Hübsch räkeln sich Model-Mädchen im Werbespot des britischen Modelabels «Pretty Little Thing». Den Soundtrack dazu spielen die vier Basler Rock-Newcomerinnen von Mother Razorblade. «Gonna go Wild» röhrt Sängerin Sabrina Tschachtli, im Bild sieht man sie und ihre drei Mitstreiterinnen jedoch nicht.

Da gaukelt der bald auf MTV UK und Australien rotierende Clip nix vor: Die vier spielen nämlich nicht mehr zusammen, Tschachtli ist weg. Featherlike spielen beim JKF auf der Rockbühne beim Theaterplatz anstelle der jungen Frauen, die im Frühjahr ihre erste 4-Song EP veröffentlichten, und die, wie viele der wenigen All-Girl-Bands, in Siebenmeilenstiefeln unterwegs zum Rockolymp schienen.

Pop-Preis-Gewinner lösen sich auf

Keine Absage, dafür ein Abschiedskonzert beim JKF verkündeten Slag In Cullet. Im November freute sich Bassistin Rafaela Dieu bei der Übergabe des mit 15'000 Franken dotierten Basler Pop-Preises noch: «Damit ist die Finanzierung des neuen Albums gesichert.» Leider wird es gemäss Communiqué auf der Band-Webseite «vorerst nicht veröffentlicht».

Die genauen Hintergründe für ihre Querelen geben beide Bands nicht bekannt. Das bot Medien und Szene Platz für Interpretationen. Und immer wieder kommt das Klischee: Typisch Schweizer Band - kaum hat sie Erfolg, bricht sie auseinander. Mangels nationaler wie internationaler Statistiken ist das Argument so stichhaltig wie: Schweizer Bands können nicht rocken - also Blödsinn.

Gesichert ist jedoch, dass in der Schweiz rund 50 Prozent der Ehen geschieden werden. Der Bund fürs Leben ist bei Bands, gerade erfolgreichen oder solchen auf dem Weg dazu, nicht so weit hergeholt. Was man miteinander an Zeit verbringt und emotional durchmacht, ist am ehesten damit zu vergleichen. «Die Trennung von Sabrina war schlimmer als alle meine Beziehungsdramen», resümiert denn auch Mother Razorblade Drummerin Sue Pedrazzi.

Der Besetzungswechsel kommt bei ihnen sowieso nur kurzsichtig zur falschen Zeit. Passt es schon nach knapp zwei Jahren nicht, wechselt man besser vor dem ersten Album. Dank der Berichterstattung um Clip und Drama haben sich zudem unzählige Sängerinnen von 15 bis 50 Jahren gemeldet.

Statt sich aufs JKF vorzubereiten, halten die drei Frauen im Proberaum ihre private Casting-Show ab. Den Abschiedsgig von Slag in Cullet wollen sie jedoch gucken gehen, «und ausserdem spielen dann noch andere geile Bands!»

Nebst den von Pedrazzi gepriesenen Qualitäten, sind die Theaterplatz-Headliner ein Beispiel für das dank Künstler Christoph Schlingensief auch in Kulturkreisen etablierte Wirtschaftscredo: «Scheitern als Chance». Bitch Queens wie Navel sind mittlerweile international tourende Bands, die trotz Wechseln und Problemen nicht an Qualität einbüssten, sondern Profil gewannen. Ihre Wege zum Erfolg waren jedoch sehr unterschiedlich.

Selbsthilfe statt jammern

Dem Glitter-Boy Image zum Trotz sind die Bitch Queens auch neben der Bühne eine der am heftigsten schwitzenden Basler Bands. Weil sie keine Plattenfirma fanden, reaktivierten sie mit Michael Hediger vor zwei Jahren sein Label Lux Noise.

Statt über den Tourbus-Mangel am Rheinknie zu klagen, kaufte Bassist Marcel Colomb einen, den er nun auch an andere vermietet. Colomb stiess erst 2009 zur Band. «Das nennen wir auf der Homepage auch als Gründungsdatum, obwohl ich mit Drummer Harry Darling schon im Jahr 2000 spielte, seit 2005 als Bitch Queens», erklärt Gitarrist Melchior Quitt, der mit Colombs Einstieg auch Leadsänger wurde.

Der Wechsel an der zweiten Gitarre ging Anfang Jahr genauso unbemerkt über die Bühne, obwohl die Band mehr Konzerte spielt, als Slag In Cullet und Mother Razorbalde zusammen. Im Herbst stehen rund 30 Shows in Frankreich, Spanien, Deutschland, Tschechien und der Schweiz an. Quitt: «Bei internen Wechsel ist es angenehm, unter dem Radar der Medien zu fliegen. Steht die nächste Platte an, sind wir aber froh um jeden Bericht!»

Durchhalten trotz vieler Wechsel

Segen und Leid der Aufmerksamkeit kennt Navel Frontmann Jari Altermatt wie kein Zweiter in Basel. Kein Schweizer Rockalbum der letzten zehn Jahre wurde so erwartet, wie das Debüt der einstigen Laufentaler Newcomer. Die neuen Nirvana wurden erhofft. Nur löste sich, noch vor den Aufnahmen, einer nach dem anderen vom Trio. «Aufhören stand bei mir nie zur Diskussion», so Altermatt, selbst als auch noch das Label zusammenbrach.

Drei Alben mit drei unterschiedlichen Formationen hat er seither herausgebracht. Mittlerweile spielt die Band zu viert. Auch stilistisch wandelt er vom Grunge, zum Blues-Noir bis zu Psychedelic-Country. Altermatt: «Immer mit neuen Musikern zu spielen, heisst auch immer neue Inputs. Das sehe ich durchaus auch positiv.» Obwohl er die Songs schreibt, aufnimmt, abmischt und mastert, weist er die Rolle als Band-Diktator von sich: «Als ich keine Band mehr hatte, schrieb ich halt Songs. Ich hoffe stark, die jetzige Formation bleibt. Aber bei Navel steckt keiner im Gefängnis.»

Aus seinen Erfahrungen mit Musikern und dem Business hat er gelernt, Katastrophen entspannter anzugehen. Doch weiss er, dass er sich weder auf dem Gewinn des ersten Basler Pop-Preises, noch Lob und Erfolg der letzten Alben ausruhen kann: «Als Musiker bist du wie ein streunender Hund auf Futtersuche. Jetzt habe ich grad eine Hütte gefunden. Doch ich weiss nie, wie lange ich ausgehalten werde.»

Unbeständigkeit ist die einzige Konstante im Musikgeschäft. Das wissen die Bands besser als Aussenstehende. Statt Hohn zeigen die Musiker denn auch Verständnis für Probleme anderer Bands und bedauern den Abschied von Slag In Cullet. Auch das Publikum sollte sie am JKF nochmals feiern, zusammen mit den 70 anderen Bands, die spielen. Die Szene ist höchst vital, falsch läuft hier nichts. Selbst Slag In Cullet werden danach in anderen Konstellationen weiter musizieren, wie Schlagzeuger David Burger versicherte. The Show will go on.