Theater Basel

Eine währschafte Watsche für die Bildungsbürger

Auf der kleinen Bühne des Theater Basel gibt es trotz Corona grosses Theater. Die Produktion «Café Populaire» begeistert.

Es ist Quasi-Lockdown und das Theater versetzt seinem bildungsbürgerlichen Publikum eine währschafte (inhaltliche) Watsche. Aber so klug und amüsant, wie in Nora Abdel-Maksouds «Café Populaire» serviert, lässt man sich das noch so gerne geschehen.

Svenja, so wird uns zu Beginn vermittelt, arbeitet als Clownin in einem Sterbehospiz, hat einen Video-Blog mit acht Followern und versucht, Betagte und Arme mit politisch korrekten Witzen und müden Kalauern, die sie an Leichen ausprobiert, nicht zu verletzen.

Sie lebt mit dem vordergründig tumben Migranten und »Dienstleistungsproletarier» Aram, der eigentlich Wirtschaftspsychologe ist in einer WG und will mit der Übernahme der Comedy-Bühne im «Gasthaus zur Goldenen Möwe» gross rauskommen.

Wenn da nur nicht ihre innere Schweinehündinnen-Stimme Don wäre, die Svenja die unterdrückte Abscheu vor der Armut und Randständigkeit touretteartig herausschreien lässt. Ja und da ist noch die Hospizbewohnerin Püppi, die altlinke «Ballhausbolschewistin», die als Spiegel von Svenjas Nicht-Karriere herhalten muss.

Erfunden hat dies alles die gefeierte Münchner Autorin und Regisseurin Nora Abdel-Maksoud, die ihren kongenialen Abgesang auf das bildungsbürgerliche Gutmenschentum und die sich darüber lustig machende Comedy-Szene 2018 im Zürcher Theater Neumarkt gleich selber in Szene gesetzt hatte.

Uraufführung in Zürich, Neufassung in Basel

Die Basler Chefdramaturgin Inga Schonlau hat von ihrer früheren Arbeitsstelle diese Produktion mit nach Basel genommen: mit zwei Uraufführungs-Darstellerinnen (der Mann sei hier mal mitgemeint) und zwei Schauspielerinnen der neuen Basler Compagnie. Es ist ein wohlkalkulierter Glücksgriff, denn «Café Populaire» war nach der Uraufführung 2018 wirklich populaire und wurde bei vielen Einladungen weit über Zürich hinaus gefeiert. 

Zur ganz grossen Feier kam es nun auf der Kleinen Bühne nicht – rein mengenmässig betrachtet. Denn in Basel fand die Premiere unter coronamässig eingeschränkten Bedingungen statt. Lediglich 50 Zuschauerinnen und Zuschauer nahmen, weitläufig verteilt, auf den Lederstühlen der Kleinen Bühne Platz. Und doch wirkte der begeisterte Schlussapplaus fast so, als sei der Saal gefüllt.

Verdient haben sie ihn, die drei Darstellerinnen und der eine Darsteller, die, eingezwängt in einen geschätzt sechs Meter breiten Bilderrahmen (Bühne und Kostüme: Moïra Gilliéron), ein anderthalbstündiges Pointen-Feuerwerk auf die Zuschauerinnen und Zuschauer niederprasseln lassen. Eines, das ebenso witzig wie tiefschürfend hintersinnig ist.

Da ist das propere Mauerblümchen Svenja (Eva Bay) in crèmefarbiger Buntfaltenhose und Rüschenbluse, die ihren Kalauern Erklärungen hinterherschickt. «Humornismus» nennt sie das als Wortspiel aus Humor und Humanismus. Hinreissend ist das Zusammenspiel mit der personifizierten inneren Stimme Don (Anne Haug), die aus Svenja die verdrängten Klassenkonflikte herausbrechen lässt.

Da ist Svenjas «Lieblingsverlierer» Aram in Hotelpagen-Uniform (Max Kraus), der berührend böse vom unterwürfigen Hund zum machohaften Audi Q7-Fahrer mit Metallic-Felgen mutiert. Und da ist schliesslich Püppi (Carina Braunschmidt), die als vulgäre alte Dame ein fulminantes Kabinettstück hinlegt. Und dabei auch mal aus der Rolle springt: Ihre furiose Klagetirade über ihr randständiges Dasein als ewiges unterbezahltes Ensemblemitglied am Stadttheater brachte Braunschmidt einen begeisterten Szenenapplaus ein.

«Café Populaire» verdient das Prädikat «Hingehen».

«Café Populaire» Von Nora Abdel-Maksoud. Auf der Kleinen Bühne des Theater Basel. www.theaterbasel.ch.

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