Sommerserie

Einen Tag als Fährifrau auf dem Rhein: Geduldig ist der «Vogel Gryff»

bz-Redaktorin Pascale Hofmeier packt unter dem wachsamen Blick des Fährimaas Alex Guerrieri an.

bz-Redaktorin Pascale Hofmeier packt unter dem wachsamen Blick des Fährimaas Alex Guerrieri an.

Unsere Sommerserie dreht isch rund um typische Basler Berufe. Redaktorin Pascale Hofmeier versuchte sich als Fährifrau. Die 30-jährige Klingentalfähre verzeiht der Praktikantin zum Glück auch Anfängerfehler.

«Du musst die Ruhe in Person sein.» Das ist etwa das Erste, das mir Fährimaa Alex Guerrieri rät. Es ist meine erste Fähri-Fahrstunde und wir sind per Du, wie sich das für den Fährimaa gehört. Ich aber bin alles andere als die Ruhe in Person. Denn an diesem Nachmittag als Praktikantin auf dem «Vogel Gryff» geht für mich ein Kindheitstraum in Erfüllung.

Sein zweiter Rat: «Verlass dich auf dein Gefühl.» Dass dieses alleine nicht reicht, um die Fähre sicher über den Rhein zu bringen, zeigt schon das erste Mal Abstossen vom Grossbasler Ufer: Hätte mich Alex mich nicht gewarnt, ich hätte glatt die «Blüemlisalp» gerammt, die sich mit Kies beladen rheinaufwärts durch die Wassermassen pflügt. Es dauert etliche Minuten, bis die Gefahr den Radius des Gierseils, an dem die 30-jährige Fähre hängt, hinter sich gelassen hat.

Rotieren trotz Routine

Der Rhein führt nach den Gewittern der letzten Tage viel Wasser. Alex ermutigt mich, das Ruder härter einzuschlagen, damit der «Vogel Gryff» vor dem Steg an Tempo zulegt. Damit die Fähre nicht aufprallt, braucht es kurz vor der Ankunft volle Gegensteuer. Das Holz liegt warm und abgegriffen in meiner Hand, die Wellen reissen am Ruder. Ich drücke mit der Hüfte mein ganzes Gewicht gegen das Ruder. Das Manöver will mir aber nicht so richtig gelingen: Entweder trifft die arme alte Dame zu hart auf, oder es bleibt eine gefährliche Lücke. Doch die «Vogel Gryff» und der Fährimaa verzeihen mir die Patzer. «Die Fähre hat schon viel erlebt», sagt Alex, ohne mit der Wimper zu zucken.

Auf der Grossbaslerseite ist das Anlegen einfacher, weil sich der mit Seilen befestigte Steg der Fähre anpasst. Am Kleinbaslerufer ist er fixiert: «Wir mussten das machen, weil sich immer wieder Schwimmer an die Seile geklammert und sich dabei die Hände verschnitten haben.» Und auch wegen des neu gestalteten Rheinufers.

Es ist ein Nachmittag, der nicht weiss, ob er sonnig oder bewölkt sein will. Mässig viele Gäste lassen sich vom unteren Rheinweg über den Rhein zur Kaserne fahren. Doch selbst unter diesen Bedingungen komme ich komme schon ins Rotieren – trotz des dritten Rates von Alex: «Du musst einen geregelten Ablauf haben, das senkt die Gefahrenquote.»

Mit seiner Hilfe nehme ich Kurs Richtung Unteren Rheinweg, lege an und helfe den Gästen beim Aussteigen. Und schon mache ich den nächsten Fehler: «Du darfst nie ein Bein an Land und eines auf dem Boot haben. Wenn die Fähre wegdriftet, dann machst du irgendwann den Spagat und fällst ins Wasser.»

Gleichgewicht wird gefordert

Die Wellen der Frachtschiffe bringen die Fähre ins Schaukeln. Ständig verändert sich die Höhe der Stufe zwischen Steg und Fähre. Alex stellt sich schützend vor die Gäste auf den Bug der Fähre, damit niemand ins Wasser fallen kann. Immer wieder reicht er ihnen die Hand, begleitet ältere Menschen zu den Sitzbänken.

Ich versuche seinen Rat zu beherzigen, einer Routine zu folgen: Nach einem Kontrollblick stosse ich die Fähre ab. Dieses Mal nähert sich kein Schiff – dafür zwei Schwimmer. Der nächste Schritt: Anpacken und den Schwengel, an dessen Seil die Fähre hängt, umlegen. Das bringt mir die nächste Rüge ein: «Du musst in die Knie gehen, sonst kriegst du Beschwerden.» Danach eile ich ins Häuschen um das Ruder zu fixieren, dann wieder nach draussen um einzukassieren: 1.60 Franken für Erwachsene, die Hälfte für Kinder, Kinderwagen, Velos und Vierbeiner. Während Alex nach fünf Jahren auf der Fähre des Pächters Urs Zimmerli die Tarifkombinationen auswendig kann, muss ich merken, dass es schon eine Weile her ist seit meinen letzten Kopfrechnungen. Komplett ist die Verwirrung, als mir eine Frau Gutscheine in die Hand drückt.

Talent hält sich in Grenzen

Ungefähr nach anderthalb Stunden weicht die Nervosität, meine Unsicherheit aber bleibt. «Wenn ich auf dem Wasser bin, werde ich immer ruhig», erzählt Alex, mit 27 Jahren einer der jüngeren Vollzeit-Fährmänner in Basel. Als Fährimaa bewirbt man sich nicht, man wird angefragt. Vorausgesetzt wird Erfahrung auf dem Wasser, zum Beispiel mit dem Weidling, die theoretische Schifffahrtsprüfung und eine praktische Prüfung auf der Fähre.

Dass die altgediente Klingentalfähre – auf der er seine Arbeit als Fährimaa begonnen hat – , im Sommer durch eine neue ersetzt wird, erhitzt seine Emotionen nicht. «Es bringt nichts, der Vergangenheit nachzutrauern. Ich schaue in die Zukunft.»

In das gleichmässige Rauschen des Rheins mischen sich ein hoher Pfeifton und das stapfende Motorengeräusch der Merian und des Lällekönigs. Dieser Moment bringt sogar Alex ins Schwitzen: Vier Schiffe bewegen sich zwischen Wettstein- und Johanniterbrücke. Der Fährimaa springt auf, reisst das Ruder herum, greift zum Funkgerät, um den Lällekönig zu warnen, dass er übersetzen wird. Die Aufregung dauert gefühlte fünf Sekunden. Danach gibts zehn Minuten Pause – bis die Schiffe aus dem Weg sind. Ich bin ganz froh darüber. Denn zwischen und auf den Fahrten bleibt mir kaum Zeit, innezuhalten. «Mit der Zeit wird man effizienter», sagt Alex. Und trotz aller guten Ratschläge gibt er mir unmissverständlich zu verstehen, dass sich mein Fährifrau-Talent in Grenzen hält: «Du denkst zu viel.»

Dies ist der zweite Teil einer Sommerserie, die einmal wöchentlich erscheint. Bereits erschienen ist eine Reportage über die Basler Kehrichtlader (4.7.).

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