Basel

«Eine gute Option»: Juso-Präsident Eichenberger will Basler Gotteshäuser abreissen

Schon lange profaniert ist die Barfüsserkirche. Zwischen 1890 und 1894 wurde sie zum Historischen Museum umgebaut – Foto: Ausstellung «Fussball – Glaube, Liebe, Hoffnung» von 2015 – zuvor hatte die ehemalige Klosterkirche unter anderem als Salzlager gedient.

Schon lange profaniert ist die Barfüsserkirche. Zwischen 1890 und 1894 wurde sie zum Historischen Museum umgebaut – Foto: Ausstellung «Fussball – Glaube, Liebe, Hoffnung» von 2015 – zuvor hatte die ehemalige Klosterkirche unter anderem als Salzlager gedient.

Die zwei grossen Landeskirchen verlieren in beiden Basel laufend Mitglieder. Was sollen sie mit den nicht mehr gebrauchten Sakralbauten anfangen? Abreissen, fordern die einen – auf keinen Fall, warnen Denkmalschützer. Dabei hat die Debatte um die Umnutzung von Sakralbauten erst begonnen.

Es war ein Tabubruch. Vor zwei Jahren liessen die Basler Katholiken erstmals ein Gotteshaus niederreissen: die Kirche St. Christophorus in Kleinhüningen. Zwar galt der Bau als nicht erhaltenswert. Trotzdem war das Vorhaben für die Basler Römisch-katholische Kirche (RKK) eine Gratwanderung. Anfangs seien die Pläne auf «grossen Widerstand» gestossen, sagte Bernhard Glanzmann, Leiter Bauwesen im Kirchenrat, 2016 zu kath.ch. Man habe jedoch die Gläubigen überzeugen können, dass ein Neubau mit Wohnungen sinnvoll sei. Der Meinungsumschwung sei vor allem das Verdienst des Pfarrers, zitierte das Medienportal Glanzmann: «Er konnte die Leute überzeugen, dass etwas Neues auch etwas Gutes sein kann.»

St. Christophorus wird nicht die letzte Kirche in Basel gewesen sein, aus der etwas Neues wird. Weil die Zahl der Kirchgänger sinkt, braucht es weniger Raum. Ein Dutzend Sakralbauten haben die beiden grossen Landeskirchen bereits abgegeben oder umgenutzt (siehe Liste rechts), doch das genügt nicht. Jüngster Fall ist die Pauluskirche: Im Juni war der letzte Gottesdienst. Was aus dem neuromanischen Zentralbau werden soll, weiss die Evangelisch-reformierte Kirche Basel-Stadt (ERK) noch nicht.

Das Abreissen sei eine gute Option für überflüssige Gotteshäuser, sagt Nicolas Eichenberger. Für den Präsidenten der Basler Jungsozialisten ist eine Kirche «ein Gebäude wie jedes andere auch». Es spreche nichts dagegen, sie dem Boden gleichzumachen, sagt er zur «Schweiz am Wochenende». Die Don-Bosco-Kirche in der Breite, in der 2013 der letzte Gottesdienst abgehalten wurde, kann in den Augen Eichenbergers weichen, um dringend benötigtem Wohnraum Platz zu machen.

St. Markus darf fallen, St. Michael jedoch nicht

Weil fast alle Kirchen in Basel denkmalgeschützt sind, kommt Eichenbergers Radikallösung nur vereinzelt infrage. Auch die Paulus- und die Don-Bosco-Kirche sind im Denkmalschutzverzeichnis eingetragen. So sind fast nur kulturelle Umnutzungen möglich: Museum, Konzertraum, Veranstaltungsort. In Italien oder Holland ist man weniger zimperlich. Dort gibt es Kirchen, die als Autogarage, Supermarkt oder Fitnessklub dienen – in der Schweiz kaum denkbar.

Steht eine Kirche aber nicht unter Schutz, liebäugeln die Eigentümer mit einem Abriss. Christophorus war kein Einzelfall. So wollten die Basler Katholiken die St.-Michael-Kirche im Hirzbrunnen-Quartier loswerden. Ihnen kam jedoch die kantonale Denkmalpflege in die Quere – sehr zum Ärger der Kirchenvertreter. Sie seien abgekanzelt worden, klagte Bernhard Glanzmann 2014 in der «Schweiz am Sonntag». Der Experte habe sie gefragt, «was ihnen überhaupt einfalle, eine Kirche abzureissen». Mittlerweile ist der 1950 geweihte Bau geschützt. Anfang August gab die RKK bekannt, er diene künftig als ökumenisches Quartierzentrum.

Mehr Glück hatten die Reformierten. Nur hundert Meter Luftlinie von St. Michael entfernt steht die Markuskirche leer. 2010 war der letzte Gottesdienst. An ihrer Stelle darf die ERK zwei neue Wohnhäuser errichten.

Die RKK besitzt alleine im Stadtkanton, inklusive der neuen St. Christophorus-Kapelle, elf Kirchen. Bei der Evangelisch-reformierten Kirche sind es insgesamt zwanzig Kirchen, Kirchlein und Kapellen. Hinzu kommen rund ein Dutzend Gotteshäuser anderer christlicher Gemeinschaften und sonstige ehemalige Sakralbauten.

Bei den Basler Reformierten stellt sich die Umnutzungsfrage am dringlichsten. Seit 1970 hat die ehemalige Basler Staatskirche rund drei Viertel ihrer Mitglieder verloren. Die Reformierten waren 2018 mit einem Anteil von 15,8 Prozent nur noch drittgrösste Gruppe im Stadtkanton, hinter den Konfessionslosen (49,6 %) und den Katholiken (16,5 %), aber noch vor den Muslimen (8,2 %) und anderen christlichen Gruppen (5,7 %). Was den Katholiken entgegenkommt: Am Wochenende sind viele ihrer Kirchen voll, wegen Gastmissionen. Diese bieten fremdsprachige Messen an, von eritreisch über ungarisch bis vietnamesisch.

Baselbieter Reformierte müssen ihre Kirchen mieten

Im Baselbiet wurden bisher weder katholische noch reformierte Kirchen dauerhaft umgenutzt. Das hat drei Hauptgründe. Erstens gehören die Reformierten Kirchen fast vollständig der staatlichen Stiftung Kirchengut. Zweitens profitierten die Landeskirchen von der Zuwanderung. Kommt hinzu, dass es in kleineren Dörfern meist nur je eine reformierte und katholische Kirche gibt. Bei einem Wegfall müssten die Gläubigen in andere Ortschaften ausweichen. Aber auch im Baselbiet wird man sich der Umnutzungsfrage stellen müssen – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

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