Kreuzwege sind ursprünglich Passionsbetrachtungen anhand der traditionell 14 Passionswegstationen. Der Kreuzweg in Basel findet zum 27. Mal statt, zum 21. Mal unter der Leitung der Offenen Kirche Elisabethen. Der Weg mit dem Kreuz durch die Stadt beginnt um 18.30 Uhr bei der Offenen Kirche, führt zur Gassenküche und damit zum Thema Ernährung, weiter zum Marktplatz, wo es um Werte geht. Auf dem belebten Barfüsserplatz, der Ausgangspunkt für nächtliche Abenteuer sein kann, wird die Frage nach dem Stellenwert von Vergnügen und Freizeit gestellt. Der Kreuzweg endet in der Elisabethenkirche, wo ein grosses begehbares Labyrinth aus Kerzen gelegt ist, das auf dem kretischen oder klassischen Labyrinth beruht. Darin lässt sich in der Mitte das Christuszeichen Chi-Rho sehen.

Vorchristliche Tradition

Labyrinthe gehören zu den ältesten Symbolen der Menschheit. Der älteste Beleg für den sogenannten kretischen Typ findet sich auf dem Tontäfelchen von Pylos um 1200 v. Chr. Es gibt aber schon viel ältere Vorstufen, etwa eine Felsritzzeichnung aus Irland aus dem 4. Jahrtausend vor Christus. Das Labyrinth im ursprünglichen Sinne ist ein verschlungener, verzweigungsfreier Weg, der unweigerlich zur Mitte führt. Im weiteren Sinne sind auch Irrgärten mit Sackgassen Labyrinthe. Aber nur das klassische Labyrinth wurde durch die christliche Kirche als Sinnbild adaptiert und vervollkommnet.

In zahlreichen mittelalterlichen Kathedralen findet man Steinlabyrinthe, die sich begehen lassen. Bekannt sind etwa die Labyrinthe von Amiens und Chartres. Für Theologen und Gläubige war klar, dass das Abschreiten des Labyrinths den Weg der Seele zur Ewigkeit bedeutet oder auch die symbolische Pilgerfahrt nach Jerusalem. Die Wege des Labyrinths zu durchschreiten oder mit dem Finger nachzufahren, galt als fromme Übung. Selbst in Gärten gab es solche Jerusalemwege. Und es ist kein Zufall, dass Busch-, Mais- und Steinlabyrinthe sich heute grösster Beliebtheit erfreuen.

Der reformierte Co-Leiter der Offenen Kirche Frank Lorenz bringt es auf den Punkt: «Noch immer fasziniert das Geheimnis des verschlungenen Wegs, der mich zwar weit von der Mitte abbringt, der mich aber immer dorthin führt, wo ich mich schliesslich selbst finden kann.»

Ein Kommen und Gehen

Laut Lorenz unterscheide sich die Gestimmtheit der Labyrinthfeier in der Offenen Kirche «von allen Feiern beider landeskirchlicher Konfessionen». Die Besucher können zwischen 19.30 und 22.30 Uhr kommen und gehen, wann und wie lange sie wollen. Meist herrscht Stille, aber es gibt auch Text- und Musikbeiträge. Das renommierte Renaissance-Ensemble Le Miroir de Musique passt mit seinen Klängen zur Schlichtheit und optischen Intensität des Kerzenlabyrinths. Lorenz: «In seinem Zusammenspiel aus Licht und Dunkel, Stille und Klang, Wort und Musik ist das Labyrinth im besten Sinn reformiert und in einem umfassenden Sinn katholisch.»

Ist diese Kombination von Kerzen und Musik nicht allzu sehr Wellness-Spiritualität? Lorenz hat hierzu eine dezidierte Meinung: «Der Kreuzweg weist auf unbequeme soziale und politische Themen dieser Stadt. Das ist alles andere als Wellness.» Im Labyrinth kämen die innerseelischen Fragen zur Geltung. «Es braucht sehr viel Mut, sich mit den menschlichen Themen wie Leiden, Sterben und Endlichkeit auseinanderzusetzen», so Lorenz. Die Offene Kirche Elisabethen habe von den Landeskirchen den Auftrag erhalten, die traditionellen christlichen Themen neu erlebbar zu machen. «Beim Kreuzweg und im Labyrinth gehen wir mit etwas um, und dies im buchstäblichen Sinne», sagt Lorenz. Kreuzweg wie auch Labyrinth werden im Rahmen des Feste-Feiern-Zyklus der Reformierten Kirche Basel-Stadt ökumenisch gefeiert.