Landzunge und Stadtmund

Eindruck schinden mit regionalem Gemüse

Wagen wir uns doch einfach an unser regional-saisonales Gemüse.

Wagen wir uns doch einfach an unser regional-saisonales Gemüse.

2020 jagt eine Herausforderung die nächste. Erst mussten wir uns von Volksfesten, geplanten Reisen und grenzübergreifenden Shopping-Möglichkeiten verabschieden. Statt mit Jägermeister begossen sich fortan alle mit Sagrotan. Dann durfte sich nicht mehr umarmt und die Hände geschüttelt werden, neue Wege für körperlose Kommunikation mussten gefunden werden. Im Lockdown schliesslich war es gar nicht mehr möglich, das soziale Umfeld ausserhalb des eigenen Haushalts zu pflegen.

Dafür bleibt seither viel Zeit übrig. Viel Zeit für uns, um uns weiterzubilden, uns neu zu erfinden, uns auszuprobieren. Zeit, um die eigene und die fremden Regionen im Land zu erkunden, lang gewohnte Muster und Routinen aufzubrechen und neu festzulegen. Für viele findet das Herumexperimentieren im Alltag nun in der Küche statt. Es gab ja in den letzten Monaten genug Gelegenheit und wegen der heruntergefahrenen Gastronomie auch die Notwendigkeit, sich kulinarisch am eigenen Herd auszutoben. Doch da lauert schon die nächste Herausforderung. Etwa die terminologische Trennschärfe im Cuisine-Fachjargon. Was ist der Unterschied zwischen Dünsten und Dämpfen? Was wird blanchiert und was pochiert?

Und überhaupt: Es gibt nicht nur das Rezept, sondern auch die Zutaten. Und da nimmt es für viele ganz schnell ein Ende mit der Kreativität und der Neugier: beim inländischen Gemüseangebot. Jedenfalls bei dem, das jenseits von Tomaten, Karotten und Feldsalat liegt. So ein Fenchel verunsichert. Schwarzwurzel schüchtert ein, Knollensellerie verursacht Komplikationen. Eben alles, was sich nicht in einem hübschen Smoothie verquirlen oder als farblich abgestimmtes Salatdekor arrangieren lässt.

Wieso denn eigentlich? Klar, so ein Rhabarber ist in seiner blattstieligen Erscheinung vielleicht nicht so elegant wie eine Lilikoi oder eine Drachenfrucht. Dafür ist er ab Mitte Juni giftig und sorgt beim Konsumenten von Kompott oder Kuchen damit für realen Nervenkitzel. Wer weiss, ob nach dem Verzehr der Toxische Notfalldienst gerufen werden muss? Na, welche Südfrucht kann das schon von sich behaupten? Nicht mal festsitzende Granatapfelkerne aus dem Gehäuse zu klopfen, erzeugt so einen Adrenalinkick. 1:0 für das Knöterichgewächs. Anstatt im Supermarkt mit gegoogeltem Fachwissen fachmännisch importierte Mangos und Papayas auf ihren Reifegrad abzutasten, kann man auch einfach mal zu einer Handvoll Kefen greifen. Werden sie butterzart sein oder genug fädig, um jeglicher Zahnseide zu trotzen?

Wagen wir uns doch einfach an unser regional-saisonales Gemüse. Auch wenn, oder gerade weil es respekteinflössend sein kann, Gewächse aus unserer Klimazone zu kochen. Wenn wir dieses Jahr Freunde, Familie und Follower nicht mit eindruckschindenden Urlaubsfotos und Berichten von Partys, Festivals und sonstigen Anlässen mit mehr als 1000 Personen füttern können, dann vielleicht mit einem perfekt gegarten Kohlrabi.

Eva Oberli ist Schülerin am Gym Muttenz und wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf.

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