Herr Turla, muss man Sie bemitleiden oder beneiden?

Riccardo Turla: Wofür?

Dass sie als einziger Mann am «Iamaneh»-Hauptsitz in Basel arbeiten.

Beneiden? Immerhin befinde ich mich in einer Situation, die die wenigsten Männer kennen. Bemitleiden? Auf keinen Fall!

Ist es nicht schwierig, als einziger Mann unter lauter Frauen zu arbeiten?

Nein, es war anfangs höchstens ungewohnt. Doch wir haben es lustig und arbeiten sehr kollegial zusammen.

Nach knapp drei Monaten sind Sie immer noch eine Art Beobachter. Gibt es etwas typisch Weibliches?

Wie in jedem Betrieb gibt es auch hier Gewohnheiten. Beispielsweise trifft sich das Team regelmässig zu einem Stehkaffee im Eingangsbereich zwischen Drucker und Kaffeemaschine. Alle stehen mitten im Raum und plaudern zusammen. Ich weiss nicht, ob das mit der Geschlechterrolle zu tun hat, jedenfalls fand ich es anfangs ziemlich speziell.

Sie haben aktiv Fussball gespielt, auch als Trainer. Es gibt wohl keine männlichere Welt als jene des Fussballs. Wie passt das zusammen, Fussballtrainer und Feminist?

Bloss, weil ich Fussball mag, bin ich nicht weniger Feminist. Mein Verständnis von Feminismus habe ich unabhängig davon, ob ich auf dem Rasen stehe. Bereits als Schüler fand ich es stossend, dass Jungs, die gut bei Mädchen ankommen, den Respekt von den anderen Jungs bekamen während Mädchen, auf die alle Jungs standen, als Schlampe abgestempelt wurden. Mir gefielen diese Mädchen, weil sie meistens ein grosses Selbstbewusstsein an den Tag legten. Umgekehrt hatten es aber auch Mädchen schwer, die viel für die Schule büffelten.

Warum denn das?

Ich erinnere mich an eine Mitschülerin, die von der von Jungs dominierten Klasse gemobbt wurde, weil sie ehrgeizig und tough war. Nach einem langen Gespräch mit dieser Mitschülerin stellte ich fest: Sie ist nicht hart, sondern ein superangenehmer Mensch. Von diesem Tag an tat es mir noch mehr leid, dass sie von diesen Chauvis widerlich unter die Räder kam. Sie schrieb bessere Noten dank Fleiss und Leidenschaft, ohne jemandem was wegzunehmen – und war noch der bessere Mensch obendrein.

War das die Initialzündung, Feminist zu werden?

Nein, das war ich wahrscheinlich schon vorher. Es hat ja auch mit dem Charakter einer Person zu tun, ob sie feministisch denkt oder nicht.

Ihr Arbeitgeber kämpft unter anderem gegen die Genitalverstümmelung von Mädchen, ein Thema, mit dem Sie bei Ihrem vorherigen Job als Medienverantwortlicher der Grünen kaum zu tun hatten. Wie gehen Sie mit solchen Schicksalen um?

Genitalverstümmelung ist etwas vom Absonderlichsten überhaupt. Es bricht mir das Herz, zu wissen, was diesen Mädchen widerfährt. Mein Rettungsanker ist jedoch die Tatsache, dass ich hier wenigstens ein bisschen dazu beitragen kann, dass es solche Rituale irgendwann nicht mehr gibt. 

Als Kommunikationsverantwortlicher haben Sie viel mit Leuten aus dem "Iamaneh"-Umfeld zu tun. Wie fielen die Reaktionen auf Sie als "Quotenmann" bisher aus?

Ich hoffe gut! Heute endet meine Probezeit und ich hoffe sehr, dass ich bleiben darf (lacht). Reaktionen hatte ich bisher erst ausserhalb des Büros. Ein Kollege von mir hat sich gefreut, dass "Iamaneh" nach 40 Jahren den ersten "Jungen" bekommt.

Welche männliche Optik bringen Sie in den Job ein?

Ich denke, in manchen Bereichen haben feministische Ansätze mehr Glaubwürdigkeit, wenn sie von einem Mann vertreten werden. Mir fällt häufig auf, dass es viele männliche Feministen gibt, bloss nennen sie sich oft nicht so. Warum eigentlich? Wir führen doch einfach einen Kampf um Chancengleichheit und gegen Diskriminierung. Das Wort hat leider immer noch einen schalen Beigeschmack und viele Männer haben Angst, dass sie ein Stück ihrer Männlichkeit verlieren, wenn sie sich als Feminist bezeichnen.

Ist es gerecht, dass Sie, kaum haben Sie den Job angetreten, das Geschirr abwaschen mussten?

(Lacht). Das wissen Sie? Ja, das war witzig, ausser mir hatte niemand Zeit. Wobei es auch eine spezielle Situation war: Da sind lauter Frauen im Büro und der einzige Mann spült das Geschirr ab.

Sie sind ja auch der Quotenmann, oder?

Ich habe den Job hoffentlich nicht deswegen bekommen, aber es ist sicher ein nützlicher Nebenaspekt.

 

Jubiläumskonzert zum 40. Geburtstag der Organisation Iamaneh: Die Afro-Pop-Diva Dobet Gnahoré tritt am Freitag, 8. Juni, im Parterre One in Basel auf. Tickets gibt es hier