Ausstellung

Eine Zeitreise durch Wohnstuben im Vitra-Designmuseum

Das Vitra-Designmuseum in Weil am Rhein zeigt in einer grossen Schau Klassiker des Wohndesigns.

Im Anfang war Ikea. So muss es dem unbedarften Besucher erscheinen, wenn ihn gleich zu Beginn das Billy-Regal in der Pose des Gekreuzigten schwebend begrüsst. Es ist nur etwas von Vielem, was man von einer Schau über «visionäre Interieurs», wie sie das Vitra-Designmuseum zeigt, nicht erwartet hätte.

Tatsächlich beeinflusst das schwedische Möbelhaus unser Zuhause seit Jahrzehnten. Damit allein hat es Beachtung verdient in einer Ausstellung über Wohneinrichtungen, die in den letzten hundert Jahren unsere Vorstellungen des Wohnens prägten, indem sie pointiert Antwort auf gesellschaftspolitische Veränderungen gaben.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Positionen beschränkt sich Ikeas Einzigartigkeit allerdings auf niedrige Preisgestaltung und gekonntes Marketing. Einfache Formsprache, Raumwunder und Paketmöbel gab es lange vor Billy und seinen Verwandten.

Von Mies van der Rohe über Memphis bis Virilio

Zum Glück lässt sich die Frage nach der richtigen Einrichtung nicht bloss nach dem Massstab unserer Konsumgesellschaft abhandeln. Das zeigen die anderen Wohnbeispiele eindrücklich: Zu sehen gibt es Klassiker des Interieur-Designs wie Ludwig Mies van der Rohes Einrichtung für die mit offenem Grundriss angelegte Villa Tugendhat von 1928-1930.

Oder die schrille Komplettausstattung vom italienischen Designkollektiv Memphis, inklusive Sofalandschaft in Form eines Boxrings, die sich Karl Lagerfeld Anfang der Achtzigerjahre in Monte Carlo zulegte. Besonders interessant wird die Ausstellung dort, wo sie vom Weg der Wohnikonen abzweigt und sich weniger bekannten Einrichtungen zuwendet. Etwa der Zusammenarbeit des französischen Architekten Claude Parent mit dem Philosophen Paul Virilio: Die beiden propagierten schrägen Flächen in Architektur und Wohnraum.

Wer auf einer Schräge geht, sitzt oder liegt – so ihre Idee – entwickelt ein neues Körpergefühl und ein Bewusstsein für die prekären Bedingungen des eigenen Daseins. In diesem Sinne gestaltete Parent 1970 den französischen Pavillon auf der Biennale in Venedig und wenig später sein eigenes Wohnzimmer.

Wo man vielleicht eine Jugendstileinrichtung Henry van der Veldes erwartet hätte, blickt man auf einen barock anmutenden Salon. Elsie de Wolfe hatte die Villa Trianon in Versailles zusammen mit ihrer Lebenspartnerin quasi als Musterbeispiel eingerichtet. Als eine der ersten professionellen Einrichterinnen hatte sie in ihrer Heimat New York bereits zahlreiche bedeutende Apartments gestaltet. Allen historischen Formen zum Trotz kommen sie hell, heiter und ungezwungen daher – ein Novum in der angelsächsischen Welt um 1900.

Anstoss zum Nachdenken über unser Zuhause

Neben solchen inhaltlichen Überraschungen tanzt die Ausstellung auch in der Präsentation aus der Reihe. Wer sich nämlich gefragt hat, wie zwanzig Interieurs im vergleichsweise kleinen Vitra-Designmuseum Platz finden, dem sei gesagt, dass keine Interieurs selber gezeigt werden. Die Exponate beschränken sich auf Bilder, Pläne, Modelle und einzelne ausgesuchte Möbel. Der Einstieg in die verschiedenen Wohnwelten bleibt bloss ein vermittelter.

Damit ist die Auseinandersetzung mit den gezeigten Wohnräumen eher intellektuelle Arbeit als atmosphärisches Raumerlebnis, wie es derzeit gerade hoch im Kurs steht. Das mag den Start einer breiten Diskussion über das Verhältnis von Wohnform und Selbstverständnis, wie es sich die Ausstellungsmacher wünschen, nicht unbedingt erleichtern.

Andererseits findet man den reinszenierten Wohnkanon in chronologischer Abfolge zur Genüge in den Designmuseen dieser Welt. Hinzu kommt, dass mit dem vielversprechenden Begleitprogramm die Einladung, darüber nachzudenken, was unser Zuhause ausmacht, explizit ausgesprochen ist.


Home Stories, 100 Jahre, 20 visionäre Interieurs
Bis 23. August, Vitra Design Museum, Weil am Rhein.

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