Basel
Eine Stadtkarte für Obdachlose: Basel bietet viel für wenig Geld

Die FHNW hat eine Stadtkarte entwickelt, die obdachlose Menschen ins kulturelle Leben einbinden soll.

Elodie Kolb
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Hält Wasser und Wind stand: Die Stadtkarte ist witterungsfest.

Hält Wasser und Wind stand: Die Stadtkarte ist witterungsfest.

Benjamin Wieland (15. Januar 2021

Obdachlose Menschen brauchen besonders jetzt, wenn das Thermometer in den Nächten unter null Grad fällt, Essen und einen warmen Ort zum Schlafen. Doch auch sie wollen Fussball spielen oder einmal ein Buch lesen. Eine neue Stadtkarte (s. unten) soll diesen Bedürfnissen gerecht werden und zeigt rund 80 kostenlose und günstige Angebote in Basel. Das besondere Extra: Die Karte ist witterungsfest und kann damit auch als Decke oder als Regenschutz verwendet werden.

«Obdachlose Menschen werden oft reduziert auf die Dinge, die man unmittelbar zum Überleben braucht: Essen, Trinken und Schlafen», sagt Matthias Drilling, der Projektleiter der Stadtkarte «Die kostenlose Stadt». Adriana Ruzek vom Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter bestätigt, dass auch obdachlose Menschen ein Bedürfnis nach Kultur und sozialem Leben äussern: «Unsere Erfahrung zeigt, dass grundsätzlich Kultur- und Freizeitangebote sehr beliebt sind», sagt sie. Der Schwarze Peter erhalte immer wieder kostenlose Tickets beispielsweise für FCB-Matches oder die Museumsnacht, und «diese gehen», so Ruzek, «weg wie warme Weggli». Laut einer Studie von der Hochschule für Soziale Arbeit sind rund 100 Menschen in Basel von Obdachlosigkeit betroffen und schlafen auf der Strasse oder in Notschlafstellen. Weitere 200 haben keine eigene Wohnung, kommen bei Bekannten unter und nutzen tagsüber Einrichtungen der Obdachlosenhilfe.

Obdachlosen ihre Würde zurückgeben

Wie sich für Drilling, der Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit ist, in Gesprächen gezeigt hat, komme es oft vor, dass obdachlose Menschen vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden. «Diesem Ausschluss wollten wir mit der Karte etwas entgegensetzen und diesen Menschen damit ein Stück ihrer Würde zurückgeben».

«Die kostenlose Stadt» bietet – wie der Name andeutet – eine Übersicht von kostenlosen und günstigen Angeboten in Basel. Und zwar nicht nur aus den Bereichen Suchthilfe und Übernachtung, wie das in Adresssammlungen für obdachlose Menschen häufig der Fall ist. Sondern auf der Karte sind auch Bücherkisten, Sportvereine oder eher unbekannte Möglichkeiten wie die Happy Hour in verschiedenen Museen zu finden: Im Kunstmuseum und im Museum der Kulturen beispielsweise kann man jeden ersten Sonntag im Monat und an bestimmten Wochentagen kostenlos die Ausstellungen besuchen. Bei der Entwicklung der Karte sei Drilling mit seinem Forschungsteam von den typischen Lebensbereichen wie Sport, Kultur und Arbeiten ausgegangen. Dabei hätten sie bemerkt, dass es viele kostenlose oder günstige, aber unbekannte Angebote gibt.

Karte ist knitterbar und witterungsfest

«Wir wollten ausserdem eine ästhetisch ansprechende Karte entwickeln, weswegen Studierende von der Schule für Gestaltung die Karte mitgestaltet haben», so Drilling. Durch die Piktogramme sollen Menschen, die kein Deutsch sprechen, ebenfalls Zugang zu den Angeboten erhalten. Gerade in der visuellen Übersicht sieht der Schwarze Peter den Mehrwert der Karte.

Soll Mehrwert für breite Bevölkerung bieten

Das Material ist ausgefallen: «Eine solche Knitterkarte gibt es so noch nicht», sagt Drilling. Die Karte sei nicht nur witterungsfest, sondern man könne sie auch zusammenknüllen, «sodass man sie einfach und schnell in der Jackentasche verstauen kann», so Drilling. Das Format sei bewusst gewählt worden, damit man sie zusätzlich auch als Decke, Regenschutz oder Sonnenhut verwenden kann. Wie Drilling erzählt, ist die erste Auflage von 350 Karten bereits in der Stadt verteilt worden. Die Forschenden haben sehr gute Rückmeldungen von verschiedenen Menschen und von Unternehmen erhalten. Eine zweite Auflage mit Ergänzungen sei vorgesehen.

Obwohl nicht alle Angebote gratis sind, sei die Wahl des Titels auf «Die kostenlose Stadt» gefallen. «Die meisten sind gratis», sagt Drilling. «Wir wollten sie nicht Karte für Obdachlose nennen, da sie für die breite Bevölkerung einen Mehrwert bieten soll.» Man versuche, die Karte selbst auch als Mittel für Sensibilisierung zu nutzen: Auf der Karte hat es einen QR-Code. Wenn man diesen mit dem Smartphone scannt, kommt man auf die Seite www.obdachlosigkeit.ch von der FHNW, wo man sich über das Thema Obdachlosigkeit informieren kann.

Drilling hofft, dass diese Karte auch andere Städte motiviert, ähnliche Projekte zu lancieren. Er denke da beispielsweise an grössere Städte wie Zürich oder St.Gallen. «Denn die Stadt muss eine bestimmte Grösse erreichen, damit sich der Aufwand eines solchen Projektes überhaupt lohnt.»

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