Kürzlich las ich einen schönen Satz im Roman «Am Hang» vom kürzlich verstorbenen Markus Werner, der da heisst: «Sei deinem Freund ein unbequemes Ruhekissen.» Treffender geht es kaum: Wenn Sie Ihre Freunde respektieren, so seien Sie ehrlich zu ihnen. Ja, man darf einem Freund sagen, dass seine Rhetorik für den Stammtisch passabel, aber für eine Politkarriere nicht ausreichend ist. Ja, man darf die Freundin darauf hinweisen, dass allzu freizügige Fotos in sozialen Netzwerken im beruflichen Umfeld Schwierigkeiten bereiten. Und weshalb? Weil auch wir selbst die Erwartung an unsere Freunde haben, dass sie uns ein Spiegel sind.

Es gibt kaum eine grössere Ernüchterung, als wenn man nach einem langen Prozess des inneren Konflikts – sei es beruflich oder privat – zu einer Erkenntnis gelangt, die man dem Freund in vielen Worten darlegt, und dieser antwortet mit: «Das dachte ich schon lange.» Da hadert man nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit dem Freund, der uns möglicherweise mit etwas mehr Offenheit viele Umwege erspart hätte. Es ist klar: Die Denkarbeit müssen wir selber leisten, aber ein Hinweis von aussen ist in gewissen Situationen Gold wert.

Warum müssen ausgerechnet Freunde dieses «unbequeme Ruhekissen» sein? Weil sie die richtige Mischung aus Nähe und Distanz und eine andere Perspektive als die Arbeitskollegen oder die Partnerin/der Partner haben. Zudem begleiten uns Freunde im besten Fall ein Leben lang und kennen unsere Geschichte.

Um ehrliche Rückmeldungen zu erhalten, braucht man jedoch nicht nur Freunde, die es geben können, sondern auch die Vertrauensbasis, dass sie es geben wollen. Wer jeden gut gemeinten Rat in den Wind schlägt oder missmutig reagiert, muss sich nicht wundern, wenn die Rückmeldungen ausbleiben. Ebenso reicht es kaum, sich herzlich zu bedanken und nie etwas zu ändern. Das fällt auf die Dauer auf. Selbstverständlich gilt auch für den Input von Freunden, dass man ihn prüfen soll. Auch Freunde sehen nur einen Ausschnitt von uns und unserem Leben. Doch allzu einfach sollten wir es uns nicht machen: Das berühmte Körnchen Wahrheit ist wohl immer enthalten.

Heikel ist die Frage des Zeitpunkts. Es ist eine schlechte Idee, einer guten Freundin zu sagen, dass ihre geplante Ansprache zumindest auf dem Papier zu lange aussieht, wenn sie schon mit einem Stapel Blätter auf dem Weg zum Podium ist. Wenn sie aber im Nachhinein um unsere Meinung fragt, sieht die Lage anders aus.

Es braucht zuweilen Mut, Freunden den Spiegel vorzuhalten. Allzu häufig wird der Überbringer der Botschaft bestraft. Doch es gibt keine valable Alternative zum Ehrlichsein. Wir brauchen diese Reflexion, um uns zu entwickeln. Die Frage an sich selbst als Bote darf nur lauten: wann
und wie?

Esther Keller ist Journalistin und Publizistin. Sie lebt in Basel.