Elsässerstrasse
Basler Appellationsgericht reduziert Strafe für Vergewaltiger wegen der «Signale, die das Opfer auf Männer aussendet»

Ein 32-jähriger Portugiese, der zusammen mit einem Kollegen nach dem Ausgang eine Frau vergewaltigt hat, muss nur eineinhalb statt über vier Jahre ins Gefängnis. Ein Grund für die Strafminderung sieht das Gericht im Verhalten des Opfers vor der Tat.

Jonas Hoskyn
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Das Strafgericht hat vergangenes Jahr einen Vergewaltiger zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt. Nun wurde die Strafe reduziert.

Das Strafgericht hat vergangenes Jahr einen Vergewaltiger zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt. Nun wurde die Strafe reduziert.

Nicole Nars-Zimmer

Die Tat sorgte schweizweit für Entsetzen. Im Februar 2020 vergewaltigten zwei Männer in den frühen Morgenstunden eine 33-jährige Frau vor ihrer Wohnung in der Elsässerstrasse. Die beiden hatten ihr späteres Opfer nach dem Ausgang begleitet. Als die Frau die Haustüre aufschloss, drängten die beiden Männer sie in den Windfang und vergingen sich an ihr. Nach der Tat flohen die beiden Täter – beides gebürtige Portugiesen – in ihre Heimat.

Wenige Tage später stellte sich einer der beiden den Basler Strafbehörden. Der zweite war zum Zeitpunkt der Tat noch minderjährig. Er muss sich deshalb demnächst vor dem Jugendgericht verantworten. Vergangenen Sommer verurteilte das Basler Strafgericht den 32-jährigen Täter wegen Vergewaltigung, versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu vier Jahren und drei Monaten Haft, einer Genugtuung und einem Landesverweis von acht Jahren.

Eineinhalb statt viereinhalb Jahren unbedingte Haft

Dagegen legte der Mann Berufung ein, weshalb der Fall diese Woche vom Basler Appellationsgericht erneut aufgerollt wurde. Die zweite Instanz kommt zum gleichen Schluss, reduziert aber das Strafmass erheblich. Statt über vier Jahre beträgt die Freiheitsstrafe neu drei Jahre. Zudem wird die Hälfte zur Bewährung ausgesetzt, da der Mann nicht einschlägig vorbestraft ist. Faktisch bedeutet das, dass der Vergewaltiger in zwei Wochen aus dem Gefängnis entlassen wird. Auch die Dauer des bei diesen Taten obligatorischen Landesverweises fällt mit sechs Jahren kürzer aus. Zudem wurde die Genugtuung für das Opfer reduziert.

Bei der Würdigung der Aussagen und der Indizien kam das Appellationsgericht zum gleichen Schluss wie die Vorinstanz. Die Aussagen des Opfers, welches direkt nach der Tat dem Polizeinotruf alles schilderte, die Ergebnisse der Spurensicherung und die Aufnahmen einer Überwachungskamera eines benachbarten Geschäfts würden ein klares Bild ergeben. In den Aussagen der Beschuldigten dagegen zeigten sich eklatante Widersprüche, obwohl sich diese sogar absprechen konnten. Auch die überstürzte Abreise der zwei Männer könne nicht anders als Flucht gedeutet werden, nachdem die Medien über den Fall berichtet hatten.

Gericht sieht nur «mittleres Verschulden»

Allerdings stufte das Appellationsgericht das Verschulden des Verurteilten nicht derart gravierend ein wie die Vorinstanz. Gerichtspräsidentin Liselotte Henz (FDP) sprach von einem «mittleren Verschulden» im Rahmen von Sexualstrafdelikten und führte mehrere Punkte an, weshalb das Strafmass des Strafgerichts zu hoch angesetzt war: So seien die Übergriffe relativ kurz gewesen und hätten zu keinen bleibenden physischen Verletzungen bei der Frau geführt.

Juristisch heikel einzustufen ist dann ein weiterer Punkt der Urteilsbegründung: Das Vergehen werde relativiert durch «die Signale, die das Opfer auf Männer aussendet», so die Gerichtspräsidentin. Dabei bezog sie sich vor allem auf das «Verhalten im Club», wo die Frau offenbar im Laufe des Abends auf der Toilette ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einem weiteren Mann hatte.

«Man muss feststellen, dass sie mit dem Feuer spielt»,

so Henz. Auch sei unklar, wie sehr das Opfer heute noch unter den Übergriffen leide, da keine aktuellen Arztberichte vorlägen. In Therapie sei die Frau offenbar nicht. Für den Täter belastend zu werten sei, dass das Opfer es mit zwei Männern zu tun hatte und Gegenwehr so keinen Sinn gemacht habe.

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