Studie

Einer Untersuchung zufolge ticken die beiden Basel immer ähnlicher

Inwiefern unterscheiden sich die beiden Kantone?

Inwiefern unterscheiden sich die beiden Kantone?

Wenn sich die beiden Basel bei einer Partneragentur beworben hätten, wären sie für einander geschaffen. Die beiden Kantone unterscheiden sich nämlich fast kaum mehr voneinander.

Seit Jahren wirbt das Basler Stadtmarketing mit dem Spruch: «Basel tickt anders.» Aber nicht als Baselland: Das zeigt jedenfalls Daniel Bochsler, Assistenzprofessor für Politikwissenschaft am Zentrum für Demokratie in Aarau, im Rahmen einer Untersuchung zum Schweizer Föderalismus. Bochsler hat alle nationalen Volksabstimmungen von 1874 bis 2014 ausgewertet und untersucht, wie stark sich die beiden Basel politisch unterscheiden.

Sein Befunde: «Gerade um die Jahrhundertwende, also um 1900, gingen die Meinungen zwischen Basel-Stadt und Baselland teils noch deutlich auseinander. Heute politisieren die Baslerinnen und Basler aus beiden Kantonen aber meistens ziemlich ähnlich.» Das sei sowohl bei Fragen so, die klar Bundeskompetenzen betreffen, als auch bei Themen, für welche die Kantone zuständig sind wie Bildungsfragen oder bei Fragen zum Föderalismus der Fall.

Doch lässt sich von den Resultaten bei eidgenössischen Abstimmungen überhaupt auf politische Unterschiede schliessen? «Als Statistiker muss ich mich an Daten halten, die aus allen Kantonen verfügbar sind und die sich gut analysieren lassen», erklärt Bochsler. Die nationalen Volksabstimmungen seien das einzige Material, das sich über einen längeren Zeitraum auswerten lasse.

Konfliktlinien der Schweiz

Anhand der Stimmresultate lassen sich die grossen Konfliktlinien in der Schweiz nachzeichnen. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren die Unterschiede vor allem kultureller Art. Bochsler: «Zwischen katholischen und reformierten Regionen klafften damals Welten.» Der Kulturkampf in der Schweiz sei lange sehr heftig gewesen. Mittlerweile sei dieser Unterschied fast völlig verschwunden.

«Übrig geblieben ist der Röstigraben, also die Unterschiede zwischen den Sprachregionen», erklärt der Demokratiespezialist. Dieser Unterschied habe schon vor hundert Jahren bestanden, sei damals aber verglichen mit dem Kulturkampf zwischen den Religionen nebensächlich gewesen. «Während andere Konflikte zwischen den Kantonen an Bedeutung verloren haben, hat der Röstigraben überlebt, deshalb wird seine Bedeutung heute überhöht», meint Bochsler.

Und die beiden Basel? Wie haben sich die entwickelt? «Um die Jahrhundertwende sind zwischen dem Stadtkanton und dem Landkanton starke Differenzen feststellbar», meint Bochsler. «Damals kamen viele Vorlagen zur Abstimmung, welche die beiden Halbkantone auseinanderdividierten.» Die Unterschiede seien aber sehr rasch zurückgegangen. «Heute sind die beiden Halbkantone im Vergleich zu den Unterschieden zwischen anderen Kantonen sehr sehr nahe beieinander.»

Allerdings macht das aus den beiden Basel noch nicht das perfekte Liebespaar: Laut Bochsler haben die Kantone in der Schweiz allgemein an Bedeutung verloren, was die Abbildung der politischen Unterschiede angeht. «Liefen in eidgenössischen Volksabstimmungen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die Gräben zwischen dem Ja- und dem Nein-Lager noch den Kantonsgrenzen entlang, so sind diese Unterschiede seither dahingeschmolzen», erklärt Bochsler. Heute sei es zunehmend wichtiger ob jemand links oder rechts, liberal oder konservativ eingestellt sei oder in welcher Lebenssituation er sich befinde. Für das Abstimmungsverhalten ist es zum Beispiel entscheidender, ob jemand Mieter oder Hausbesitzer ist als ob er in Nidwalden oder in Genf. «Wo jemand wohnt, spielt heute viel weniger eine Rolle als noch um 1900», betont Bochsler.

Aber sind in den beiden Halbkantonen nicht gerade unterschiedliche Lebensformen abgebildet mit der ländlichen Lebensweise im Landkanton und der städtischen im Stadtkanton? «Wenn man mit der Lupe schaut, gibt es solche Unterschiede bestimmt», gibt Bochsler zu. «Die Frage ist, ob man aus den kleinen Differenzen Unterschiede konstruieren soll.» In sehr vielen Fragen, von der Europafrage bis zur Migration, tickten die beiden Halbkantone aber sehr ähnlich. «Das Gegenbeispiel wären die Kantone Genf und Appenzell-Innerrhoden: Diese Kantone stimmen praktisch reziprok ab.»

Keine regionalen Trennlinien

Von solchen Extrembeispielen abgesehen verlaufen die eigentlichen Trennlinien in der Schweiz nicht mehr regional. Laut Politologe Bochsler trennen heute zwei grosse Fragen die Schweiz: «Die eine ist die klassische Links-Rechts-Frage aus wirtschaftlicher Sicht, also die Frage, ob es mehr oder weniger Staat braucht.» Diese Frage beschäftige die Schweiz schon sehr lange. Die zweite Frage drehe sich um die Art und Weise, wie man mit den grossen Herausforderungen der Zeit umgehe: «Sind wir eher weltoffen oder sind wir skeptisch gegenüber Globalisierung, Offenheit und Immigration.»

Ursprünglich habe bei solchen Fragen die Religionszugehörigkeit eine grosse Rolle gespielt, deshalb sei die Schweiz in ein katholisches und in ein protestantisches Lager aufgeteilt gewesen. «Das spielt heute fast keine Rolle mehr.» Seit den 1968er Jahren sei die Schweiz entlang anderer Linien in ein progressives und ein konservatives Lager aufgeteilt. «Die SVP holt Menschen in der ganzen Schweiz bei ihren Ängsten vor Globalisierung und Fortschritt ab. Diese Trennlinie geht durch die ganze Schweiz.» Nicht einmal einen Stadt-Land-Graben konnte Bochsler in seiner Analyse feststellen. Gibt Bochsler den beiden Basel aus wissenschaftlicher Sicht als grünes Licht zur Heirat? Zumindest lässt sich feststellen, dass die «Kantone nicht mehr im gleichen Sinn wie früher eine politische Heimat für ihre Bürgerinnen und Bürger» sind.

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