Der Befehl kam vom Berliner Reichssicherheitshauptamt unter seinem berüchtigten SS-Führer Heinrich Himmler. Um zu verhindern, dass Juden, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus Nazi-Deutschland über die grüne Grenze nach Riehen und Bettingen in die Schweiz flüchteten, liess er im Sommer 1942 von 500 jungen Männern des Reichsarbeitsdienstes (RAD) einen Stacheldrahtverhau bauen.

Die Arbeiten an dem Zaun, der bis zu drei Meter hoch und acht Meter breit wurde und von Weil Friedlingen über Lörrach bis Inzlingen und Grenzach-Wyhlen reichte, begannen am 27. Juni 1942 und dauerten bis zum 15. September 1942. Die RAD-Männer waren 16 bis 17 Jahre alt und kamen hauptsächlich aus der Eifel und Köln. «Man hat bewusst Einheiten eingesetzt, die nicht aus der Region stammten», erklärt Oliver Uthe, Leiter des Lörracher Kreisarchivs.

Schutz vor Schweizer Spionage

Erzählt wurde ihnen, dass der Stacheldrahtverhau Deutschland gegen Spione aus der Schweiz schützen sollte. Uthe hat sich mit dem Thema beschäftigt, da das Kreisarchiv seit letztem Jahr seltene Fotos und Filme von den Bauarbeiten am Verhau besitzt. Die 78 Fotos und zirka 20 Minuten dauernde Filmaufnahmen stammen aus dem Nachlass des damaligen Bauleiters und Hobbyfilmers Siegfried Vetter.

«Sein Sohn Rudolf Vetter hat diesen Nachlass nun gesichtet und die Aufnahmen dem Kreisarchiv überlassen, um sie der Forschung, der schulischen Bildungsarbeit und den Medien zugänglich zu machen», heisst es in einer Medienmitteilung des Landkreises Lörrach. Siegfried Vetter war bereits 1931 in der Region von Siegen in Südwestfalen selber an der Gründung des Reichsarbeitsdienstes massgeblich beteiligt.

Damals, zwei Jahre vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, war die Massnahme vor allem gegen die Massenarbeitslosigkeit gedacht. Ab 1935 wurde ein sechsmonatiger RAD-Dienst Pflicht. Seinen paramilitärischen Charakter erhielt der RAD erst im Laufe der Zeit. So ist in den Filmen von Vetter zu sehen, wie die jungen Männer im Sommer 1942 mit geschultertem Spaten auf einer Wiese in Weil exerzieren, dort, wo sich heute das Laguna befindet.

Filme und Fotos konnten nur entstehen, weil Siegfried Vetter beim Bau des Stacheldrahtverhaus als Oberstfeldmeister, so sein damaliger Rang, eine leitende Funktion innehatte. Kritische Distanz ist deshalb von ihnen nicht zu erwarten, aber es sind eindrückliche Dokumente der Zeitgeschichte. So zeigen die Filmaufnahmen die Abfahrt auf dem Bahnhof in Siegen und das Entladen des Zuges in Lörrach, die jungen RAD-Männer beim Sport in Shorts und an den unterschiedlichsten Orten die Arbeiten am Stacheldrahtverhau – in einer Einstellung ist deutlich das Glashaus in Friedlingen zu sehen.

Anfangs kein Interesse

Die Fotos und Filme finden sich heute neben dem Lörracher Kreisarchiv auch im Basler Staatsarchiv und den Archiven von Riehen und Weil am Rhein. Rudolf Vetter hatte die Dokumente schon im Jahr 2000 mehreren Archiven angeboten, erntete damals aber nur Desinteresse. Umso überraschter war er, als ein zweiter Versuch 2013 auf «grosses Interesse stiess». Dies geht aus einem Brief an den pensionierten Lörracher Lehrer Ulrich Tromm hervor, mit dem er in Kontakt steht.

Tromm (64) hat Geschichte und Englisch unterrichtet und setzt sich seit einem Jahr intensiv mit dem Stacheldrahtverhau auseinander, über den er in der «Badischen Zeitung» auch schon publiziert hat. Thema ist der Zaun auch im Buch von Lukrezia Seiler und Jean-Claude Wacker «Fast täglich kamen Flüchtlinge». Im Mittelpunkt einer historischen Arbeit stand er indes noch nicht. Tromm dürfte mit Abstand diejenige Person sein, die sich am besten mit dem Verhau auskennt, und hat in intensiver Archivarbeit allerlei interessante Informationen dazu ausgegraben.

So fand er heraus, dass es mit den jungen RAD-Männern, die in Turnhallen untergebracht waren, durchaus disziplinarische Probleme gab. Die Bauern beklagten sich, dass von ihren Feldern geklaut wurde und vier RAD-Leute sassen wegen Mundraub einige Tage in Lörrach im Gefängnis.

Besprechung kurz vor Baubeginn

Die erste Besprechung zum Bau des Zauns fand im Lörracher Hotel Krone erst am 18. Juni 1942 statt, also gerade neun Tage vor Baubeginn. Dementsprechend kurzfristig wurden die betroffenen Landwirte informiert. «Drei Tage vor Beginn erhielten sie die Aufforderung, ihr Land zehn Meter rechts und links vom künftigen Zaun zu räumen», berichtet Tromm.

Er fand auch Belege, dass Bauern später schon zum zweiten Mal Regressansprüche aufgrund des Verhaus geltend machten: «Das spricht dafür, dass es teilweise schon vorher einen Zaun gab.» Der Bau wurde beim Bund in Bern und dem Chef der Polizei-Abteilung Heinrich Rothmund durchaus als Erleichterung für die Abwehr von Flüchtlingen bewertet, während Basel-Stadt eine humanere Flüchtlingspolitik verfolgte.

«Es gibt Schriftwechsel zwischen Bern und dem Kanton Basel-Stadt, die belegen, dass sich Basel der geforderten rigorosen Rückweisungspflicht verweigert hat, ohne das an die grosse Glocke zu hängen», erzählt Tromm. Im bereits erwähnten Buch von Lukrezia Seiler kommen Zeitzeugen zu Wort, denen noch nach 1942 die Flucht in die Schweiz gelang oder die von solchen Flüchtlingen berichten.

Möglich war dies auch, weil die Nationalsozialisten bei der sogenannten Eisernen Hand, einem Art Finger, der östlich von Riehen in deutsches Gebiet zwischen Lörrach und Inzlingen hineinragt, auf den Bau des Verhaus verzichtet hatten.