Tradition

Eine erzbaslerische Frage bewegt die Stadt: Müssen Zünfte Frauen aufnehmen?

In Basel eine Seltenheit: Frauen in Zünften. Im Bild Mitglieder der Fraumünsterzunft in Zürich.

In Basel eine Seltenheit: Frauen in Zünften. Im Bild Mitglieder der Fraumünsterzunft in Zürich.

In den Basler Zünften geben die Männer den Ton an. Nur drei von 20 Zünften nehmen Frauen auf – die Linke will, dass es mehr werden. Doch die Aufsichtskommission des Bürgergemeinderats wehrt sich gegen eine Aufnahmepflicht.

Die Frauen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Bereichen Gleichberechtigung erkämpft, doch nun geht es ans Eingemachte. Die Basler Zünfte sollen künftig weibliche Mitglieder aufnehmen müssen.

Die Zünftler fühlen sich angegriffen: Viele wollen unter sich bleiben und empfinden den Auftrag der SP im Bürgergemeinderat als Angriff auf die männlichste aller Traditionen. Die Sozialdemokraten fordern, dass Frau und Mann in der Zunftordnung, der Vorstadtordnung, der Ordnung für die Drei Ehrengesellschaften und der Korporationsordnung gleichgestellt werden.

Eine knappe Mehrheit der Aufsichtskommission lehnt die Forderung ab, wie ihrem Bericht zu entnehmen ist. Die Debatte findet nächste Woche statt, und eins ist sicher: Die Wogen werden hochgehen.

LDP-Bürgergemeinderat Raoul Furlano etwa, Meister der Zunft zum Goldenen Stern, ist vehementer Gegner der SP-Forderung. «Die Zünfte sollen wie jeder andere Verein entscheiden können, ob sie Frauen aufnehmen wollen. Wir brauchen doch nicht für jeden selbstverständlichen gesellschaftlichen Umgang miteinander eine Gesetzesänderung oder ein neues Gesetz», ärgert er sich. Nicht minder nervt ihn, dass die Medien mit diesem Thema die Seiten füllten und überhaupt: dass Steuergelder verpuffen für eine solche Debatte.

Furlano wird auf die Unterstützung von SVP-Bürgergemeinderat Joël Thüring zählen können. Er ist der Meinung, es handle sich bei dem Vorstoss um «Zwängerei». «Ich finde das heutige System gut. Den Zünften steht offen, Frauen aufnehmen zu können.» So sind bereits in drei Zünften Frauen dabei: In der Zunft zu Schneidern, in der Zunft zu Gartnern und in der Akademischen Zunft.

Bürgerrat lehnt die SP-Forderung ab

Tatsächlich gilt für die Zünfte, die Vorstadtgesellschaften Grossbasels, die Bürgerkorporation Kleinhüningen und seit anfangs Jahr für die Drei Ehrengesellschaften eine Kann-Formulierung, wonach Frauen aufgenommen werden dürfen, wenn die Mitglieder dies wollen. Die Mehrheit der Aufsichtskommission ist der Meinung, dass damit der Gleichstellung Genüge getan wäre – und dass ein Aufnahmezwang «heute offensichtlich keinem wirklichen Bedürfnis entsprechen würde», wie es im Bericht heisst.

Dieses Argument wird die Linken nicht zufriedenstellen. Rot-Grün hält den kategorischen Ausschluss der Frauen aus den Zünften für einen alten Zopf, der abgeschnitten werden muss.

Grünen-Bürgergemeinderat Jürg Stöcklin ist der Meinung, dass die Zunftordnung mit Formulierungen gespickt sei, die an die Zeit vor der Aufklärung erinnerten. Er meint die Regel, wonach in einer Zunft «jeder männliche und wohlbeleumdete Bürger der Stadt» aufgenommen werden könne. Dass von Frauen nicht die Rede sei, widerspreche dem Gebot der Gleichberechtigung. Und «ob die Zünfte und Ehrengesellschaften dann aber tatsächlich Frauen aufnehmen, wird ihre Sache sein», sagt Stöcklin.

Nichts von einem Aufnahmezwang für Frauen halten die Bürgerlichen – im Bericht der Aufsichtskommission wird unter anderem darauf verwiesen, dass die Zünfte keine öffentlich-rechtlichen Aufgaben mehr wahrnehmen würden. Auch hätten sie keine Privilegien, deswegen müsse man sie nicht an die Grundrechte binden.

Grünen-Vertreter Stöcklin sieht es anders: Solange die Bürgergemeinde für die Zunftordnung zuständig sei, müssten hier Mann und Frau gleichgestellt werden.

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