Rund 1600 Basler Lehrlinge aus dem Detailhandel, dem Gewerbe, der Industrie und dem Dienstleistungsbereich haben in der vergangenen Woche ihren Lehrabschluss gefeiert. Als sie ihre Stelle angetreten haben, sind sie von ihren Lehrbetrieben mit offenen Armen empfangen worden: Lehrlinge sind heute Mangelware. «Verkehrte Welt!», das müssen sich Leute denken, die noch vor wenigen Jahrzehnten verzweifelt um die wenigen freien Lehrstellen ringen mussten.

Dieses Jahr konnten in der Schweiz 23 500 Lehrstellen nicht besetzt werden. Auch in der Region Basel ist dieses Problem ernst zu nehmen. Neu ist es allerdings nicht. Das bestätigt Urs Berger, stellvertretender Direktor der Wirtschaftskammer Baselland: «Wir stellen seit ungefähr fünf Jahren fest, dass sich der Trend gedreht hat.»

Baugewerbe besonders betroffen

Der Wandel ist nicht lediglich auf schwindendes Interesse der Schulabgänger zurückzuführen. Meist seien es gar nicht die Jugendlichen selbst, die sich gegen eine Lehre entscheiden, meint Frank Linhart vom Arbeitgeberverband Basel-Stadt: «Das Hauptproblem liegt oft bei den Eltern». Gerade Eltern zugewanderter oder Akademikerfamilien, für die der gymnasiale Ausbildungsweg einen hohen Stellenwert hat, würden die Karriereoptionen nach einem Lehrabschluss unterschätzen. Dieses Imageproblem macht bei der Nachwuchssuche besonders dem Baugewerbe, aber auch den Verkaufs- und Dienstleistungssektoren Mühe: Hier konnten dieses Jahr fast die Hälfte der angebotenen Lehrstellen nicht mehr besetzt werden.

Gerade diese Berufe versuchen vermehrt, in die Offensive zu gehen, beispielsweise an der jährlichen Berufsschau in Liestal, die mittlerweile alle Baselbieter Sekundarschüler im Klassenverband besuchen. Damit wird angesetzt, wo auch im Kanton Basel-Stadt die Wurzel des Problems ausgemacht wird: Seitens der Regierung ist man mit der Anzahl der Lehrlinge nämlich zufrieden. Problematisch tief sei allerdings die Zahl der Schüler, die direkt nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit in eine Lehre übertreten: Mit 18 Jahren sei das Durchschnittsalter für einen Lehreintritt deutlich zu hoch. René Diesch, stellvertretender Leiter der Mittelschulen und Berufsbildung Basel-Stadt, erlebt das oft im Gespräch mit Jugendlichen: «Viele wählen erst den Weg über eine Mittelschule, und merken dann erst, dass ihnen eine Lehre besser liegen würde».

Früher und breiter informieren

Deshalb sei es wichtig, die Schüler möglichst früh zu erreichen: «Im alten System wurden die Schüler, die bereits im gymnasialen System eingespurt waren, mit der Option einer Lehre gar nicht erst konfrontiert». In Zukunft stehen alle Sekundarschul-Niveaus gleichzeitig vor dem Übertritt in eine neue Ausbildungssituation und sollen auch gemeinsam über ihre Zukunftsoptionen informiert werden. Obwohl die gymnasiale Matur mit 567 Abschlüssen im letzten Jahr Fach- und Berufsmaturabschlüsse prozentual noch immer in den Schatten stellt, sollen Gymnasium und Lehre nicht als Konkurrenten gegeneinander ausgespielt werden: «Für manche ist der gymnasiale Weg nach wie vor absolut der richtige. Je nach Begabung und Ziele der Jugendlichen gibt es aber passendere Wege», stellt Linhart fest.

Frühe Aufklärungsarbeit in den Schulen, aber auch aktive Selbstvermarktung der Lehrstellenanbieter sollen in Zukunft Talent und Interesse der Schüler, statt Imagefragen in den Fokus des Ausbildungsentscheids rücken.