Üppiger Busen und breites Becken sind im Zeitalter von Kim Kardashian und Co. wieder ein grosses Thema. Und dazwischen? Ein Hauch von Nichts – eine Taille, so schmal, dass sie die Rundungen der Frau noch zusätzlich betont. Dieser Figurentrend ist in der Gesellschaftsgeschichte jedoch kein Novum. Um den gewünschten Effekt zu erzielen, griff man schon zur Ära Ludwigs XIV. vor allem zu einem Mittel: dem Korsett.

Dieser Inbegriff weiblicher Unterdrückung hat sich heute in sein Gegenteil verkehrt. Er ist zum Symbol der selbstbewussten Frau geworden. In der Sonderausstellung «Korsetts» macht das Spielzeug Welten Museum Basel diesen Wandel deutlich. «Das Kleidungsstück an sich kennt jeder. Die meisten Leute wissen jedoch nur wenig über seinen geschichtlichen Hintergrund», sagt Museumsdirektorin Laura Sinanovitch.

Qualen im Zeichen der Schönheit

Im historischen Teil der Ausstellung zeigt das Museum rund 60 Korsagen aus der Zeit von 1775 bis 1925. Die massgeschneiderten und aufwendig verzierten Stücke aus bunten Stoffen sind zwar schön anzusehen – für ihre Trägerinnen waren sie jedoch eine Qual. «Bereits im Alter von zwölf Jahren wurden junge Mädchen eingeschnürt», sagt Sinanovitch.

Über Jahre hinweg zwängte sich die heranwachsende Frau in immer engere Korsetts. So durfte um 1865 etwa die Taillenweite einer Frau nicht breiter sein als 53 Zentimeter. Zum Vergleich: Die heutige Konfektionsgrösse 38 entspricht ungefähr einer Taillenweite von 88 Zentimetern. «Die vornehme, in Ohnmacht fallende Dame, wie wir sie aus Hollywoodfilmen kennen, verlor nicht vor lauter Schreck ihr Bewusstsein, sondern weil sie schlichtweg keine Luft bekam», so Sinanovitch.

Historische Schnürleiber waren bretthart und nicht dehnbar. Die eingearbeiteten Metallstäbe liessen keine Bewegung zu. Für ihre Trägerinnen, die vorwiegend aus guter Familie stammten, war körperliche Betätigung ohnehin nicht vorgesehen. Sie waren reine Repräsentationsobjekte, über die erst der Vater oder Bruder und später der Ehemann verfügte. Ihre Lebensgrundlage: die Ehe. Die Voraussetzung dafür: das Streben nach dem gesellschaftlichen Schönheitsideal.

Das kontinuierliche Verengen des Brustkorbs hatte oft schwerwiegende Folgen. Ärzte warnten vor einer Deformation der inneren Organe und Muskulaturverlust. Die Warnungen stiessen jedoch meist auf taube Ohren. Nicht selten starben junge Frauen an den Folgen der Einschnürung. Und da sogar während der Schwangerschaft eine Korsett-Pflicht herrschte, kamen Babys vermehrt kleiner zur Welt. Eine Wahl hatten die Frauen von damals nicht. «Das Korsett widerspiegelt den gesellschaftlichen Konsens der Zeit», sagt Sinanovitch. «Die Frau war ein eingeengtes Anhängsel des Mannes.»

Zelebrieren statt deformieren

Heute ist das Tragen eines Korsetts längst keine Qual mehr. Die selbstbewusste Frau, die sich in ihrem Körper wohlfühlt, hat die Möglichkeit, diesen in einer Korsage zur Schau zu stellen. «Dieser Aspekt wird in der Ausstellung durch Arbeiten der Schweizer Korsett-Designerin Beata Sievi aufgegriffen, die schon Korsagen für den Film ‹Die Herbstzeitlosen› schneiderte», sagt Sinanovitch.

Mit unnatürlicher Verformung des Körpers haben die modernen Schnürleiber nichts zu tun – sie werden den Auftraggeberinnen auf den Leib geschneidert, um diesen optimal zu betonen. Materialien und Passform sollen bequem sein. Den letzten Teil der Ausstellung bilden Korsetts aus Naturmaterialien der Region, die Sinanovitch von der Arlesheimer Künstlerin Patricia Krummacher anfertigen liess. Sie sollen vor allem eines versinnbildlichen: Schönheit und Jugend, für die das Korsett symbolisch steht, sind vergänglich.

 

Vernissage «Korsetts», Freitag 19. 4., Spielzeug Welten Museum; mehr Infos unter www.spielzeug-welten-museum-basel.ch