Begeisterung

«Ein weneli Heimweh hab ich» – für die Fasnacht kehrt Botschafter Paul Seger zurück nach Basel

Paul Seger, Botschafter der Schweiz in Deutschland, ist Basler – und begeisterter Fasnächtler.

Sein Büro liegt mitten im Regierungsviertel, in Gehdistanz zum Kanzleramt und Reichstag: Seit etwas mehr als einem halben Jahr vertritt der Basler Paul Seger (60) die Schweiz als Botschafter in Berlin. Eine lange diplomatische Karriere, die ihn auch zur UNO geführt hat, findet in der deutschen Hauptstadt ihren Höhepunkt. Heute fliegt er aber zurück nach Basel, um sich kommende Woche mit seiner Clique «Freyschtil» wie jedes Jahr ins fasnächtliche Getümmel zu stürzen.

Herr Botschafter Seger, ist Ihr Fasnachtskostüm schon in Basel oder ist es noch in Berlin?

Paul R. Seger: Noch ist es in Berlin. Meine Frau hat es geschneidert, ich selbst male unsere Larven. Heute aber wird es in den Koffer gepackt und wir fliegen für die Fasnacht nach Basel.

Mit Easyjet?

Ja, das bietet sich an. Von der Schweizer Botschaft zum Flughafen Tegel sind es 20 Minuten, und von EuroAirport zu unserer «Pied-à-terre»-Wohnung im Sesselacker 15 Minuten. Das ist schon sehr praktisch.

Wie oft können Sie in Ihrer Funktion in Berlin eigentlich noch Baseldeutsch sprechen?

Unsere wöchentlichen Sitzungen in der Botschaft werden auf Hochdeutsch geführt, wegen unserer zahlreichen deutschen Mitarbeiter. Aber es kommt immer wieder vor, dass ich mit Politikern aus dem süddeutschen Raum Dialekt sprechen kann, zum Beispiel unlängst mit der Parlamentarischen Staatssekretärin im Umweltministerium.

Das beweist, wie speziell die Lage Ihrer Heimatstadt Basel ist.

Es ist mir insbesondere in meiner aktuellen beruflichen Position ein grosses Anliegen, immer wieder auf die europaweite Vorbildfunktion des Dreiländerecks hinzuweisen. Der trinationale Raum Basel ist ein starker Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort, der von der engen, grenzüberschreitenden Zusammenarbeit lebt. Das gilt es zu bewahren und auch immer wieder hervorzuheben.

Wie diplomatisch reagieren Sie eigentlich, wenn Deutsche immer wieder von «Baselern» sprechen?

Das kommt sehr auf die Situation an. Wenn es regelmässig vorkommt, kann ich nicht aufs Maul sitzen und greife korrigierend ein. Das tue ich selbstverständlich auch für unsere Zürcher Freunde, wenn jemand konsequent von «Zürichern» spricht.

Haben Sie manchmal Heimweh?

«E weneli» schon. Gemildert wird dies aber durch das Bewusstsein, dass meine Heimatstadt nur gut eine Flugstunde entfernt liegt. Und, ich gebe es zu: Ein bisschen Lokalpatriot bin ich schon, auch in der Botschaft: Auf meinem Bürotisch steht das Drachenbrünneli, das ich von der Basler Regierung geschenkt bekommen habe. Und zum Tee serviere ich selbstverständlich Läggerli.

Was halten Sie eigentlich von der deutschen Fasnacht?

Sie ist ganz anders. Aber gerade im Rheinland fasziniert mich die Tatsache, dass auch dort, wie in Basel, das Begeisterungsniveau der Menschen enorm hoch ist.

Sehen Sie irgendwelche Gemeinsamkeiten zwischen Berlin und Basel?

Zunächst sticht natürlich vor allem der Grössenunterschied ins Auge. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten: So sind beides Städte mit einem reichen, aktiven Kulturleben. Auch die sprichwörtliche Berliner Schnauze ist nicht so weit weg von dem, was wir auf Baseldeutsch «zünde» nennen, also von einer gewissen provokativen Direktheit. Letzthin ging ich, der ja immer eine Fliege trage, in eine Apotheke. Die Verkäuferin sagte: «Wat denn, wat denn – laufen Sie immer so rum oder is’ wat Besonderes los?» Wir Basler sind uns ja solche Sprüche gewohnt.

Die Schweizer Botschaft liegt bekanntlich nur einen Steinwurf vom Kanzleramts-Gebäude entfernt. Können Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel zuwinken?

Leider sehe ich ihr Büro von der Botschaft aus nicht. Aber sie fährt regelmässig mit ihrem Konvoi vor unserer Türe vorbei. Immerhin sehe ich aber das Büro des Kanzleramtsministers Helge Braun – und ihm, den ich persönlich kenne, winke ich tatsächlich manchmal zu.

Ihre Vorgänger im Amt hatten zum Teil mit schwierigen Dossiers zu kämpfen. Gerade zur Zeit des Steuerstreits waren die Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland angespannt. Wie sieht die Situation heute aus?

Politische Probleme haben wir aktuell keine. Das Niveau unserer Diskussionen ist sehr technisch, die Dossiers verkehrslastig. Zum Beispiel geht es darum, dass die Schienenstrecke Karlsruhe-Basel schneller ausgebaut wird oder um die Elektrifizierung der Hochrheinstrecke nach Schaffhausen. Dies zeigt, wie gut es insgesamt um die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und der Schweiz steht.

Also wird Ihnen langweilig?

Überhaupt nicht. Die Deutschen beobachten unser Verhältnis zur Europäischen Union mit Argusaugen und verfolgen die Diskussionen um das Rahmenabkommen präzise. Für die Schweiz wiederum ist Deutschland als bilateraler Partner mit einem jährlichen Handelsvolumen von 100 Milliarden Franken besonders wichtig und auch als politischer «Transmissionsriemen» nach Brüssel.

Einige Ihrer Vorgänger haben es zu Bekanntheit gebracht. Was sind Ihre Karriere-Pläne - wollen Sie Berater von Oligarchen werden oder Politiker in Bern?

Ich konzentriere mich voll auf meine Arbeit und möchte die Interessen unseres Landes sympathisch, gescheit und überzeugend vertreten. Ende 2023 wird hier meine diplomatische Karriere zu Ende gehen und ich werde pensioniert. Bis dahin fliesst noch viel Wasser den Rhein oder die Spree hinunter.

Könnten Sie sich vorstellen, als «Elder Statesman» nach Ihrer Pensionierung in die Basler Lokalpolitik zu wechseln?

Ausschliessen möchte ich das nicht. Ich habe durchaus Interesse daran, meine Erfahrung irgendwo einbringen zu können. Aber, wie gesagt: Jetzt mache ich erst einmal meine Arbeit hier in Berlin.

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