Basler Münster

Ein Sturm durch die Zeit: Zum Höhepunkt des Münster-Jubiläums gibt es ein Theater im Theater

Das «Theater im Münster» zeigt eine selbstreflexive Reise durch das 1000-jährige Leben des Basler Münsters.

«Um Himmels Willen, kommen Sie da runter!» Der Sigrist des Münsters blickt schockiert zur Kanzel hinauf, wo die kecke Regisseurin über die Schauspieltruppe wacht und ihr Anweisungen zuruft. Einige irritierte Besucher der Kirche werden Zeugen eines «Theaters im Theater» – die wahre Regisseurin Sandra Rudin Förnbacher steht unter der Kanzel und leitet die Probe von dort aus.

Seit dem Frühling finden regelmässig Events rund um das 1000-Jahre-Jubiläum des Münsters statt. Mit dem «Theater im Münster» steigt ab dem 13. September der grosse Höhepunkt. «Die Geschichte des Basler Münsters wird an vier Knotenpunkten seiner tausendjährigen Geschichte festgemacht», sagt Matthias Zehnder, Medienbeauftragter der evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt.

Möglichst nahe an der historischen Realität

Die Story beginnt in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts. Rund 15 000 Leute treffen sich im Münsterschiff und auf dem Vorplatz zum internationalen Sozialistenkongress. Durch die heiligen Gewölbe hallt ein Chor, der die «Internationale» singt.

Auf die Nachstellung des sozialistischen Friedenskongresses folgt ein Sprung in die Vergangenheit. Kaiser Heinrich II. erzwingt gegen den Willen seines Bauherren die vorzeitige Einweihung des Basler Münsters. Die nächste Szene spielt rund 400 Jahre später: Basel wird zum «neuen Rom der christlichen Kirche», wie der Bischof verlautet, Felix V. wird zum letzten Gegenpapst der Geschichte. Die vierte Szene – in der historischen Chronologie an dritter Stelle – spielt sich mitten in der Reformationszeit ab. Der grosse Bildersturm geht auch an Basel nicht vorbei, Marienmalereien werden gewaltsam entfernt, Statuen zerstört. Das der Maria geweihte Münster wird allen Andenken an die Mutter Jesu Christi beraubt.

Die Übergänge zwischen den Szenen werden geschickt mit musikalischen Zwischenspielen gestaltet, die ohnehin notwendigen Umkleidepausen signalisieren dem Publikum gleichzeitig einen Sprung in der Geschichte. Das Schauspiel bleibt möglichst nahe an der historischen Realität, erfunden ist bloss die Rahmenhandlung. Was sich hier abspielt, ist nämlich ein Theater im Theater – der einschreitende Sigrist ist der Basler Schauspieler Marc Schmassmann, die vermeintliche Regisseurin wird von Dominique Lüdi gespielt. Inszeniert wird die Probe eines Schauspiels.

Der kleine Kunstgriff, den sich die Autoren da überlegt haben, öffnet dem Theaterstück so einige Türchen. Er zeigt die Probleme auf, die sich einer Schauspieltruppe stellen, und eignet sich gleichzeitig wunderbar dafür, auf Konflikte vergangener Zeiten hinzuweisen. So wird das Stück beispielsweise plötzlich durch Touristen unterbrochen, die ins Münster hereinplatzen – eine Szene, die während der Proben ab kommender Woche Realität wird. Eine besonders aktuelle Diskussion thematisiert der Streit zwischen Sigrist und Regisseurin, welcher sich durch das gesamte Stück zieht: «Die Frage der Kirchennutzung ist eine, die auch heute noch gestellt wird», findet Lüdi, die auch in Wirklichkeit oft die Rolle der Regie übernimmt. Auch Schmassmann sieht darin ein gewisses Konfliktpotenzial, das immer noch präsent ist. Die irritierten Blicke der Besucher während der Kanzelbesteigung sind ihm nicht entgangen.

Besetzt mit lokalen Schauspielgrössen

Das «Theater im Münster» verfolgt den Leitbegriff des Volkstheaters. Alle sechs professionellen Schauspieler pflegen eine persönliche Beziehung zu Basel, die meisten sind hier aufgewachsen. So auch Helmut Förnbacher, welcher für die Verkörperung der geistlichen Personen verantwortlich ist. Schon als kleiner Junge sei er oft im Münster gewesen, wie er selbst sagt.

Die sechs Profis werden auf der Bühne durch diverse Laienschauspieler unterstützt. Den Gesangspart übernimmt bei jeder Vorstellung ein anderer Basler Chor. Die Knabenkantorei Basel «spielt im Stück die Domschüler – und damit quasi sich selbst», verrät das Programmheft. Das grosse Gegenstück zur «Internationalen», die nach 1912 auch 2019 nochmals im Münster ertönen wird, stellt die eigens für das Theater vom Basler Balz Aliesch komponierte «Münsterhymne» dar.

 

Theater im Münster. Vom 13. September (Premiere) bis 27. September 2019. Tickets ab 30 Franken bei Bider & Tanner oder online unter: www.ticketcorner.ch

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