«Treffpunkt der Clochards und Bänkler» und «Die Kirchen haben nun ein Forschungslabor» titelte die Presse, als die Offene Kirche Elisabethen 1994 den Betrieb aufnahm. In den Anfängen regte die Offene Kirche (OKE) mit Konzerten und Tiergottesdiensten fernab von Traditionen und festgeschriebenen Riten so manchen gläubigen Kirchgänger auf.

Heute sind Taji, lesbisch-schwule Andachten, Meditation und die Anwesenheit von Heilerinnen in einer Kirche kaum mehr Thema in der Öffentlichkeit. «Wir haben wenig mit Leuten zu tun, die damit Mühe haben», sagt Monika Hungerbühler. Die katholische Theologin ist seit viereinhalb Jahren Co-Leiterin der OKE – mit Missio des Bischofs von Basel. Im Gegenteil: «Ich erlebe eher, dass Menschen zu uns kommen, die ohne uns aus der Kirche ausgetreten wären.»

Doch Hungerbühler erinnert sich auch an schwierigere Momente, zum Beispiel die Skepsis gegenüber der Walpurgisnacht. «Aber als wir erklärt haben, was wir machen, war es für niemanden mehr ein Problem.»

Charismatischer Gründer

Die Geschichte der Elisabethenkirche ist bewegt. Finanziert von Christoph Merian wurde die Kirche als «Mahnmal gegen den Ungeist der Zeit» zwischen 1867 und 1864 erbaut. Ende der 1960er Jahre debattierte der Grosse Rat darüber, die Kirche abzureissen. In den 1980er-Jahren konnte nur das Engagement einiger Bürger verhindern, dass sie dem Erdboden gleichgemacht wurde. Zwischen 1990 und 1994 wurde sie umfassend saniert und danach dem ökumenischen Trägerverein «Offene Kirche» zur Nutzung übergeben.

Es war der charismatische Hansruedi Felix, bekannt als Pfarrer Felix Felix, der das Projekt Offene Kirche ins Leben rief. Seine Idee war, einen theologischen Zugang zur Stadt zu schaffen. Dies funktionierte nicht mehr mit der reinen Lehre, stieg doch die Zahl der Kirchenaustritte in den 1990er Jahren stetig an. Seine Lösung: Er definierte die Kirche über die drei Bereiche Soziales, Kulturelles und Spirituelles. So wurde die Kirche zum Konzert- und Bankettsaal, zur Disco, zur Kulturkirche, zur Kleidertauschbörse und zu einem Ort der Gastfreundschaft für Frauen und Männer anderer Religionen, für Christen, Muslime, Buddhisten. Jährlich besuchen rund 100'000 Personen die Kirche.

Zwar wurde das Grundsatzpapier für die Arbeit erst kürzlich überarbeitet. «Wir arbeiten aber noch immer mit den drei Standbeinen», sagt Hungerbühler. «Wir wollen ein Ort der Menschlichkeit sein.» Mit diesem Argument pariert sie auch die Provokation, im Prinzip könnten all die Veranstaltungen doch in einer Eventhalle stattfinden. «Ich bin überzeugt, dass es für diese grosse Vielfalt die Kirche braucht. Bei uns hat alles Platz, aber nichts, das sexistisch, rassistisch oder gegen die Menschenwürde ist.» So werde bei jeder Vermietung im persönlichen Gespräch überprüft, ob diese zu den Grundsätzen passe. Das ist nicht ganz einfach, sind doch die Vermietungen und die Verpachtung des Cafés eine wichtige Einnahmequelle neben den Beiträgen an den Trägerverein.

Pioniere in der Schweiz

Organisatorisch gesehen ist die Kirche ebenfalls besonders. «Wir sind im Prinzip eine Kirche ohne Gemeinde, dafür mit vielen Freiwilligen.» Getragen wird die OKE seit Beginn von den Reformierten Kirchen Basel-Stadt (ERK) und Baselland sowie den Katholischen Kirchen beider Kantone. Finanziell betrachtet engagieren sich die Reformierten Kirchen stärker: Sie finanzieren mit rund 200'000 Franken jährlich eine Leitungsstelle, während die Katholischen Kirchen rund 60'000 Franken beisteuern. Zudem stellt die ERK die Kirche der OKE zur Nutzung zur Verfügung und verzichtet auf die Mieteinnahmen.

«Als erste City-Kirche der Schweiz leistete die Offene Kirche Elisabethen Pionierarbeit», sagt Münsterpfarrer und Präsident der ERK Lukas Kundert. Die OKE habe als Erste in Kontinentaleuropa versucht, dem individuellen Lebensstil zu entsprechen und habe damit viele Nachahmer, auch in der Schweiz, gefunden. In der Region Basel habe sie ebenfalls eine besondere Stellung und sei wohl die Kirche mit dem niederschwelligsten Zugang.

Träger bekennen sich zum Projekt

Und Kundert hofft, dass die Neubesetzung der seit über einem halben Jahr verwaisten, zweiten Co-Leitungsstelle der OKE im Jubiläumsjahr mit dem reformierten Pfarrer Frank Lorenz zusätzlichen Schwung in den Betrieb bringt. «Ich habe grosse Hoffnung, dass er Power rein bringt.» Denn eigentlich sieht er auch für die Zukunft grosses Potenzial in der Offenen Kirche: «Von der reformierten Seite her würden wir eigentlich gerne noch mehr in diese Arbeit investieren.»

Und auch die Katholische Kirche (RKK) ist vom Engagement in der Offenen Kirche überzeugt. «Sie übernimmt meiner Meinung nach eine wichtige Brückenfunktion zwischen den traditionellen kirchlichen Angeboten und Bedürfnissen, die aus gesellschaftlichen aktuellen Fragestellungen rund um den Glauben entstehen», sagt Christian Griss, Präsident der RKK. Dadurch habe auch die Kirche eine zusätzliche Möglichkeit.

Jubiläums-Apéro: 30. April, 19 Uhr in der Offenen Kirche Elisabethen.