Gastronomie

Einer der letzten seiner Art: Pinguin-Beizer Mario Nanni sagt Adieu

«Wenn Jesus allen Sündern vergibt, dann auch jenen, die keine Kirchensteuer zahlen», sagt Mario Nanni.

Mit Mario Nanni verschwindet ein Typ Wirt, den es kaum mehr gibt in dieser Stadt.

Fast wäre alles zu Ende gewesen, bevor es begonnen hat.

Es ist ein Freitag im Dezember 1980, der zweite Monat von Nanni als Wirt im «Pinguin». Er hat viel riskiert, um seinen Traum einer eigenen Beiz wahr werden zu lassen, auch finanziell. Er putzt die Kaffeemaschine. Plötzlich erhält das ausgeschaltete Gerät einen Impuls und der Kolben beginnt sich zu drehen. Nannis Hand ist eingeklemmt, als das kochende Wasser über seinen Finger läuft.

Ins Spital will er zuerst nicht, lässt sich dann aber von seinen Gästen dazu überreden. Blasen überziehen die Haut. Nanni reisst die Fetzen weg. Später wird der Mittelfinger der rechten Hand dunkel und dünn wie ein Schraubenzieher. Der vordere Teil stirbt ab. Weil Nanni sich dadurch eine Vergiftung einfängt, fällt er ins Koma und droht seinen ganzen Arm zu verlieren.

Seine Zukunft als Wirt hängt an einem seidenen Faden, nur mit viel Glück wendet sich alles zum Guten. Im Januar wird der Finger amputiert, zur Fasnacht steht Nanni wieder hinter dem Tresen.

Der Vater stirbt in seinen Armen

Mario Nanni, inzwischen 69, beugt sich über ein Kreuzworträtsel. Ein grobschlächtiger Mensch mit breitem Gesicht, in dessen Mitte eine grosse Nase sitzt und ein etwas schiefer Mund unablässig spricht. «Ich muss ja irgendwie die Zeit totschlagen», sagt er, als er uns zum Gespräch empfängt und schiebt entschuldigend das Kreuzi zur Seite.

Schon setzt er ein erstes Mal an über sich und die Welt, es braust aus diesem Mann heraus, zu allem hat er eine Meinung und unterbrechen lässt er sich nur von seinem eigenen Lachen, das klingt wie Schleifpapier auf Holz.

Nanni hat viel zu erzählen. 39 Jahre wirtete er im «Pinguin», jetzt sind die letzten Tage angebrochen. Nanni gibt jenen Job auf, der ihm alles war und verlässt eine Welt, für die er gegen alles gekämpft hatte.

Es ist Donnerstag zur späten Mittagszeit. Viel zu heiss für den «Pinguin»: Während der gesamten drei Stunden unserer Anwesenheit wird kein Gast auftauchen. Dafür bleibt viel Raum für Nanni und seine Geschichte.

Aufgewachsen ist Mario Nanni in bescheidenen Verhältnissen. Der Vater ist Kaufmann und selten zu Hause. Dennoch erlebt Nanni eine unbeschwerte Kindheit, die um seinen 18. Geburtstag jäh endet: Der Vater nimmt ihn mit zum Fischen und erleidet dabei einen Herzschlag. «Ich war die ganze Zeit bei ihm, leistete Hilfe und musste doch mit ansehen, wie er verreckt», erzählt Nanni und es wird deutlich, wie traumatisch dieses Erlebnis sein musste. In der Folge hadert Nanni mit Gott, fühlt sich betrogen und nimmt sich zu Herzen: Alles kann sofort enden, «deshalb sind Pläne für die Füchse».

Wenn Nanni heute über solch persönliche Dinge spricht, sind markige Sprüche nicht weit: Noch immer führe er eine Beziehung zu Gott, «aber mit dem Bodenpersonal möchte ich nichts zu tun haben». Deshalb sei er aus der Kirche ausgetreten. «Wenn Jesus allen Sündern vergibt, dann auch jenen, die keine Kirchensteuer zahlen.»

Nanni schliesst die Ausbildung zum Koch ab und nach zwei kurzen Gastspielen in der Fremde startet er eine mehrjährige Odyssee durch die Basler Beizenlandschaft. Die Kneipen hiessen «Küchlin», «Hochuus», «Warteck», «Greifen», er brachte Schwung ins «Venezia» und wirtete im «Roten Schneck», stand bald im «Drachencenter» und dann wieder in der «Kunsthalle», eröffnete das «Singerhaus» und fand schliesslich seine Ruhe im «Pinguin».

«Das Restaurant ist die Stube eines Wirts», sagt Nanni. Bei ihm ist das sicher so. Er wohnt gleich darüber. Die Beiz versammelt alles, was Nanni ausmacht. Basler Memorabilia von Vogel Gryff bis Fasnacht, Fotos und Schilder mit rauen Sprüchen wie «In dieser Firma beleidigt Sie der Chef noch persönlich» und «Nüchtern betrachtet war es besoffen besser».

Nur eines mag Nanni nicht so gerne, und um das geht es hauptsächlich in diesem Lokal: Bier. Bis heute trinkt er keine bitteren Sorten. Sein Lieblingsbier ist das Faro aus Brüssel, dem Brauer zur Flaschengärung Kandiszucker beigeben. Die Bieridee ist ursprünglich eine wirtschaftliche: «Als ich hier übernahm, wusste ich, ich muss etwas Spezielles bieten.» Bier ist in den 80ern noch das Getränk der Primitiven, «mit Bier verband man Furzen und derbe Sprüche».

Nanni macht das Biertrinken in seinem Lokal salonfähig, erhebt das Gebräu zum Kulturgut. Er sammelt Gläser und Flaschen aus der ganzen Welt. Er legt Wert darauf, dass der Gast sein Bier im dazu passenden Gefäss trinken kann. Offenausschank gibt es nicht.

In Ländern mit traditioneller Braukultur spricht sich die kurlige Basler Beiz bald herum. Leute aus Deutschland, England und sogar den USA besuchen die versteckte Ecke in der Schützenmattstrasse. Der «Pinguin» entwickelt sich immer mehr zum Kuriosum, auf das sich die Medien von nah und fern gerne stürzten. «Rückblickend muss ich sagen: Ich war international bekannter als in der Schweiz und national bekannter als in meiner Stadt.»

Nanni steht auf und geht drei Schritte zur voll behängten Wand neben dem Tresen. Er nimmt ein Schild herunter, setzt die Lesebrille auf und legt die Stirn in Falten. «Hier, sehen Sie!» Es ist die Bestätigung vom Guinness-Buch der Rekorde: Mario Nanni führt das Restaurant mit der grössten Senf-Auswahl der Welt.

Nanni sammelt, was ihm in die Finger kommt. So ist er zum selbst ernannten Gastrohistoriker des Basler Wirteverbands geworden. Einen Einblick in sein riesiges Archiv gibt er mit seinem Buch zur Geschichte der Basler Gastronomie. Nanni dokumentiert darin den Werdegang längst geschlossener Kneipen. Dahinter steckt mehr als Geschichtsversessenheit. Es ist eine Hommage an seine Heimat.

«Die Beiz, das war früher Treffpunkt von allen, wo man Neues erfuhr und sich austauschte.» Nanni kann nichts anfangen mit Szenelokalen, «mit Foodtrucks und Buvetten», diesen Gastroketten mit Konzepten. «Ein Resti ohne seine Stammgäste ist seelenlos.»

Für das Recht auf die Knille bis vors Bundesgericht

Für das Recht auf verrauchte Beizen streitet Nanni bis vors Bundesgericht. Er gründet 2010 den Verein Fümoar und steht ihm als Präsident vor. Nanni meint, den Behörden damit ein Schnippchen zu schlagen, die das Rauchverbot durchsetzen wollen. Fast 200'000 Mitglieder zahlen zum Höhepunkt jährlich zehn Franken, um weiterzuqualmen.

Mehrere Regierungsräte haben den Pass im Portemonnaie, mit dem man sich gegen den Volksentscheid auflehnt. Das Geld fliesst zu einem Teil in den letztlich sinnlosen Kampf, manches spendet der Vorstand gemeinnützigen Institutionen.

Hat er sich selber auch einen Lohn ausbezahlt? «Nicht viel». Vielleicht waren es jährlich etwa zehntausend Franken, reich geworden ist Nanni nicht mit seinem Engagement, in der Beiz nicht und auch in der Politik nicht.

Mario Nanni hat zu packen begonnen. In der Gartenlaube des «Pinguins» ist die Wand schon leer. Sie war einmal weiss, das zeigen die Umrisse abgehängter Bilder deutlich, drumherum ist alles gelb von Sonnenstrahlen und Zigarettenrauch. Nanni verspürt keinen Wehmut, wenns jetzt zu Ende geht, «mehr Erleichterung». Dass es so lange hält, war nie gedacht und schon gar nicht geplant, denn Pläne sind für die Füchse.

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