Unter Fluglärm litt Basel in den späten 1910er oder frühen 1920er Jahren noch nicht. Als der Schweizer Flug- und Flugbildpionier Walter Mittelholzer (1894–1937) über die Stadt flog und seine Fotos schoss, muss das laute Geknatter seiner Propellermaschine also vielen Baslerinnen und Baslern aufgefallen sein. Menschen sieht man auf seinen Bildern aber keine, Mittelholzer flog 200 oder 300 Meter über der Erde, zu hoch für solche Details.

Hochkamine, wohin man auch blickt

Doch seine Bilder Basels, die sich im Bildarchiv der ETH-Bibliothek in Zürich befinden, zeichnen ein detailreiches fotografisches Gemälde einer Stadt, die viel stärker von der Industrie geprägt war als heute. Hochkamine, wohin man blickte. Gestank, wohin man auch die Nase richtete. Besonders streng war dieser im Klybeck-Quartier, das dominiert war von der Ciba.

Genau datieren lässt sich Mittelholzers Aufnahme zwar nicht. Immerhin können wir ganz im Hintergrund rechts den neuen Badischen Bahnhof von Architekt Karl Moser (Paulus- und Antoniuskirche) erkennen, der 1913 gebaut wurde. Und an der Mauerstrasse, die am damaligen Horburg-Friedhof vorbeiführt, ist nichts von den 1924 erbauten Backsteingebäude für die Chemie zu sehen. Vermutlich flog Mittelholzer also ziemlich genau vor 100 Jahren über Basel.

100 Jahre sind keine Ewigkeit. Aber für das Klybeck haben sie enorme Veränderungen mit sich gebracht. Zwar lassen sich noch einige wichtige Orte oder Gebäude bestimmen, die heute in gleicher oder ähnlicher Form existieren. Zum Beispiel der Wiesenplatz oder die Aktienmühle. Auch einige Wohnhäuser an der Färber- oder der Klybeckstrasse haben die Zeit überdauert. Ansonsten ist alles anders geworden. Im Vordergrund würden wir heute die für die Hafenbahn aufgeschüttete Klybeck-Insel sehen. Hochkamine gibt es seit dem Abriss des letzten grossen Vertreters seiner Art an der Kreuzung Klybeck- und Mauerstrasse Anfang der 2000er-Jahre keine mehr. Die alten, oft ein- oder zweistöckigen Labor- und Produktionsgebäude mussten ab den dreissiger Jahren viel grösseren Gebäuden weichen. Eine raumplanerische Ordnung oder eine Trennung von Wohnbauten und Industrie ist nicht wirklich erkennbar. Und der Horburg-Friedhof wurde nach der Eröffnung des Zentralfriedhofs Hörnli (1931/32) zu einem Park umfunktioniert.

Vor einigen Wochen publizierte der bemerkenswerte Blog www.architekturbasel.ch diese Fotografie von Walter Mittelholzer. Der Grund dafür lag unmittelbar auf der Hand: Novartis und BASF haben ihre Grundstücke im Klybeck-Quartier für insgesamt über eine Milliarde Franken an Investoren verkauft. Wohnen und Gewerbe sowie öffentliche Nutzungen sollen diesen Teil Basels künftig dominieren. Das ist das Ende einer grossindustriellen Nutzung. Vor 100 Jahren, als Walter Mittelholzer hoch über dem Rhein den Auslöser betätigte, steckte die chemische Industrie noch in ihren späten Anfängen, die Blüte stand erst bevor. Würde man heute ein identisches Bild des Klybeck machen, könnten sich unsere Nachfahren in 100 Jahren ebenso über die grossen Veränderungen wundern.