«Aufbruch»
«Ein solches Engagement habe ich selten erlebt»

Mit einem Tanztheater für Patientinnen und Patienten gehen die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel neue Wege. Eine Teilnahme, so heisst es, steigere das Selbstwertgefühl.

Andrea Mašek
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Patienten, Ehemalige, Kunstschaffende und Mitarbeiter der UPK Basel studieren eine Szene des Tanztheaters «Aufbruch» ein. Kenneth Nars

Patienten, Ehemalige, Kunstschaffende und Mitarbeiter der UPK Basel studieren eine Szene des Tanztheaters «Aufbruch» ein. Kenneth Nars

15 Personen stehen im hinteren Teil der Turnhalle, Taschen, Koffer, Zeitungen oder Schachteln neben sich. Langsam fangen sie an zu schwanken. Es knallt, eine Frau läuft weg. Die anderen schwanken weiter.

Dies ist eine der Szenen des Tanztheaters «Aufbruch», das Patientinnen, Patienten, Ehemalige, Kunstschaffende sowie Mitarbeitende der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel einstudieren. Seit rund einem Jahr sind sie am Proben. Am 27. April werden sie ihr Werk auf der Kleinen Bühne des Theater Basel präsentieren.

«Heute gehen wir die zwei schwierigsten Szenen durch», sagt die künstlerische Leiterin Regula Wyser. Insgesamt sind es zwölf getanzte und szenische Bilder, die frei nach Hilde Domins Gedicht «Ziehende Landschaft» entstanden und zu einem Ganzen zusammengefügt worden sind. Domin schreibt: «Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum: als bliebe die Wurzel im Boden, als zöge die Landschaft und wir ständen fest.» Die Szene, die soeben repetiert worden ist, scheint genau diese Worte zu reflektieren.

Nun wirbelt die Hälfte des Ensembles, von imaginärem Regen aufgepeitscht, über den Turnhallenboden. Die andere Hälfte schaut zu und gibt dann ein Feedback. «Es geht zu lange, bis die Hände oben sind», heisst es etwa oder: «Die Köpfe müssen abrupter gedreht werden.» Wyser meint, die Mitwirkenden seien viel kritischer als sie selbst.

«Das ist heilsam»

Das Tanztheater ist unter Mitwirkung aller Beteiligten entstanden. Renate Rahn erzählt, dass zuerst alle ihre Assoziationen zum Thema Aufbruch und Abschied eingebracht haben. Diese seien choreografisch umgesetzt und weiterentwickelt worden. «Für mich als Ergotherapeutin war es toll zu sehen, wie sich die Gruppe verbindet und was wir zusammen schaffen können. Ein solches Engagement habe ich in all den Jahren bei den UPK selten erlebt. Das ist heilsam.» Eine Teilnahme steigere das Selbstwertgefühl und genau dies brauchten die Patienten.

Rahn verschwindet in der Menge, die nun einen imaginären Bahnhof bevölkert. Die eine Hälfte steht herum und wartet, die andere eilt zielstrebig hin und her, zu antreibenden Gitarrenklängen. Es kommt zu kurzen Begegnungen und zu Trennungen. «Was folgt nun?», wird gefragt. «Schaut nach», antwortet Wyser und weist auf die Blätter, die an der Hallenwand befestigt sind.

Gelächter kommt auf, als Uwe Anna huckepack nimmt und quer durch die Halle stolpert. Die beiden müssen selber lachen und Anna rutscht Uwe den Buckel runter. Später ist zu sehen, dass dies Teil einer humorvollen Szene ist, in der auf Koffern Liegestützen gemacht werden und hinter riesigen Strassenkarten Stolpertänze vollführt werden – untermalt von einem lüpfigen französischen Chanson.

Noch zwei Proben stehen an. «Zeit ist die grosse Herausforderung bei diesem Projekt», sagt Wyser – und eilt davon. Sie «spielt» das Licht, das in der Aufführung wie in Domins Gedicht wichtig ist.