Flankiert von Campari- und Martini-Flaschen überblicken die Porzellan-Waggisse das Geschehen. Frische Brezel hängen an einem Ständer aus Holz. Im Radio beklagt Rapper Eminem das Leben in einem Wohnwagen. Es ist neun Uhr morgens. Ein orange gekleideter Arbeiter des neuen Genossenschaftsbaus um die Ecke kommt herein. «Sali Ali.» «Zytigs-Stübli»-Beizer Alisan «Ali» Sahin grüsst zurück. Der Arbeiter setzt sich zu den Kollegen. Er bestellt Kaffee. Am Nebentisch blättert ein Rentner durch eine Zeitung. Eine Frau mit Hund betritt das Lokal. Sie lächelt Ali an und verlangt «wie immer». Mit Zigaretten und Lottoschein verlässt sie das Beizchen, das gleichzeitig Kiosk und Stube ist.

Früher hiess das Quartier einfach «Hinter dem Badischen Bahnhof». Es bekam erst einen Namen, nachdem die anderen Stadtviertel längst einen hatten. Doch wie sollte die Gegend, in der damals nur wenige Menschen lebten, heissen? Es musste historisch passen. Es war naheliegend, das Viertel nach einem der Landgüter zu benennen. Die Wahl fiel auf Hirzbrunnen. Oder kam man wegen der Quelle, an der einst Hirsche tranken, darauf? So genau weiss das niemand mehr. Klar ist nur: Seit Anfang der Dreissigerjahre heisst das einstige Sumpfgebiet zwischen Riehen und Badischem Bahnhof Hirzbrunnen. Der Rhein im Süden, die Wiese im Norden. Weil am Rhein und Birsfelden als Grenzgemeinden. Und im Osten Riehen. Das Hirzbrunnen ist das letzte Viertel der Stadt. Oder das erste. Je nach dem.

Grünstes Quartier der ganzen Stadt

Als Bub holte Alfred Hoffmann (72) die Milch beim Bauern nebenan. Der Junge schaute zu, wie die Milch aus der Kuh kam. Die Bewohner kannten den Bauern und sein Pferd auch am anderen Quartierende in den «Schoren». Mit gut drei Quadratkilometern war und ist das Hirzbrunnen das flächenmässig grösste Viertel der Stadt.

Die einstige Bäckerei im heutigen «Zytigs-Stübli» war für den Bauern uninteressant. Beim «Schorenhof» gegenüber aber hielt er gern an – und das nicht nur wegen des Biers: Die Speisereste des Restaurants landeten im Bottich auf der Karre und später, zurück auf dem Hof, im Trog der Schweine.

Alfred Hoffmann erinnert sich an diese Zeit, als lägen keine sechs Jahrzehnte und noch mehr Neubauten dazwischen. Das Quartier verliess er meist nur für die «Arbeit»: Er ging in Riehen zur Schule, als Erwachsener trug er dort die Post aus. «Ich bekam als Kind 40 Rappen für den Bus, ging aber zu Fuss – und sparte das Geld.»

Er grämt sich nicht, dass er aus dem Küchenfenster Wohnblöcke sieht und die wilden Gärten verschwunden sind. Im ganzen Quartier mussten Grünflächen Neubauten weichen. Dennoch ist es bis heute das grünste Quartier der Stadt, wobei ein Grossteil der Flächen zu Einfamilienhäusern gehört. Für den pensionierten Pöstler Hoffmann war immer klar: «Hier bleibe ich.» Seine Frau Anita (67) zog in jungen Jahren von Reinach ins elterliche Haus ihres Mannes. Und lebte sich rasch ein. «Es war wie in einem Dorf», sagt sie. «Und es ist immer noch so. Man kennt sich.» Das Ehepaar isst gern im nahen Quartiertreffpunkt zu Mittag, es ist eine Art «Zytigs-Stübli» im Süden des Quartiers.

Mini-Coop muss reichen

Für Basler, die nicht hier leben, gibt es kaum einen Grund für einen Ausflug ins Hirzbrunnen. Gewiss, da ist das Claraspital, da sind die Langen Erlen und das Gartenbad Eglisee. Doch wer diese Orte besucht, tut das ohne Umweg. Die meisten durchqueren das Quartier sowieso nur, um nach Riehen oder Lörrach zu gelangen oder von dort aus in die Stadt. Denn Stadt, das ist das Hirzbrunnen nur auf dem Papier. Einen echten Dorfkern hat es allerdings auch nicht, dafür ist es zu gespalten.

Zwei Strassen teilen es in drei Teile: die Riehenstrasse mit dem Tram und im Süden die Bäumlihofstrasse mit dem Bus. Wer in den «Schoren» beim «Zytigs-Stübli» lebt, geht kaum an die Bäumlihofstrasse zum Einkaufen. Zwar findet sich dort von einer Textilreinigung, die auch Post ist, über einen Coop, einen Coiffeur, eine Bibliothek, eine Apotheke und eines der im Quartier raren Restaurants fast alles für den täglichen Bedarf. Den «Schoren»-Bewohnern reicht aber ihr eigener kleiner Coop und die Migros beim «Eglisee». Für alle weiteren Besorgungen gehen sie direkt «in die Stadt».

Früher war das nicht nötig, erinnert sich Caroline Frey (54). «Es gab alles hier», sagt sie. Unter anderem die erwähnte Bäckerei im jetzigen «Zytigs-Stübli». Freys Eltern schickten das Mädchen, um Brot zu holen. Auf dem Heimweg in das Genossenschaftshäuschen knabberte es am Brot. «Ich erzählte zu Hause, es sei eine Maus gewesen.»
Die erwachsene Caroline Frey kehrte nach einem Abstecher ins Baselbiet bald zurück in ihr Quartier. Mit ihrem Lebenspartner Haiggi Flügel lebt sie seit über 20 Jahren im eigenen Haus «In den Schorenmatten».

Nummer eins bei Genossenschaften

Brennball, Gummitwist, Fangis. Die Strasse gehörte den Kindern. «Es gab kaum Autos, wir lebten wie auf dem Land», sagt Caroline Frey. Mit den Kindern, die nicht wie sie in einer Genossenschaft wohnten, spielte sie nicht. «Obwohl wir an derselben Strasse wohnten, hatten wir kaum Kontakt. Wir von der Genossenschaft hatten das Gefühl, die anderen fühlten sich als etwas Besseres.» Die Genossenschafter waren klar in der Überzahl. Bis heute gibt es kein Quartier mit so vielen Genossenschaftshäusern und -wohnungen. Derzeit entstehen in den Schoren 94 weitere Genossenschaftswohnungen. Früher war das Hirzbrunnen gar Vorzeigeobjekt: Anfang der Dreissigerjahre waren die Häuschen in den «Schoren» als vorbildliche Familienanlage Teil der Schweizerischen Wohnbauausstellung. Wegen der Wohnungsnot in Basel entstanden unzählige weitere solcher Siedlungen. Die meisten bestehen noch.

Vielleicht liegt es an der Geschichte, dass die «Hirzbrünneler» heute noch lange und gern hier wohnen: Die Stadt war nach dem Ersten Weltkrieg bestrebt, auch ärmeren Familien ein Leben in einem Haus mit Garten zu ermöglichen. Das wussten die Bewohner zu schätzen – und tun das heute noch. Die Häuser bleiben oft in der Familie, wer gibt eine grüne Oase in der Stadt schon gern ab?
Quartier für Senioren? Von wegen!
Thabea Bucher (38) zog vor gut drei Jahren vom anonymen Matthäus-Quartier in ein Einfamilienhaus an der Wollbachstrasse. Ihr Mann wuchs im Quartier auf und lebte die meiste Zeit hier, für Thabea Bucher war es fremd – und doch nicht. «Ich bin selber auf dem Land aufgewachsen und froh, dass meine Tochter Lauritia auch im Grünen gross wird», sagt sie. Sie schwärmt vom «Blumenfeld» vor ihrer Haustür, dem Wald und dem Tierpark in den Langen Erlen.

«Ich wohne zwar in der Stadt, aber nicht so anonym wie in anderen Quartieren», sagt sie. Nächstes Mal wird sie wieder an der Aktion «Adventsfenster» in ihrer Strasse teilnehmen und sich am «Wollbi»-Strassenfest beteiligen. Braucht sie Kleider für die Kleine, findet sie welche in der Kinderkleiderbörse im Eltern Centrum Hirzbrunnen im zur Kirche gehörenden Allmendhaus. Meist dauert es keine Minute, bis in ihrer Strasse eine andere Mutter oder ein Vater mit Kinderwagen des Weges kommt. Das überalterte Hirzbrunnen, das war einmal.
Verglichen mit dem einwohnermässig gleich grossen Bruderholz-Quartier, das auch nicht gerade als Wohnmekka der Jugend gilt, leben im Hirzbrunnen mehr Dreissigjährige und weniger Neunzigjährige. Die Neubauten in den «Schoren» zogen weitere junge Leute an. Und dass viele Häuser derzeit familienintern an die jüngere Generation weitergegeben werden, zeigt der Markt: Es gibt kaum Immobilien zu kaufen.

Kollektiver Quartierpatriotismus

Einer, der dieser Entwicklung gern zuschaut, ist alt CVP-Grossrat Peter Meier. Mit seinen 84 Jahren zählt er längst nicht mehr zu den Jungen, doch beobachtet er gern, wie sich diese niederlassen. Aus dem elften Stock des Hochhauses, in dem er wohnt, hat Meier auch sonst den Überblick. Als andere Anwohner gegen zwei geplante höhere Hochhäuser rebellierten, versuchte Meier zu schlichten. Ganz nach dem Motto: «Das bisschen Schattenwurf soll uns das Leben nicht vermiesen.» Meier lebt fast sein ganzes Leben im Hirzbrunnen. Und er lebt nicht nur da, er lebt auch für das Quartier.

Vor 47 Jahren gründete er die Quartierzeitung «Quart». Chefredaktor Christoph Benkler (68), der einige Strassen weiter wohnt, und Meier sind der Motor des Quartiers. «Wir wollen die Leute zusammenbringen», sagt Meier. Nirgends gäbe es so viele Quartierveranstaltungen. Im «Quart» steht jeweils, was wo läuft. Autor Meier stellt darin auch neue Bewohner mit Foto vor. Das «Quart», da ist man sich einig, ist Pflichtlektüre. So verschieden die Bewohner sind, einig sind sie sich auch bei etwas anderem.

Anita Hoffmann drückt es so aus: «Andere Quartiere sind uns fremd.» Haiggi Flügel, der Partner von Caroline Frey, sagt: «Ich kann mir nicht vorstellen, in ein anderes Quartier zu ziehen.» Der Tenor lautet: Wir sind stolz auf unser Quartier! Manchmal schwingt fast ein wenig Quartierpatriotismus mit. Was die Leute verbindet, ist die Gewissheit, dass nur sie ihr Quartier wirklich kennen. Und dass sie die einzigen sind, die in einem Dorf in der Stadt wohnen. Einem Dorf, das man von der Stadt her nur erreicht, wenn man sich in einen der Tunnels unter den Gleisen begibt und dann, oh Wunder, in einer Oase des Friedens herauskommt. Ein Dorf, das die Einwohnerzahl von 10'000 bald überschreiten wird. Es ist ein Quartier, das sich trotz des Wandels, in dem es sich befindet, kaum verändern wird.

Bis auf einen Mord auf offener Strasse vor 15 Jahren und den Gartenhaus-Brandstifter, der plötzlich abtauchte, gibt es kaum Kriminalität. Kein Wunder, hier ist abends nichts los. Mit all den Neubauprojekten ziehen Hunderte Neulinge ins Hirzbrunnen, die Gefahr, ein anonymes Viertel zu werden, wächst, ein klassisches Wohnquartier wird es dennoch bleiben. Hinter vorgehaltener Hand äussern manche die Angst, es könnte zu eng werden und zu Parkplatznotständen kommen. Grössere Probleme gibt es kaum.