Die Sonne steigt über der Chrischona hoch, als beim Riehener Dych die Vogelkundler die ersten Beobachtungen notieren. 877 Vögel haben sie in der ersten offiziellen Stunde zwischen acht und neun Uhr gezählt. «Eine aussergewöhnlich hohe Zahl», konstatiert Ornithologe Georges Preiswerk zufrieden.

Doch Zeit für eine erste Analyse bleibt nicht. Es geht nahtlos weiter am Himmel, zwischen den Baumkronen der Wiese und den Hecken entlang des Dychs. Höchste Aufmerksamkeit ist nötig, um die vorbeiziehenden Vögel zu sehen, zu erkennen und auch zu zählen. Bei grösseren Schwärmen wird auch mal geschätzt und hoch gerechnet.

Beobachten heisst sehen und hören

Beobachten heisst bei Vögeln gleichzeitig sehen und hören. Wobei das Hören oft wichtiger sei als das Sehen, findet Preiswerk. Besonders schön – und den erkennen alle – ruft an diesem Morgen der Eisvogel, der sich in den vergangenen Jahren in der Region wieder angesiedelt hat. Der Eisvogel, so schön er tönt und so stolz er blickt, geht an diesem Morgen gegenüber den Schwärmen an Ringeltauben aber unter. Über 2200 gezählte Ringeltauben sind es um 15 Uhr, als die offizielle Zählung endete.

Insgesamt zählten die Riehener Vogelkundler 3367 Vögel. Speziell erwähnt seien dabei der Kreuzschnabel, die Rotdrossel, die Hohltaube und acht Graugänse. Margarete Osellame, Präsidentin der Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz Riehen, möchte diese «aussergewöhnlich hohe Zahl» aber nicht werten oder deuten. «Das ist tagesabhängig und hängt von vielen Faktoren ab. Aber natürlich ist es schön, dass wir so viele und auch besondere Vögel zählen konnten.» Während Stunden müssen die Vogelkundler die Konzentration hochhalten. «Anstrengend», gibt Margarete Osellame zu. Gefragt ist jede und jeder mit Fachwissen, guten Augen und Ohren und einem Feldstecher.

Informieren und sensibilisieren

Der Vogelzug über Riehen ähnelt sich jährlich. Während die Vogelschwärme am Morgen von der Chrischona her kommen, ziehen sie am Nachmittag vom Feldberg her via Tüllinger Hügel über Riehen. Genaue Prognosen über den Vogelzug seien aber schwierig, erklärt Georges Preiswerk, der zuvor immer den Wetterbericht studiert, allen voran Tiefdruckgebiete und Windrichtungen. «Das Wetter ist für uns vielleicht zufällig, das Verhalten der Vögel dazu aber überhaupt nicht.»

Solches Wissen geben die Riehener Vogelkundler am Zugvogeltag rund um den Eisweiher auch den in grosser Zahl erschienenen Besuchern mit. Informieren und sensibilisieren ist an diesem Tag fast genauso wichtig wie das Zählen der Vögel selber.

Überraschende Entdeckung

Bereits Wochen vor dem Internationalen Zugvogeltag zog das Neuntöter-Pärchen in den Süden, das im Frühling und Sommer rund um den Eisweiher mehrfach gesichtet wurde. Der in unseren Breitengraden über viele Jahre hinweg nicht mehr beobachtete Vogel mit der schwarzen Augenbinde zieht im Winter in die Dornbuschsavannen südlich des Äquators nach Afrika.

Die Entdeckung des Neuntöters war eine kleine Sensation. Dass sich das Pärchen überhaupt für Riehen als Sommerdestination entschieden hat, ist auch der Verbreiterung des Dychs und den neuen Hecken zu verdanken, in denen sich Insekten, Mäuse, Frösche und kleinere Vögel wohlfühlen, die allesamt zu den bevorzugten Beuten des Neuntöters gehören.