Man könnte behaupten, Fritz Mario Glasstetter sei ein miserabler Verkäufer gewesen. Glasstetter handelte im Petershof mit Antiquitäten. Von der vergoldeten venezianischen Vitrine bis zur bäuerlichen Obstputzmaschine – bei ihm gab es alles. Allerdings verlangte er für die Ware derart viel Geld, dass die meisten Stücke im Laden am Petersgraben 19 stehen blieben.

Und doch ist die Behauptung falsch, Glasstetter sei ein schlechter Verkäufer gewesen. An vielen alten Waren hing er einfach dermassen, dass er sie nicht veräussern wollte. Deshalb die astronomischen Preise. Einmal bat er einen Kunden, ein gekauftes Stück wieder zurückzubringen.

Aus der gleichen Perspektive fotografiert: Der Petershof zu Fritz Marios Zeiten (links) und heute.

Als Glasstetter 2011 starb, gab es zwischen den Antiquitäten fast kein Durchkommen mehr. Ein 150 Jahre altes, nie renoviertes Haus, jeder der drei Stöcke übersät mit alten Sachen – ein mühsames Erbe, vor dem Glasstetters Tochter Michèle 2011 stand. Doch sie nahm es an. Und kämpft seither unermüdlich dafür, dass der Petershof wieder zu neuem Leben erwacht.
Der Petershof ist nicht irgendein gewöhnliches Haus. Er ist eine Zeitkapsel. Seit 150 Jahren steht er am Petersgraben, wurde innen wie aussen praktisch nie verändert. Hätte der süssliche Duft jeder Herbstmesse eine sichtbare Marke an der Fassade hinterlassen, sie wären alle noch da. Wer das Haus betritt, begibt sich auf eine Zeitreise durch anderthalb Jahrhunderte Basler Geschichte.

Michèle Glasstetter spricht im Video über ihren Vater Fritz Mario.

Michèle Glasstetter spricht im Video über ihren Vater Fritz Mario.

Spekulanten gingen ein und aus

Dass der Petershof öffentlich zugänglich, ja überhaupt zugänglich ist, ist das Verdienst von Michèle Glasstetter. Seit sie die Antiquitäten ihres Vaters geerbt hat, bot sich ihr so manche Gelegenheit, das Haus zu verkaufen. Spekulanten gingen ein und aus, bis sie ein Schild aufhängte: «nicht zu verkaufen». Für sie ist klar: «Dass aus dem Petershof ein Wohnblock wird, ist ausgeschlossen.» Glasstetter will den Petershof als Zeitkapsel erhalten.

Bloss: Das Haus befindet sich nicht im besten Zustand. In der Decke zum Estrich klaffen Löcher. Die kalte Luft zieht von oben durch das ganze Haus. Kommt dazu, dass sich die Antiquitäten zu Tausenden stapeln. Zwei Probleme, eine Lösung: Glasstetter verkauft die Antiquitäten und spart das Geld für eine sanfte Renovation, wie sie sagt. «Der Charme des Gebäudes soll so original wie möglich erhalten bleiben.» Ihr Plan: Vorfenster im alten Stil, die Decken neu gipsen, den Fussboden im Estrich isolieren, eventuell Leitungen für Warmwasser verlegen. Durch die fehlende Isolation ist es im Haus zwischen Oktober und April bitterkalt. Der Kohleofen im Keller ist längst ausser Betrieb. Glasstetters Sohn hat darin über 100-jährige Zeitungen gefunden.

Alte Stadtmauer rezykliert

Gebaut wurde der Petershof von 1860 bis 1868 nach Abbruch der alten Stadtmauer auf dem Fundament und aus dem Material derselben. Bis in die 1930er Jahre diente er als Geschäftsladen einer Möbelfirma. Als diese ihr Geschäft aufgab, folgte Eugen Naegelin. Er war spezialisiert auf Wohnungsräumungen in den noblen Basler Quartieren. So fand auch edles Mobiliar in den Petershof. Zum Teil steht es heute noch dort – die vergoldete venezianische Vitrine etwa.

Die vergoldete venezianische Vitrine steht seit Langem im Petershof.

Die vergoldete venezianische Vitrine steht seit Langem im Petershof.

Um 1950 übernahm der Treuhänder Naegelins dessen Geschäft samt Fundus. Sein Name: Friedrich Glasstetter, Michèles Grossvater. Seither ist die Geschichte des Petershofs auch eine Familiengeschichte.

Friedrich Glasstetter, Michèles Grossvater

Friedrich Glasstetter, Michèles Grossvater

Gewohnt hat nie jemand im Petershof. Michèle und ihr Bruder spielten als Kind aber viele Stunden lang im Estrich. Aus alten Gegenständen haben sie sich ein «Walliser Stübli» samt Küchentisch und Bett gebastelt. «Es war das Paradies, aber auch ein bisschen unheimlich da oben. Und sehr staubig», erzählt Glasstetter. Der Petershof – eine Schatzkiste, vollgestopft mit verstaubten Antiquitäten.

Das Verhältnis zu ihrem Vater Fritz Mario beschreibt sie als schwierig. «Ich wollte, dass er den Verkaufsraum ästhetischer und sauberer gestaltet.» Glasstetter fand kein Gehör. Sie durfte nicht einmal den Teppich im Schaufenster von den Haaren befreien, die Vaters zwei Schäferhunde verloren.

Michèle Glasstetter erzählt von ihrer Kindheit im Petershof.

Michèle Glasstetter erzählt von ihrer Kindheit im Petershof.

95 Prozent der Antiquitäten sind weg

Das Antiquitäten-Virus hat auch Michèle ein wenig befallen. Sie habe manchmal Hemmungen, alte Sachen wegzuwerfen: «Ich bin nicht der Ikea-Typ.» Was die Liquidation des väterlichen Fundus angeht, so unternimmt sie aber alles, um zu verkaufen. Zu mittleren Marktpreisen, nicht wie der «Bappe». Mit Erfolg: Sie schätzt, dass mittlerweile 95 Prozent der Antiquitäten verkauft sind. Der Petershof ist jeden Samstag offen, während der Herbstmesse täglich. Auf dem Weg ins Vergnügen am Petersplatz machen viele Halt vor dem Schaufenster. Trotz tristem Wetter und Kälte empfängt Glasstetter viele Besucher. «Der Petershof lebt.» Glasstetter strahlt.

Neues Leben und zusätzliches Geld für die Renovation erhält der Petershof auch dank Kunst- und Kulturevents, die im Haus stattfinden. Noch bis Ende Herbstmesse sind in den oberen Stockwerken die Werke von 14 Künstlern aus der Region Basel und dem Ausland zu sehen. Die nächste Ausstellung ist für den nächsten Frühling geplant.

Was dereinst aus dem Petershof werden soll, steht noch nicht fest. Glasstetter will ihn als Geschäft erhalten, kann sich auch die Nutzung als Kulturhaus mit künstlerischen und musikalischen Darbietungen vorstellen. Sie schätzt, dass die Liquidation noch fünf Jahre dauert. Bis dahin muss sie sich zwischen Oktober und April warm anziehen, wenn sie im Petershof Antiquitäten verkauft.

Die Ausstellung im Petershof, Petersgraben 19, ist bis 15. November täglich von 11 bis 20 Uhr offen. Für die Liquidation ist der Petershof jeden Samstag offen.