Strassburg und seine deutsche Nachbarstadt Kehl sind schon heute eng verbunden. Bis zu 5000 Fahrgäste benutzen an Spitzentagen den Bus zwischen den beiden Städten. Bald soll der Anteil der öV-Nutzer mit einem neuen Tram weiter steigen und so die Europabrücke vom dichten Autoverkehr entlastet werden – das Potenzial wird laut der Compagnie des Transports Strasbourgois (CTS), die im Grossraum Strassburg den öV betreibt, alleine für die deutsche Seite auf 15'000 bis 17'000 Fahrgäste geschätzt. 107 Millionen Euro kostet das Projekt, das Tram von der heutigen Haltestelle Aristide Briand durch das Strassburger Hafengebiet zum Kehler Rathaus zu verlängern. Die Kosten für die neue Brücke über den Rhein teilen sich Kehl und Strassburg. Insgesamt geht es um 3,9 Kilometer neue Tramgleise, von denen knapp zwei auf deutscher Seite verlaufen.

Sechs neue Haltestellen

Das Tram wird alle acht bis zwölf Minuten fahren. Es entstehen sechs neue Haltestellen: drei in Strassburg und drei in Kehl. In Frankreich sollen durch die Linienverlängerung die Industriebrachen im Hafen mit neuen Wohnungen für 18 000 Personen städtebaulich entwickelt werden. Die ersten 2,7 Kilometer bis zum Kehler Bahnhof sind voraussichtlich bis Mitte 2016 fertig, 2017 kann man dann mit dem Tram bis in die Kehler Innenstadt fahren. Wie in Frankreich im öV üblich, sind die Billette auch im Grossraum Strassburg sehr günstig. Die einfache Fahrt kostet 1.60 Euro, das Retourticket zum Beispiel 3.10. Die gleichen Preise und Tarife bleiben auch für die deutsche Strecke ab und zum Kehler Rathaus bestehen. Ausserdem gilt die in Strassburg überaus populäre Monatskarte auch in Deutschland – im Raum Strassburg werden davon 120 000 verkauft, das entspricht einem Viertel der Einwohner.

Zuschlag wäre undenkbar

«Es wäre undenkbar gewesen, für die Strecke in Deutschland einen Zuschlag zur Monatskarte zu verlangen. Im Tram gelten sämtliche CTS-Tickets», erklärt Annette Lipowsky, Mediensprecherin in der 35 000 Einwohnerstadt Kehl. Kommt hinzu, dass der Strassburger Bus schon seit 50 Jahren zum CTS-Tarif bis in die Kehler Innenstadt fährt. Wenig Freude an der Fortführung der unkomplizierten Regelung für das Tram hatte laut Lipowsky die Tarifgemeinschaft Ortenau (TGO), die «eine Zunge in ihr Tarifgebiet» akzeptieren musste.

Langjährige Erfahrungen mit einem grenzüberschreitenden Tram hat man in Saarbrücken. Dort wurde 1997 die Verlängerung ins französische Sarreguemines (Saargemünd) in Betrieb genommen. Sarreguemines hat 22 000 Einwohner und liegt 18 Kilometer südlich von Saarbrücken, einen Kilometer von der Grenze entfernt. Die Fahrt bis zum Saarbrücker Hauptbahnhof dauert 30 Minuten, in der Regel verkehrt jede halbe Stunde ein Tram.

Auf die Nutzung des öV hat sich die Verbindung positiv ausgewirkt. «Pro Tag fahren damit 350 Pendler. Das ist im Vergleich zur Situation zuvor eine enorme Erhöhung», teilt Sarah Schmitt, Mediensprecherin der Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft Saarbrücken (VVS), mit. Genutzt wird die Verbindung auch von vielen Franzosen, um in Saarbrücken einzukaufen. Die Fahrt kostet 5.10 Euro, der Tarif ist in beide Richtungen der Gleiche. Entgegengekommen ist der VVS, dass sich die Investitionen für die Linie im Rahmen hielten, weil sie die bereits bestehende Strecke der SNCF nutzen konnte. «Es fielen Ausstattungskosten, wie die Aufstellung eines Automaten in Saargemünd, an», so Schmitt.

10er fährt schon über Frankreich

Ein Mammutprojekt ist in Genf mit der CEVA (Cornavin–Eaux-Vives-Annemasse) zwischen Frankreich und der Schweiz in Bau. Die 16,1 Kilometer lange Strecke verläuft mit 14,2 Kilometern vor allem in der Schweiz und beinhaltet den Bau zweier Tunnel – ist also eine Art Genfer U-Bahn. Die Kosten werden auf Schweizer Seite 1,5 Milliarden Franken und auf französischer 234 Millionen Euro betragen. In Betrieb gehen soll die Verbindung Ende 2017.

Wie die Tarife auf der Strecke harmonisiert werden können, müssen Betreiber SNCF und SBB erst noch in einer Arbeitsgruppe klären, so SBB-Mediensprecherin Donatella del Vecchio. Die gleiche Frage wollen in Kürze die BVB mit den französischen Partnern für die bis zum Bahnhof von Saint-Louis geplante 3er-Tramverlängerung angehen. Auch hier ist noch Zeit: Auch sie soll Ende 2017 eröffnet werden.

Vergessen geht bisweilen, dass es im Raum Basel bereits eine grenzübergreifende Tramlinie gibt: den 10er der Baselland Transport AG (BLT), der auf seinem Weg nach Rodersdorf auch in Leymen (F) Station macht. Auf immerhin drei Kilometern fährt das Tram über französisches Gebiet. Gleise und Anlagen gehören der BLT, die sie auch unterhält. Zurück geht dies auf einen Staatsvertrag mit dem Kaiserlichen Ministerium für das damals deutsche Elsass-Lothringen von 1910, der 1932 mit den Franzosen angepasst wurde. 40 000 Einsteiger und 46 000 Aussteiger zählt die Station Leymen jährlich. Zuschüsse erhält die BLT von den Franzosen für diese Transportleistung nicht. Zurück geht die Verbindung zwischen Flüh über Leymen nach Rodersdorf auf 1910. Die Birsigtalbahn hatte ab der Basler Heuwaage bereits ab 1887 die Fahrt bis Therwil aufgenommen und erreichte später Flüh.

Vor und kurz nach dem Ersten Weltkrieg gab es mit den Tramlinien nach Huningue, Saint-Louis und Lörrach bereits grenzüberschreitende Tramverbindungen. Sie wurden allerdings in den 50er- und 60er-Jahren eingestellt.