Abgeriegelt

Eine Schweiz, die nicht auf die Katastrophe vorbereitet war: Basler Fotograf veröffentlicht Fotobuch

Der Basler Fotograf Jan Sulzer nutzte den Lockdown, um die Schweizer Grenzen abzufahren. Seine Bilder zeigen, wie die Schweiz mit Pragatismus reagierte.

Herr Sulzer, vor uns liegt dieses Buch, «Abgeriegelt». Worum handelt es sich dabei?

Jan Sulzer: «Abgeriegelt» ist ein Fotobuch, angereichert mit drei Essays. Es ist eigentlich aus einem privaten Notizbuch entstanden. Hauptberuflich arbeite ich als Filmemacher und beschäftige mich viel mit Menschen.

Die Grenzen waren zu und das wollte ich mir anschauen, mehr aus persönlicher Neugierde. Ich schoss Erinnerungsfotos davon hier im Baselbiet und gelangte immer weiter, bis ich mich entschied: Ich möchte die ganze Schweiz umfahren.

Die gesamte Schweiz?

Ja genau. Dafür musste ich teils absurde Umwege fahren: Durch das Elsass wäre es manchmal eine Strecke von einigen Minuten gewesen, um von einem Grenzübergang zum nächsten zu gelangen. Aber weil ja alles zu war, musste ich teils fünfzig Minuten lang Auto fahren.

Haben Sie die Reise in einem Stück unternommen?

Nein. Ich wollte nicht in Hotels übernachten, die Vorsichtsmassnahmen waren mir sehr wichtig. Deswegen kehrte ich immer wieder nach Basel zurück. Im Tessin kam es mal vor, dass ich eine leere Ferienwohnung einige Tage in Beschlag nehmen durfte.

Was löste das in Ihnen aus, ständig vor verschlossenen Türen zu stehen?

Es war sehr schräg. Am Anfang war ich sicher sehr neugierig, das ist man ja seltsamerweise immer bei solchen Katastrophen.

Die Bilder stehen ja sehr für sich. Die geschlossenen Grenzübergänge wirken sehr zusammengeschustert. Was erzählen die Bilder über die Schweiz?

Ich finde, es menschelt sehr in diesen Bildern. Viele Grenzen wirken, als hätte irgendjemand mal beim Werkhof nachgefragt, welche Materialien denn so zur Verfügung stünden, um die Grenze zu schliessen. Ich habe das Gefühl, die Schweiz war gar nicht bereit für diese Übung. Alles war improvisiert und jede Region hat ein bisschen eigene Ansätze verfolgt. Was im Widerspruch stand zur Ernsthaftigkeit der Armeechefs in den Pressekonferenzen. Dieser Pragmatismus hat einen eigenen Charme, einen Humor auch, deswegen habe ich schliesslich darauf verzichtet, Menschen abzubilden. Ich musste oft schmunzeln. In manchen Fällen haben die Leute ja wirklich auch ästhetische Überlegungen angestellt. Gerade in der Umgebung Basel ist alles sehr leicht gehalten, in der Ostschweiz arbeitete man mehr mit Beton.

Hätten Sie denn spezielle Erlebnisse mit Menschen gehabt?

Ja sicher, zum Teil sehr berührende. In Schaffhausen habe ich eine portugiesische Familie getroffen: auf der deutschen Seite die Grosseltern, auf der Schweizer Seite ein kleines Baby und seine Eltern. Die Familie hat den Sonntagnachmittag miteinander verbracht und dabei alle Massnahmen eingehalten, beispielsweise auch nicht das Baby rübergegeben. Ich habe auch illegale Grenzübergänger getroffen, Liebespaare auch. Solche Momente habe ich schon auch festgehalten, aber im Buch wollte ich mich auf die Menschenleere konzentrieren.

Spielen Grenzen in Ihrem Leben eine grosse Rolle?

Dafür habe ich viel nachgedacht. Meine Biografie hat zumindest viel mit Grenzen zu tun. Ich habe Schweizer, sogar Basler Wurzeln, bin aber in Deutschland aufgewachsen. Nach dem Abitur hat es mich aber sofort hierhin gezogen. Schon als Kind hatte ich eine Faszination dafür, ennet der Grenze zu sein. Die anderen Ortsschilder, die Architektur – mir hat das immer gefallen.

Deutschland, das Elsass, alles ist miteinander verwachsen.

Es könnte ja sein, dass die Grenzen wieder geschlossen werden.

Ich bin kein Freund davon, generell nicht. Ich habe ein ambivalentes Verhältnis dazu. Das Buch sollte aber kein Statement sein dazu. Es ist vielmehr ein Zeitdokument, die Leute können ihre Meinung dazu bilden.

«Abgeriegelt» ist erschienen im Benteli-Verlag und umfasst 160 Seiten mit 78 Abbildungen. Der Preis beträgt 25 Franken.

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