Plattenladen

Ein Stadtoriginal verlässt Basel: Atlantis Records zieht nach Kaiseraugst

Wer wollte, konnte hier ganze Nachmittage verbringen: Bernie Rotzinger in seinem Store.

Wer wollte, konnte hier ganze Nachmittage verbringen: Bernie Rotzinger in seinem Store.

37 Jahre führte Bernie Rotzinger das Atlantis Records. Nun zieht er mit seinem Plattenladen nach Kaiseraugst.

Da steht er wieder. Man sieht ihn durch das Schaufenster im dunklen Steinenbachgässlein. Er trägt T-Shirt und Jeans, wie immer, sein schütteres Haar ist lang. Bernie Rotzinger ist ein in die Jahre gekommener Junggebliebener, wie man ihn hinter den Theken der Second-Hand-Plattenläden oft antrifft. Etwas hibbelig und mit verschmitztem Blick empfängt er an diesem Vormittag seinen Gast. Wegen Corona ist der Laden geschlossen, ein kurzes Gespräch auf Distanz ist jedoch erlaubt.

Drin ist alles wie gehabt. Es ist ein vertrauter Anblick, das typische Rotzinger’sche Chaos: ungeordnete Stapel von Platten, Alben in Papiersäcken am Boden, dazu Holzkisten, die eigentlichen Verkaufsregale. Viel Altes steht herum, von AC/DC bis Frank Zappa. CDs hat es auch haufenweise, etwas höher an der Wand. Und dann ist da dieses Regal, das den Sammler ganz besonders interessiert, rechts neben der Theke. Die Schatztruhe für getriebene Vinylfreaks. Sie ist mit Krautrock, Progrock und Raritäten aus den 70er Jahren angeschrieben. Hier sind sie, die seltenen, obskuren Objekte, deren Preise nur Kenner zu bezahlen bereit sind – Platten, die bis zu 200 Franken kosten können. Auf der anderen Seite finden sich wiederum jene Alben, die auch an den Flohmis häufig anzutreffen und entsprechend erschwinglich sind, «Toto IV» etwa oder «Private Dancer» von Tina Turner. Die Klassiker aus der Fünf-Franken-Kiste. Der Laden deckt das ganze preisliche Spektrum ab.

Noch sieben Wochen bleiben den Rock-Fans

Noch sind die Tore des Atlantis Records geschlossen. Doch am 11. Mai soll es hier wieder losgehen – ein letztes Mal. Bernie wird seinen Laden für sieben Wochen öffnen, danach wird Basel um ein Stadtoriginal ärmer sein. Bernie wird gehen, aber er will sein Lebenswerk in Kaiseraugst weiterführen, wie er betont. «Ich höre nicht auf. Ich verlasse nur die Stadt und trete etwas kürzer.»

Der Grund für seinen partiellen Rückzug liegt auf der Hand: So langsam, aber sicher kommt der passionierte Plattenhändler ins Pensionsalter. Da mag er nicht mehr im gleichen Tempo weitermachen. «Das stundenlange Herumstehen im Laden bereitet mir seit einigen Jahren Rückenschmerzen.» Sogar den Arzt habe er aufsuchen müssen. In Kaiseraugst würde er der Laden deshalb nur noch an drei Tagen pro Woche, von Donnerstag bis Samstag, jeweils am Nachmittag geöffnet haben.

Bernie Rotzinger ist schon sehr lange dabei. Als er sein Atlantis Records am Klosterberg nach einigen Bürojobs im Jahr 1983 eröffnete, ahnte er noch nicht, wie lange er den Laden dereinst würde halten können. Sein Vorgänger, der am selben Ort unter dem Namen Records bereits einen Plattenladen geführt hatte, gab nach nur anderthalb Jahren auf. «Da kaufte ich ihm das Geschäft zu einem Freundschaftspreis ab», wie sich Bernie erinnert.

Der Kaiseraugster taufte den Laden in Atlantis Records um und übernahm oberhalb des bekannten gleichnamigen Musiklokals das Ruder. Dabei hatte er ein ebenso einfaches wie effizientes Konzept. Während die anderen Plattenläden der Stadt eine Art Vollsortiment mit Hauptgewicht auf dem Mainstream führten und das Blue Note sich ganz auf Jazz fokussierte, spezialisierte sich Bernie von Beginn weg auf eine alternative Nische. Wer sich für Metal, Garagenpunk, Sixties und Indierock interessierte, fand am Klosterberg ein breites Sortiment. Bernie wiederum lebte den Rock’n’Roll und liebte seine Musik. Das machte die Runde. Er wurde zum glaubwürdigen Experten, bei ihm gab es immer etwas zu entdecken. So entwickelte sich das Atlantis Records zu einem regelrechten Szenentreff.

Wer wollte, konnte hier die Nachmittage verbringen und auch mal sein Bier mit in den Laden nehmen. Um Partys bei Bernie rankten sich die Legenden.

Von Vinyl zur CD: 2007 kam die Wende

Die Umsätze waren von Anfang an gut», erzählt der 64-Jährige. Doch nach den «gloriosen Zeiten am Klosterberg», wie er jene Jahre zusammenfasst, kam 2007 die Wende. «Ich wurde vor die Wahl gestellt: Entweder ich kaufe das Haus oder ich gehe.» So zog er mit seinem Laden nach einem Vierteljahrhundert ein paar Meter hinauf an die Elisabethenstrasse.

Das Geschäft lief einigermassen, doch viele Plattenkäufer waren ins Internet abgewandert. «Ich musste meinen einzigen Angestellten entlassen und auf einen Ein-Mann-Betrieb umstellen. Da ich finanziell flexibel war und geringe Ausgaben hatte, kam es aber trotzdem nie zur totalen Krise.» Und immerhin ging ihm auch das zwischenzeitliche Beinahe-Verschwinden des Vinyls nicht ans Eingemachte. Er hatte ja seine CDs. «In diesen Jahren verkaufte ich nur noch 25 Prozent LPs, dafür 75 Prozent CDs. Heute ist das wieder umgekehrt.»

Auch an der Elisabethenstrasse wurde der Rock’n’Roll zelebriert. Im fünften Stock über dem Laden lief in Rotzingers Wohnung zu nächtlicher Stunde immer wieder laute Musik. «Es gab Beschwerden aus der Nachbarschaft, und am Ende warf mich der Vermieter samt Laden hinaus.» Er zog mit dem Atlantis Records 2013 ein zweites Mal um – dieses Mal an den heutigen Standort im Steinenbachgässlein.
Und nun also der Abschied. «Es wird rigorose Aktionen geben, danach ist in Basel Schluss», sagt Bernie. Und was genau soll in Kaiseraugst entstehen? Der Inhaber spricht von einem Tempel der Musik. Er hält inne. «Einen Tempel der Musik in der Form eines Atriums.» Der Raum an der Landstrasse 71W, nur ein paar Hundert Meter vom Bahnhof entfernt, wird ein «richtiger Laden» sein, wie Bernie sagt. Und gleich dahinter soll sich das Lager mit 20000 Tonträgern befinden.

Rotzinger will endlich Ordnung schaffen

Der leidenschaftliche Sammler freut sich sichtlich auf seinen neuen Laden – und auf die Zeit, die er vermehrt für sich haben wird. «Ich werde mehr mit meiner Band The Glorias spielen können, mehr Zeit für Spaziergänge im Wald haben oder auch für Spaziergänge durch Zürich, um neue Platten für den Laden zu finden. Ich werde mich meiner privaten Plattensammlung widmen und mich um mein Archiv kümmern.» Unzählige Artikel, Fotos, Listen und Setlists warten darauf, sortiert zu werden. «Diese kann ich nach all den Jahren endlich ordnen.»

Bernie kramt sein Handy hervor und zeigt Fotos vom neuen Standort. Sie zeigen ein aufgeräumtes grösseres Lokal. Ein Sofa und einige Gestelle stehen schon bereit. Zweifellos, der Tempel macht eine gute Figur. «Und weisst du was: Der neue Laden wird viel ordentlicher sein – kein Chaos mehr!» Bernie schaut über seine Holzkisten. «Wobei, wer mich kennt, ahnt, wie es dort schon bald aussehen könnte.»
Ein verschmitztes Grinsen, ein hibbeliges Zucken. Und ein letzter Blick des Gastes in den Laden am Steinenbachgässlein. Man wird den kreativen Chaoten und sein Atlantis Records in Basel mit Sicherheit vermissen

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