte. Bornhäusser war in der dreiköpfigen Findungskommission, die Karin Müller zur neuen Chefredaktorin kürte. Und als 2018 der langjährige Geschäftsführer Dominique Prétôt den Sender verliess, übernahm Bornhäusser auch dessen Funktion – ad interim, wie er sie auch heute noch nominell besetzt.

Karin Müller, die Chefredaktorin: «Das Team wächst über sich hinaus.»

Karin Müller, die Chefredaktorin: «Das Team wächst über sich hinaus.»

Da hatte er Telebasel vom einstigen Regional-TV-Programm mit der Hauptsendung «7vor7» schon zum bunten Häppchenprogramm umgebaut und mit einem Onlineangebot ergänzt. Mit dieser Strategie sollte Telebasel zukunftsfähig gemacht werden. Und sie hat funktioniert, wie Thiriet heute feststellt. Wenn auch zu einem hohen Preis.

Es war die Zeit, in der Telebasel zuerst einen grossen Teil der Redaktion und später die Zuschauer verlor, auf deren Interesse man sich eigentlich neu hatte konzentrieren wollen. Selbst der damalige Regierungspräsident Guy Morin gab freimütig zu, er schalte den Regionalsender seit dessen Relaunch nicht mehr ein. Es war die Phase, in der sich Bornhäusser auf der Redaktion einen Ruf als Helikoptermanager eintrug. Einmal in der Woche tauchte er auf, wirbelte alles durcheinander und verliess die Räumlichkeiten bald wieder. Nur, dass er sich nicht angeflogen kam, dafür sich aber mit seinem Porsche wieder aus dem Staub machte.

Mit der Zeit gelang es Bornhäusser und Chefredaktorin Karin Müller, die Wogen zu glätten. Nach und nach führten sie auch wieder ein, was mit dem grossen Change verloren gegangen war: längere Newsbeiträge, eine übersichtlichere Sendestruktur. Damit landete Telebasel wieder im Mittelfeld der regionalen Schweizer Fernsehstationen. Mit einer Nettoreichweite von acht Prozent und einem durchschnittlichen Zuschauerinteresse von ungefähr zehn Minuten im Herbst. Im Frühling sind die Zahlen dank Fasnacht besser.

Das ausgebaute Onlineangebot blieb indes ein assortiertes Buffet aus nationalen und internationalen Meldungen, garniert mit Beiträgen nach den persönlichen Interessen der Redaktoren. Wer Tennis mag, tickert jede noch so unwichtige Partie von den Swiss Indoors, wer den American Football verfolgt, begleitete diesen journalistisch von der Steinenschanze aus. Ex-Bachelorette Adela Smajic berichtet von der Welt der Stars und Sternchen und gibt Fitnesstipps. Getreu dem Motto: «Die Form folgt der Vorliebe.»

Wer will, der kann sich auf dem Sender verwirklichen. Das ist der Trade-off für branchen-unterdurchschnittliche Löhne. Dies ist wiederum der Grund, weshalb viele Journalisten das Haus nach absehbarer Zeit wieder verlassen. Binnen eines Jahres hat sich die Newsredaktion fast gänzlich erneuert (siehe Spalte rechts). Mittlerweile arbeitet kaum mehr jemand im Team über 30. Nachwuchs drängt nicht vor, im vergangenem Herbst wurde die hauseigene Talentschmiede «Mash» eingestellt.

Warten auf die immer wieder verschobene Strukturreform

Parallel zur Konsolidierung des Sendebetriebs startete die Stiftung wiederholt Anläufe, sich zukunftsfähige Strukturen zu geben. Angestossen hatte dies nicht zuletzt der grünliberale PR-Unternehmer Stefan Kaister. Er kritisierte, die eigentliche Macht liege bei der Delegation des Stiftungsrates. Als normaler Stiftungsrat sei die Situation unbefriedigend, er sei nicht informiert und aufs Kopfnicken reduziert. Thiriet begann, Strategiepapier um Strategiepapier zu erarbeiten. Doch immer kam anderes dazwischen. Zuerst war es die Revision des Radio- und Fernsehgesetzes (RTVG), das absorbierte. Dann die No-Billag-Initiative, die bei einer Annahme auch den Regional-TV-Stationen wie Telebasel die wirtschaftliche Existenzgrundlage entzogen hätte. Schliesslich stand die Neukonzessionierung an, die schliesslich zu einer Verlängerung der bestehenden Konzession bis 2023 führte. Kaister hatte es mittlerweile aufgegeben und den Stiftungsrat verlassen.

Roger Thiriet, der Chefstratege: «Die neue  Strategie  von Telebasel funktioniert.»

Roger Thiriet, der Chefstratege: «Die neue Strategie von Telebasel funktioniert.»

Auf vergangenen Mittwoch war die Stiftungsratssitzung terminiert, an der die Beschlüsse gefasst werden sollten, mit denen die drängenden Fragen beantwortet worden wären: Welche Partnerschaften ist Telebasel bereit einzugehen? Was ist künftig die richtige Trägerschaft? Wer ist der neue Stiftungspräsident? Was ist die richtige Organisationsform? Die Nachfolge von Thiriet war darin ebenso enthalten wie die Zukunft Bornhäussers. Doch es kam erneut anders.

Die Corona-Dynamik hat den Sender mit Wucht erfasst

Die Coronakrise und der Lockdown setzten bei Telebasel eine eigene Dynamik frei. Bornhäusser hatte freie Fahrt, freie Zeit und «Spass», wie er sagt. Die Chefredaktion war nahezu verwaist: Chefredaktorin Karin Müller war bis zum Ausbruch der Krise in den USA und musste dann in eine zweiwöchige Quarantäne, Newschef Adrian Plachesi hatte bereits gekündigt. «In einer Ausnahmesituation haben wir eine Ausnahmestruktur gemacht», sagt Müller. Das heisst: Bornhäusser installierte sich fest im Studio, nahm an jeder Sitzung teil, stampfte neue Coronasendungen aus dem Boden. Er pushte die Online-Redaktion, dass diese ihren Output vervielfachte. «Wir haben das Programm komplett umgestellt», sagt Bornhäusser und formuliert einen hohen Anspruch: «Wir wollen in der Region das Primärmedium sein.»

Die Stimmung auf der Redaktion, das bestätigen mehrere Journalisten, ist aktuell sehr gut. Trotz den teils stundenlangen Monologen, die Bornhäusser an seinen «All-Hands-Meetings» zu halten pflegt und die gespickt sind mit Spitzen gegen einzelne Mitarbeiter. «Wir haben in der Redaktion keine Kurzarbeit, sind bei acht neuen Freelancern daran, Festanstellungen vorzunehmen», sagt Müller. Das Team sei über sich hinausgewachsen, jeder übernehme zusätzliche oder andere Funktionen. Teilweise gute Formate sind das Resultat: Expertenrunden zu Coronafragen etwa. Daneben organisiert Telebasel für Basler Künstler publikumsfreie Gigs für die Zuschauer zu Hause.

Für das Gewerbe präsentiert sich der Sender als Sprachrohr mit der Aktion «gemeinsam gegen Corona». Und Moderator Dani von Wattenwyl liest täglich ein selbst geschriebenes Gedicht zum Thema vor. Es gibt kein Halten mehr. Die Lust am Tun hat allerdings den Restraum an Reflexion verschwinden lassen, was eigentlich zu tun ist. Das missglückte Vischer-Interview von Bornhäusser – nun in Personalunion Geschäftsführer, Programmchef und Chefredaktor – war der sichtbarste Ausdruck davon. Oder wie sich Bornhäusser im «Talk» als FCB-Experte aufspielte und dabei sagte, was jeder Stadiongänger zu denken vermag. Weniger sichtbar ist bisher geblieben, dass Bornhäusser als Tally-Wejl-Verwaltungsrat den Sender in selektiver Weise über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Basler Modeunternehmens berichten liess, ohne die Zusammenhänge offenzulegen.

Damit liegen die Mehrfachbrüche offen, die der quasi öffentlich-rechtliche Sender in den Nach-Corona-Monaten zu heilen hat. Strategisch gilt es die Frage zu beantworten, ob Telebasel tatsächlich die kritische Grösse hat, um allein im Medienwandel zu bestehen. Gespräche dazu wurden geführt und müssen aber unter den neuen Umständen neu geführt werden. Eine neue Organisation muss sich etablieren, die Selbstläufer wie Bornhäusser automatisch wieder einfangen. Und neues Personal braucht der Sender vom Präsidium bis zur Redaktion, die dieses Programm auch repräsentieren.
Denn auch die Redaktion, welche die Fahne des Journalismus hochhalten könnte, ist ausgedünnt und eine baldige Besserung ist derzeit nicht in Sicht. Am Montag hat Adrian Plachesi seinen letzten Arbeitstag bei Telebasel. Für ihn in seiner Funktion als Leiter der Newsredaktion läuft die eingangs erwähnte Stellenausschreibung erst jetzt. Die Nachfolge für die Talkmoderation ist ebenso wenig geklärt wie die Stelle des neuen Anchormans.

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