Basler Lyrikpreis

Eine Architektin der Sprache erhält den Basler Lyrikpreis

Elisabeth Wandeler-Deck auf dem Balkon ihrer Wohnung.

Elisabeth Wandeler-Deck auf dem Balkon ihrer Wohnung.

Die Dichterin Elisabeth Wandeler-Deck erhält am 27. Januar am internationalen Lyrikfestival den Basler Lyrikpreis. Sie ist wahrscheinlich die erste Schweizer Schriftstellerin, die optisch mit Layout, Typographie und Formen spielte.

Blumenfeldstrasse 31. Die Adresse der Dichterin weckt romantische Ideen. Ein altes, verwachsenes Häuschen am Waldrand. Stille, nur eine alte Schreibmaschine, die klappert. Falsche Spur. Es ist alles ganz anders, und das ist gut so.

Elisabeth Wandeler-Decks Lyrik könnte nicht weiter weg sein vom altmodischen Feld-, Wald- und Wiesengedicht. Jegliches Poetenklischee täte gar nicht passen zu dieser Frau, die sich Normen verweigert und diesen etwas ganz Eigenes entgegenzusetzen weiss - sprachlich, musikalisch und überhaupt, ihr Leben. Vor allem zu Beginn der 70er-Jahre muss es aufregend gewesen sein; mit halb improvisierten Performances in Fabriken, die neu als Kulturorte erobert wurden. «Es war eine offene Zeit mit vielen neuen, belebenden Gedanken», erzählt sie.

Elisabeth Wandeler-Deck ist vor nicht ganz einem Jahr mit ihrem Partner in einen neuen Blockbau im Zürcher Vorstadt-Quartier Affoltern gezogen. Vom Balkon aus sieht sie vor allem auf andere Blockbauten und hinunter aufs Bahngleis. Nebenan werde sich bald eine grosse Schulhaus-Baustelle auftun. Die 73-jährige erzählt es nicht stirnrunzelnd, sondern freudig: «Ich war immer fasziniert von Baustellen. Da läuft etwas.»

Als Jugendliche hatte sie «Lust, bauen zu lernen». Sie studierte Architektur, heiratete einen Architekten. Anfang der 60er-Jahre entwickelte das Paar in Algerien neue Dörfer. Später bekam sie zwei Töchter, trennte sich von ihrem Mann, hängte ein Soziologie-Studium an und führte eine eigene Gestalttherapie-Praxis. Daneben begann sie mit Musik- und Sprachexperimenten. Sie erwähnt, dass sie später mit einem Schriftsteller, danach mit einem Musiker zusammenlebte; so hatte sie, vielleicht nicht ganz zufällig, stets die passende Muse zur Seite.

Erstling mit 50

Heute konzentriert sich Elisabeth Wandeler-Deck ganz aufs Schreiben. Dabei geht sie immer noch vor wie eine Architektin: Die Form ist ihr so wichtig wie der Inhalt. Sie spielt mit der Typografie, mit Wortgruppen, mit Textbildern. «Ich koste Möglichkeiten aus, lasse ein Gedicht schmaler werden und wieder breiter, verschiebe Klänge und Bedeutungen.» Es sei ein Hin und Her zwischen «ich sehs und mache weiter» oder «noch stört etwas». «Irgendwann stoppe ich.» Weil es gut ist? «Weil es schlechter würde mit dem Weitermachen.»

Schon ihr allererstes Buch basierte auf einer formalen Idee. Ein oberer Textstreifen, der in eine Richtung läuft, unten ein in die entgegengesetzte Richtung laufender Text. Dazwischen Hörspiele. War sie die erste Schweizer Dichterin, die ein formal so verspieltes Buch herausgab? Wandeler-Deck lächelt. «Man könnte versuchen, es zu behaupten.»

Elf Jahre dauerte es, bis sie einen Verlag für dieses Erstlingswerk, «Merzbilder mit Verkehr», gefunden hatte. Sie war 50, als es endlich herauskam. Seither musste sie nie mehr so lange um Anerkennung kämpfen, seither häufen sich die Stipendien und Preise. Am Sonntag erhält Wandeler-Deck den Basler Lyrikpreis.

Trotzdem, als Dichterin hat sie es sicher nicht gerade leicht, ein Publikum zu finden. Ist das nicht manchmal frustrierend? Wandeler-Deck nimmt es gelassen. «Als Lyrikerin macht man keinen Bestseller, ausser man bekommt den Nobelpreis. Doch ich habe gelernt, das zu tun, was mir richtig erscheint. Dafür bin ich Untergrund-Künstlerin genug.» Was könnte man tun, um Lyrik wieder populärer zu machen? «Popmusik ist auch Lyrik. Bob Dylan hat tolle Texte geschrieben, der Rapper Kutti MC ist zugleich Lyriker. Vielleicht müsste man wieder stärker ins Bewusstsein holen, dass Lyrik nicht nur im schmalen Gedichtband stattfindet.»

Schwer zugänglich. So oder ähnlich werden Wandeler-Decks Texte meistens etikettiert. Sie dagegen wünschte sich, man würde die Lyrik vom Leistungsdruck befreien, sie genau deuten zu können. Am liebsten wäre ihr, wenn die Lesenden ihre Texte spielend entdeckten. «Es wäre schön, wenn sie darin herumwandern könnten wie in einer fremden Stadt, wie in einem fremden Traum.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1