Ärger, Enttäuschung und sehr viel Unsicherheit – so könnte man das Ergebnis einer nicht repräsentativen Strassenumfrage zu den bevorstehenden französischen Präsidentschaftswahlen zusammenfassen, welche die bz gestern Vormittag in Saint-Louis und Huningue gemacht hat. Die Skandale wie um den bürgerlichen Kandidaten Fillon und ein Wahlkampf, bei dem es wenig um Inhalte, aber viel um persönliche Attacken geht, zeigen Wirkung.

Viele wissen beim besten Willen nicht, für wen sie am ersten Wahlgang am 23. April stimmen sollen – und das gerade mal anderthalb Wochen vor den Wahlen. Symptomatisch ist, dass die elf Plakatwände, die seit Freitag vor der Mairie von Huningue aufgestellt sind, gestern noch leer waren. Offiziell begonnen hat die Plakat-Kampagne diesen Montag, aber eilig hat es niemand.

«Sie gehen uns auf die Nerven»

Zumindest im Fernsehen ist das anders. Eine ältere Dame ist aufgebracht, als sie auf die Wahlen angesprochen wird: «Sie gehen uns auf die Nerven. Ich kann das nicht mehr hören. Jeden Tag im Fernsehen die Wahlen.» Ein Herr, Mitte 60, hält erst gar nicht an, aber verkündet, dass er die Abstimmung boykottieren wird.

Ähnlich äussert sich ein Mann (63) aus Saint-Louis: «Ich bin total enttäuscht. Man müsste die Wahlen annullieren, für Ordnung sorgen und in sechs Monaten noch einmal von vorne anfangen.» Er bezeichnet sich als überzeugten Anhänger des ehemaligen gaullistischen Präsidenten Chirac. Am Wahlwochenende fährt er nach Österreich, wählen geht er nicht.

Wahlverweigerung ist Ausnahme

Diese Wahlverweigerung ist allerdings eher die Ausnahme. Fünfzehn Personen haben sich auf ein Gespräch mit der bz eingelassen – die meisten wollen wählen gehen. «Das Wahlrecht ist schliesslich hart erkämpft worden», argumentiert Bruno Lusy (59) aus Village-Neuf. Dabei wisse der Normalbürger nicht, woran er sei. «Die Politiker müssten als Beispiel vorangehen, um glaubwürdig zu sein» betont Lusy, der auch vorschlägt, dass das Volk über die Bezahlung der Politiker entscheidet.

Gerade mal zwei von elf Männern, mit denen die bz geredet hat, waren bereit, mit ihrem vollen Namen in der Zeitung zu stehen und mit Foto schon gar nicht. In der Regel befürchteten sie Nachteile oder hatten Angst. Die vier Frauen waren beherzter: Den Namen gaben sie immer an und auch für ein Foto waren drei bereit. «Viele meiner Bekannten wissen nicht, wen sie wählen sollen. Manche wollen es aber mit Marine Le Pen versuchen, damit Bewegung in die verfahrene Lage kommt», berichtet Mathilde Roth (31) aus Saint-Louis.

Sehr unsicher, für wen sie stimmen soll, ist Frédérique Brom (47) aus Blotzheim, die in Saint-Louis einen Kleiderladen hat. «Bisher habe ich von den Kandidaten vor allem Kritik aneinander gehört. Die Themen Umwelt, Arbeit und Ausbildung finden nicht statt und jeden Tag kommt ein neuer Skandal hinzu. Wenn ich jemanden anstellen will, finde ich trotz der hohen Arbeitslosigkeit niemanden», klagt sie.

Bernadette Babacchino (76) aus Huningue weiss von vielen enttäuschten Leuten, outet sich aber als treue Anhängerin von Fillon. Generell sagt sie in Bezug auf die Wahlen: «Die Lage ist sehr schwierig, aber ich glaube, es wird sicherlich eine Überraschung geben.» Von etlichen Fillon-Wählern in ihrem Umfeld weiss auch Mireille Hebert (52) aus Saint-Louis. Hubert Dubler (64) aus Huningue hält einen zweiten Wahlgang zwischen dem Linksaussen Jean-Luc Mélenchon und der Rechtsaussen Marine Le Pen nicht gänzlich für ausgeschlossen. «So etwas hat es noch nie gegeben», wundert er sich.

Sie waren die Ausnahme, aber auch proeuropäische Töne waren an diesem Vormittag zu hören. «Wir sind hier in einer trinationalen Region. Bei allen Unsicherheiten haben Europa und die Einheitswährung auch positive Seiten.» Die Idee des Front National, den Euro in einen Franc oder 1,50 Francs zu tauschen werde auf jeden Fall Konsequenzen nach sich ziehen. Seinen Namen wollte aber auch dieser 46-jährige aus Huningue nicht preisgeben.

Ebenfalls anonym bleiben wollte ein 71-jährige Le Pen-Wähler aus Saint-Louis. «Wir haben zu viele Einwanderer. Bei der Krankenkasse erhalten sie mehr Rückzahlungen als wir. Wenn ich mich als Vermieter bei meinen teils ausländischen Mietern beschwere, dass sie mein Blumenbeet zerstören, werde ich als Rassist beschimpft», beklagt er sich.
Einen interessanten Ansatz hat Salah (60) aus Saint-Louis, der seinen vollen Namen nicht nennen wollte. Er ist in Algerien geboren, hat aber die französische Staatsangehörigkeit. «Wir bräuchten eine Art Koalition und müssten dafür nur die besten Politiker aus allen Parteien auswählen.»