Flüchtlinge

Einst Teenie im Asylheim, jetzt ein Absolvent mit Bestnote

Das Beispiel des Eritreers Habtom Berhane dürfte vielen anderen Flüchtlingen Mut machen: Der 23-Jährige kam 2014 allein und ohne ein Wort Deutsch zu sprechen in die Schweiz. Eben hat er eine zweijährige Lehre als Klassenbester absolviert und ist nun nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig. Die bz hat ihn auf dem Birsmattehof in Therwil besucht.

Der Birsmattehof in Therwil: Die Mittagspause ist gerade vorbei, einige vertreiben sich die Zeit beim Töggele, andere sind schon bereit zum weiterarbeiten. Einige der Gruppe sind Flüchtlinge aus Eritrea, darunter Habtom Berhane. Nachdem er uns entdeckt hat, kommt er schüchtern auf uns zu und begrüsst uns freundlich. Der Eritreer hat Jahrgang 1996, sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt.

Im Juni 2014 kam er als unbegleiteter jugendlicher Asylsuchender in die Schweiz, bei seiner Ankunft konnte er kein einziges Wort Deutsch. Nun hat er vor wenigen Wochen seine zweijährige Ausbildung als Agrarpraktiker als Bester seiner Klasse abgeschlossen. Wir setzen uns mit Berhane hin und er erzählt uns aus seinem bewegten Leben. Der Eritreer ist bei seiner Familie auf einem Bauernhof aufgewachsen.

Auf dem Mittelmeer ging der Diesel aus

Berhane war nicht der Einzige aus seinem Freundeskreis, der in die Schweiz geflüchtet ist. Weil er aufgrund einer Krankheit nicht mehr die Schule besuchen konnte, aber trotzdem mit 18 ins Militär eingezogen worden wäre, beschloss er, ebenfalls die weite Reise anzutreten.

Ich kam von Eritrea über Sudan und dann nach Libyen und von dort mit dem Schiff über das Mittelmeer nach Italien und von dort weiter in die Schweiz», berichtet Berhane. Auf seiner Reise hatte er Glück. Glück, dass die Reise durch Libyen kurz und ohne Zwischenfälle war. Glück, dass sie bei der Überfahrt im Mittelmeer von einem vorbeifahrenden Tanker aufgegriffen wurden, nachdem auf ihrem Boot der Diesel ausgegangen war und sie einen Tag wasserschöpfend im lecken Boot auf Hilfe warteten.

Seit seinem Aufbruch habe er seine Familie nicht mehr gesehen. Doch telefonisch steht er weiterhin mit ihr in Kontakt. In Eritrea lebte Berhane mit seinen Eltern und vier Geschwistern, zwei Brüder und zwei Schwestern. Von seinen Geschwistern flüchteten zwei nach England. Für seine Eltern war es nicht einfach, als er ihnen offenbarte, dass auch er von zu Hause weggehen werde.

«Meine Eltern waren sehr traurig, doch sie wollten für mich nur das Beste und haben sich gewünscht, dass es mir in der Schweiz besser geht und dass ich hier die Chance auf eine sichere Zukunft habe», sagt Berhane. «Sie hatten auch grosse Angst um mich, als ich die grosse Reise antrat. Es ist ja bekannt, dass auf dem Weg nicht alle Schiffe am Ziel ankommen.»

In der Schweiz angekommen, konnte er eine Integrationsschule besuchen. Die Sommerferien wollte er sinnvoll nutzen und einem Ferienjob nachgehen. Da führte es ihn im Sommer 2016 zum ersten Mal auf den Birsmattehof. Berhane war von Anfang an begeistert von dem Arbeiten. «Es gefiel mir so gut, da wollte ich gleich die Schule abbrechen und nur noch auf dem Hof arbeiten», erinnerte sich Berhane. Er eröffnete seiner Lehrerin von seinem Vorhaben. Doch diese hielt ihn zurück und erklärte, dass er noch jung sei und zuerst eine Ausbildung machen müsse.

So kam es, dass er im darauffolgenden Sommer mit der Ausbildung als EDA-Agrarpraktiker Gemüsebau anfing. So konnte er auf dem Hof arbeiten und daneben zur Schule gehen. Diese Ausbildung schloss er in diesem Sommer als Klassenbester ab. In Eritrea hat er auch schon auf einem Hof mitgeholfen. «Mein Vater ist Gemüsebauer. So brachte ich schon einige Erfahrung mit», sagt Berhane. Ihm bereitet die Arbeit mit grossen Maschinen wie einem Traktor am meisten Freude. Hier ist er in seinem Element.

Berhane besuchte auch zahlreiche Deutschkurse. Sein grosses Engagement hat sich ausbezahlt. Deutsch zu sprechen, fällt ihm zwar nicht immer ganz leicht, er findet oft nicht die richtigen Worte. Das weiss auch Nicole Tanner, Betriebsleiterin des Birsmattehofs: «Habtom war ein sehr motivierter Lehrling und jetzt Mitarbeiter, er ist sehr wissbegierig.»

Eine Schwierigkeit sei am Anfang die Sprache gewesen, er habe intensiv Deutschkurse belegt. Mittlerweile verstehe er schon das meiste. «Aber es war mir nicht immer klar, wann er etwas verstanden hat und wann nicht. Das war für mich die Hauptherausforderung», berichtet Tanner. Berhane wollte alles richtig machen und getraute sich nicht zu sagen, wenn er etwas nicht verstanden hatte.

In absehbarer Zukunft möchte Berhane noch die dreijährige EFZ-Ausbildung anhängen. Für diese müsse sein Deutsch aber noch ein bisschen besser werden, denn hier seien die Anforderungen noch höher, betont die Betriebsleiterin.

Das Beste in der Schweiz? Das Bildungssystem

Nachdem er seine Ausbildung als Klassenbester abgeschlossen hat, arbeitet er nun als Festangestellter auf dem Birsmattehof weiter. Gemeinsam mit sieben anderen Flüchtlingen aus Eritrea. Bisher wurde er durch die Sozialhilfe unterstützt. Dank seiner Ausbildung und dem entsprechenden Verdienst ist er nun finanziell nicht mehr vom Staat abhängig. Berhane lebt in einer Wohngemeinschaft auf dem Bruderholz.

Zu seinen Zukunftsplänen sagt Berhane: Er möchte in der Schweiz bleiben. Es gibt vieles, was ihm hier gut gefällt, aber regelrecht begeistert ist er vom Schweizer Bildungssystem: «In der Schweiz gibt es so ein breites Bildungsangebot. Das schätze ich sehr. Es ermöglicht einem grosse Chancen.» Zu Hause in Eritrea besuchte er auch die Schule bis zur zehnten Klasse. Für ihn ist aber klar: «Die Schule dort kann man nicht mit jener in der Schweiz vergleichen.»

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Autor

Brooke Keller

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