Herr Löffler, haben Sie schon mal eine Schönheits-Operation durchführen lassen an sich selber oder würden Sie es machen lassen?

Dietmar Löffler: Nein, noch nicht. Wenn man sich operieren lassen will, muss man sich überlegen, ob ein Leidensdruck da ist. Ob man nicht glücklich ist, wenn man etwas Bestimmtes an sich nicht ändert. Ich hab aber nicht sehr viel gefunden an mir, versuche meinen Körper mit Sport und guter Ernährung einigermassen in Form zu halten. An mir selber kann ich mir höchsten vorstellen, falls es auch noch schlimmer wird, mir mal meine Schlupflider operieren zu lassen. Aber ich kann mich nicht selber operieren und dann müsste ich einen guten Kollegen finden, dem ich vertraue. Und in diesem Punkt bin ich dann auch sehr skeptisch.

Gehören Eingriffe an den Schlupflidern denn zu Ihren Spezialitäten? Oder welche Operationen führen Sie durch?

Ich könnte theoretisch alle Eingriffe vornehmen. Mein Hauptgebiet sind Brustvergrösserungen, Fettabsaugungen, Nasenkorrekturen, Faceliftings – und ja: Lidstraffungen. Das sind so die Highlights, die wir hier machen.

Und was ist der absolute Kassenschlager?

Bei uns hier? Die Brustvergrösserungen.

Ansonsten sind in der Schweiz Fettabsaugungen der Top-Seller.

Die Schweiz ist ja, das habe ich auch erst kürzlich erfahren, laut einer Statistik vom letzten Jahr das Land mit der häufigsten Eingriffszahl pro Einwohner. Das hat mich gewundert. Wenn mich einer gefragt hätte, hätte ich gesagt, das sind bestimmt die USA oder Brasilien. Aber nein, die Schweiz ist hier führend.

Wie erklären Sie sich das?

Die Schweizer scheinen ein sehr aufgeschlossenes Völkchen zu sein, und anscheinend geht man hier ganz locker damit um. Aber in diesem Business hat sich das ohnehin gewandelt. Vor 30 Jahren, als ich begonnen habe, hat man das, was wir hier machen, nur hinter vorgehaltener Hand erzählt. In den letzten 10 bis 15 Jahren wurde zunehmend deutlich offener darüber geredet. Das hat aber natürlich auch mit den Print- und Fernseh-Medien zu tun, die Operationen der plastischen Chirurgie öffentlich präsentierten. Wobei: In Deutschland darf man heute keine Vorher-Nachher-Bilder mehr zeigen, eigentlich in ganz Europa. In der Schweiz ist das noch erlaubt. Die Schweiz ist eine kleine Insel, in der es noch möglich ist.

Wieso ist das in Deutschland verboten?

Kirchenvertreter sind auf die Barrikaden gegangen, weil sie meinten, solche Bilder seien Verführung für Jugendliche. Wenn man so argumentiert, müsste man aber auch Shows wie «Germanys next Topmodel» verbieten. Ich glaube, solche Shows sind noch viel verheerender.

Zurück zu Ihrem täglichen Geschäft. Wohin geht der Trend bei Operationen? Hin zu feineren Eingriffen, statt gleich das Messer anzusetzen?

Nein, das nicht. Aber es ist so, dass heute viele sanfte Verfahren dazu gekommen sind. Das hat vor allem mit technischen Fortschritten zu tun. Früher gab es nur entweder den Gang zur Kosmetikerin, und wenn das nicht geholfen hat gleich das Facelift. Heute gibt es viele Zwischenstufen. Man macht eher zuerst eine Unterspritzung, bevor man gleich das Facelift durchführt. Es lässt sich ohnehin nicht alles mit dem Messer regeln.

Gibt es Patienten und Wünsche, bei denen Sie eine Operation ablehnen?

Unbedingt – ja. Vor einem Eingriff muss immer ein Aufklärungsgespräch geführt werden, geschaut werden, was der Patient will und wie seine Erwartungshaltung ist. Dann muss herausgefiltert werden, ob hinter dem Wunsch nach einer OP tatsächlich ein Leidensdruck ist, ob man mit einer Operation dem Patienten wirklich hilft. Es gibt eben auch Menschen, die an sogenannter Dysmorphophobie leiden, also der Angst, missgestaltet zu sein. Und das sind oft wirklich hübsche Menschen. In solchen Momenten muss man abwägen, ob man diese Patienten mit einem Eingriff wirklich glücklicher macht. Denn das sind psychische Erkrankungen.

Sind das die einzigen Fälle, in denen Sie ablehnen?

Nein, nicht nur. Wenn einer mit einem Höcker auf der Nase zu mir kommt, und seine Nase flach machen will, dann macht man das, klar. Wenn aber einer mit einer schönen Nase kommt, und sie einfach noch kleiner machen lassen will, und es danach operiert aussieht, dann lehne ich ab. Das ist dann nicht mehr richtig. Sobald ich in eine Situation komme, in der das Resultat gekünstelt aussehen würde, dann möchte ich das nicht. Oder wenn jemand aussehen will wie Barbie oder Ken, dann beteilige ich mich nicht daran. Ich will bei solchen Leuten nicht die zwanzigste OP durchführen. Das ist aber auch nicht das, was ich tagtäglich erlebe.

Sondern?

Wir haben ganz normale Leute. Klar, wenn etwas gut gegangen ist, haben wir Wiederholungstäter. Wenn beispielsweise eine Nasen-OP gut gegangen ist, kommen sie wieder, um sich später noch die Brüste machen zu lassen. Dann stimme ich auch zu, solange es zum Wohle des Patienten ist. Ich betrachte das immer als eine Art Wohlfühlchirurgie.

Sie sagen, ihre Kunden sind normale Leute. Was heisst das konkret? Welches ist ihr Hauptklientel?

Querbeet. 80 Prozent machen noch immer die Frauen aus, 20 die Männer. Altersmässig ist es je nach Operation unterschiedlich. Brust- und Nasen-Operationen macht man eher in jüngerem Alter. Wir hatten aber auch einen Fall, in dem eine Frau sich mit 70 Jahren noch ihre Nase hat machen lassen. Ihr Mann hat sie nie gelassen. Sie hat uns gesagt, dass sie jetzt dürfe, weil sie ihn jetzt einmal in der Woche mit Blumen besuche. Sie hat sich also mit 70 noch einen Lebenstraum erfüllt. Das ist aber die Ausnahme. Ab 45 aufwärts sind es vor allem die Facelifts, die oft gemacht werden. Grundsätzlich gilt bei uns einfach die Devise, dass wir erst ab 18 aufwärts operieren – Teenager werden nicht operiert. Und was das finanzielle angeht: Wir haben nicht nur Kunden, die sich auch getrost einen Bentley leisten könnten. Oft kommen auch welche, die wirklich auf eine OP hin sparen – lieber drei Jahre auf Ferien verzichten und sich dafür Fett absaugen lassen. Oder solche, die gar einen Kredit aufnehmen.

Sie haben junge Menschen, Teenager, angesprochen, und haben selber Kinder. Würden Sie diese unterstützen, wenn sie eine Operation wollen?

Meine Kinder wissen zum Glück noch nicht, was ich mache, die sind ja noch sehr klein. Wenn es jedoch mal so wäre, würde ich sie genauso beraten wie alle anderen auch, und es ihnen dann offen lassen. Aber ich entgehe zum Glück dem Schicksal, dass ich es selber machen müsste, weil ich bis dann wohl im Ruhestand bin. Ich habe noch zwei erwachsene Töchter, die so um die 30 sind, aber die wollen nichts haben. Meine Frau hingegen unterspritze ich immer wieder mit Botox.

Überlegen Sie sich bei jedem Menschen, der Ihnen gegenüber steht oder dem Sie auf der Strasse begegnen, was man an ihm optimieren könnte?

Sie meinen, ich scanne die Leute ab? Nein, nein, ich bin froh wenn ich frei habe und nichts zu tun habe. Nein, wirklich, ich nehme jeden so an, wie er ist. Ich überlege mir auch nicht während wir hier sitzen, was man an Ihnen machen könnte. Klar, es gibt solche Leute, die laufen dann an Partys rum und verteilen Kärtchen. Aber das finde ich ganz schrecklich. Ich warte lieber auf die, die zu mir kommen und sage nicht Menschen, die es gar nicht wissen wollen, was sie an sich ändern sollten. Das wäre unfair. Erstens weiss ich nicht, ob mein Gegenüber ein Problem mit irgendetwas hat oder ob ich es ihm dann einrede und er wirklich glaubt, etwas machen zu müssen, weil der Fachmann es ihm gesagt hat. Und zweitens weiss ich nicht, ob ich es ihm einrede und er die finanziellen Mittel dann überhaupt hätte.

Wie sind Sie damals zu ihrem Beruf gekommen?

Ich wollte ursprünglich in die Unfallchirurgie. Weil es keine Ausbildungsstelle gab, bin ich über viele Umwege in der plastischen Chirurgie gelandet und hängen geblieben. Jetzt mache ich das seit 1989 und finde es gar nicht schlecht.

Das klingt nicht nach dem Traumjob.

Ich mache es gern, aber Traumjob, na ja. Ich wäre auch gern Winzer geworden. Das ganze Jahr im Rebberg sitzen, zusehen, wie die Reben reifen und am Jahresende die Trauben einsammeln, das wäre auch toll. Ich bin privat noch Hobbypilot und hätte mir auch vorstellen können, Pilot zu werden. Es hätte also viele Traumjobs gegeben, aber der, den ich jetzt mache, ist ein schöner Beruf, den ich auch sehr gerne und mit Leidenschaft mache. Aber ich kann nicht sagen, dass ich mit 13 davon träumte, plastischer Chirurg zu werden. Das hat sich irgendwann entwickelt, dass ich das werden wollte.

Welches ist für Sie nach 30 Jahren Berufserfahrung der spannendste Eingriff?

(Wie aus der Pistole geschossen) Die Nasen-OP. Das ist das Highlight in der plastischen Chirurgie, und das können auch nur ganz Wenige. Es ist die anspruchsvollste Operation, weil die Nase ja nie zu verstecken ist, also muss die direkt top sein. Die Leute sind ja nicht gewillt, sich monatelang zu verstecken. Ausserdem sind in der Nase alles sehr diffizile, kleine Knorpel und Knochen, da kann man sehr viel kaputt machen. Hinzu kommt, dass man unter der Haut arbeiten muss, um keine äusseren Narben zu machen. Da gehört sehr viel Vorstellungskraft hinzu. Es ist einfach der schwierigste Eingriff – wie wenn man in der Musik Geige spielt.