Wenige Meter nördlich von Basel ist ein Massensterben im Gang. Kaum jemand interessiert sich dafür, denn es geht schleichend vor sich – und es ist staatlich gebilligt, ja forciert. Die Rede ist vom langsamen Tod des Elsässischen.

Immer weniger der 1,9 Millionen Elsässer zwischen Altkirch und Wissembourg sprechen Mundart. Viele Alsaciens verstehen die Sprache nicht einmal mehr. Das Elsässische, ein Sammelbegriff für zumeist alemannische Dialekte wie das Schweizerdeutsche, wird zur Grosseltern-Sprache, verstummt immer mehr.

Wenn es aber einen Ort gibt, an dem der Dialekt noch lebt, dann ist es das Laientheater. Das Elsass ist ein Land der Volksbühnen. Laut dem Elsässischen Sprochàmt gibt es 500 Theatergruppen – das ist eine auf zwei Gemeinden.

Bei Schweizern beliebt

Einer dieser Vereine ist der Cercle Théâtral de Hagenthal. Die Laiengruppe zeigt immer im Januar einen Schwank. Dieses Jahr war es «D’r Meischterlieger». Bei den acht Aufführungen war die Salle Polyvalente in Hagenthal-le-Bas / Niederhagenthal meist bis auf den letzten Platz gefüllt. Was auffällt: Der Sprachpurismus auf der Bühne.

Die Texte sind in reinem Elsässerdeutsch gehalten. Es kommen fast keine französischen Wörter vor. So heisst es Fahrkarte statt Billett, Grossmutter statt Grand-mère, Fröi statt femme. Die Protagonisten bemühen sich um eine perfekte Aussprache.

Es komme immer wieder zu Verständnisproblemen, sagt Regisseurin Fabienne Christmann. Bei den Proben müssten häufig Begriffe rückübersetzt werden – damit die Schauspieler überhaupt begreifen, was sie sagen. «Viele alte Ausdrücke sind kaum noch bekannt. Die Elsässischkenntnisse gehen insgesamt zurück.»

Kommt hinzu, dass das heutige Elsässisch extrem viele französische Lehnwörter kennt. Fällt den Sprechenden der elsässische Ausdruck nicht ein, weichen sie auf das Französische aus, das so langsam überhandnimmt. Trotz aller Widrigkeiten: Der Cercle sei gut aufgestellt, sagt Christmann: «Unser Durchschnittsalter liegt bei 40 Jahren.»

Séparation totale

Joseph Schmittbiel glaubt nicht, dass die vielen Theater den Dialekt über Wasser halten könnten. Es handle sich eher um eine Art Biotop, um Sprachfolklore ohne grosse Wirkung, ist der Strassburger Historiker, Autor und Übersetzer überzeugt. «Elsässisch auf der Volksbühne, das ist ja schön und Recht», sagt er zur «Schweiz am Wochenende». «Aber um zu überleben, braucht die Sprache einen viel grösseren Raum – ein Dorf, eine Stadt, eine Region.»

Der Alptraum für Jakobiner: Eine Miss France spricht Elsässisch.

Am Theaterabend in Hagenthal gab es eine seltsame Trennung. So konsequent auf der Bühne Elsässisch geschwätzt wurde: Am Einlass und während der Pausen war fast ausschliesslich Französisch zu hören, ebenso waren die Auslagen beim Buffett auf Französisch angeschrieben. Im Publikum unterhalten sich auch immer wieder Leute auf Französisch. Unter den Zuschauern wiederum hat es viele Deutsche und Schweizer. Vor der Salle Polyvalente stehen immer wieder Reisecars mit Schweizer Kontrollschildern. Ganze Gruppen reisen extra zu den Aufführungen an. Es haben sich richtige Fanclubs gebildet. Nicht zuletzt besuchen viele Schweizer die Aufführungen, die ins Elsass ausgewandert sind. Von ihnen gibt es immer mehr.

Die sprachliche Trennung sind sich die Elsässer gewohnt. Französisch an Anlässen, auf der Strasse, im Schriftverkehr und im Kontakt mit Behörden – Dialekt unter Freunden und Verwandten. Noch einfacher ausgedrückt: öffentlich Französisch, privat Elsässisch. Das kann zu kuriosen Situationen führen, etwa im Kaufhaus: Ein älteres Paar spricht zusammen Elsässisch. Als es in die Nähe der Kasse kommt, wechselt es auf Französisch. Auch die Kassiererin stellt um: Sie hatte, bevor das Paar in Hörweite war, mit ihrer Kollegin auf Elsässisch Witze gerissen.

«La langue de la République est le français», lautet der 2. Artikel der Verfassung Frankreichs. Der frühere Staatspräsident Georges Pompidou sagte noch 1972, in Frankreich sei kein Platz für regionale Sprache und Kulturen. Alles Abweichende wird als Gefahr für die Nation betrachtet. Spätestens nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hiess es: «C’est chic de parler Français!» – nicht nur im Elsass und in Lothringen, sondern auch in der Bretagne, der Normandie, in Französisch-Flandern, in Nord-Katalonien und auf Korsika.

Elsässisch verboten

Es blieb aber nicht bei der Bitte, zumindest nicht im Elsass. Als angebliches Überbleibsel der Jahrzehnte unter deutscher Herrschaft war die Mundart in öffentlichen Gebäuden lange verboten. Viele Schüler, die Elsässisch parlierten, machten mit dem Rohrstock Bekanntschaft.

Dabei hatte sich das Elsässische über Jahrhunderte gut gehalten. Auch in der Zeit, als der Landstrich zu Frankreich gehörte. Fünfmal wechselte das Gebiet zwischen den beiden früheren Erbfeinden hin und her. Die delikate Lage zeigte sich schon beim Ende des Fränkischen Reiches: Als es 843 in eine Ost- und in eine Westhälfte aufgeteilt wurde, blieb ein Puffer ausgespart, das Mittelreich Lothringen. Dazu gehörte das Elsass. In den Jahrzehnten danach wechselte es die Zugehörigkeit erneut. So sollte es immer weiter gehen.

1918, nach dem Ersten Weltkrieg fiel Elsass-Lothringen an Frankreich zurück, unterbrochen von fünf Jahren Nazi-Herrschaft 1940 bis 1945. Spätestens nach 1945 wollte Paris die Frage, wohin denn nun dieser Streifen mitten in Europa gehört, ein für alle Mal beantworten. Wie auch schon nach dem Ersten Weltkrieg setzte man auf die Assimilationspolitik. Die Elsässer sollten zu richtigen Franzosen werden, was bedeutete: sprechen wie Franzosen.

Diese Politik hatte durchschlagenden Erfolg. Das belegen Zahlen. Bei einer Studie des Elsässischen Sprochàmts in Strasbourg, oder Strossburi, wie die Stadt im lokalen Idiom heisst, gaben 43 Prozent der Befragten an, die Sprache gut zu beherrschen. Ein Drittel kann es ein wenig sprechen. Ein Viertel dagegen kann mit dem Dialekt gar nichts anfangen. Das sind meist Zuwanderer aus anderen Teilen Frankreichs und Immigranten. Die Studie stammt von 2012. Neuere Zahlen sind laut Elsässischem Sprochàmt keine erhältlich.

43 Prozent tönen nach einem Erfolg für die Verfechter der lokalen Sprache. Betrachtet man die zeitliche Entwicklung, so besteht aber kein Grund zu Optimismus. Noch um 1900 – das Elsass bildete mit Lothringen das Reichsland Elsass-Lothringen – sprachen 95 Prozent der Bevölkerung Elsässisch. Wobei die Zweisprachigkeit traditionell zum Elsass gehört: In Städten wie Mulhouse gab es schon immer ein französischsprachiges Bürgertum.

Ein weiteres Problem ist die Überalterung. Diejenigen, die im Alltag noch Elsässisch verwenden, sind laut der Studie meist 50 und älter. Und selbst die dialectophones geben ihr Idiom häufig nicht an ihre Kinder weiter. Aus Desinteresse, Kalkül oder Scham.

Befreier als Unterdrücker

Bernard Wittmann bezeichnet das, was mit dem Elsässischen passiert, als Linguizid. Wittmann ist Mitbegründer der «Elsässischen Volks-Union», sie ging 2010 in die autonomistische Partei «Unser Land» auf. In Wittmanns 2002 erschienenem Buch «Die Geschichte des Elsass – eine Innenansicht» geht er vernichtend mit der von Paris gesteuerten Sprachpolitik ins Gericht. Sie ziele auf die «völlige Ausrottung» des Elsässischen ab. Laut Wittmann ist die Wurzel allen Übels der Jakobinismus: Er verfolge das Ideal eines homogenen Staatsvolks. «In Frankreich gilt selbst Zweisprachigkeit als schlecht», schreibt Wittmann der «Schweiz am Wochenende».

2015 wurde die Region Elsass aufgelöst und in die neue Grossregion «Grand Est» integriert. Damit werde der Kampf für die regionale Identität noch schwieriger, sagt Wittmann.
In den französischen Geschichtsbüchern sind die Rollen klar verteilt. Hier die bösen Deutschen, die das Elsass immer wieder unterjocht haben – dort die guten Franzosen, die den Elsässern zu Hilfe eilten.

Doch so einfach ist es nicht. Das zeigt etwa der Roman «Üs unserer Franzosezyt», geschrieben von der Elsässerin Marie Hart 1921. Sie musste das Elsass verlassen, nachdem es 1918 zu Frankreich gekommen war – sie hatte einen deutschstämmigen Mann. So wie Marie Hart erging es schätzungsweise 120 000 anderen. Im Buch werden Diffamierung, Enteignung und Vertreibung der Deutschstämmigen beschrieben. Das passte der französischen Zensur nicht. Sie verbot den Roman. 2015 hat Joseph Schmittbiel «Üs unserer Franzosezyt» neu herausgegeben. Auch in seinem Buch «Alsace – des questions qui dérangent» setzt sich Schmittbiel mit der Identität seiner Heimat auseinander.

Grosse Hoffnung setzten die Autonomisten in bilingualen Unterricht. Er wird laut Sprochàmt von rund 350 Schulen praktiziert. Die Lehrkräfte unterrichten auf Französisch und auf Deutsch, nicht jedoch auf Elsässisch. Gemäss Sprochàmt gibt es kaum eine Handvoll Schulen mit Lektionen auf Elsässerditsch – zu wenig, um eine genügend grosse Zahl an Sprechern zu erhalten. So blüht das Elsässische nur noch in Nischen, neben dem Laientheater zum Beispiel im Tourismus.

Soziale Medien als Sprachbiotop

Bénédicte Keck ist Projektleiterin beim Elsässischen Sprochàmt, oder Projaktleitere, wie das dort heisst. Sie setzt ihre Hoffnungen auf einen anderen Kanal. «Ich lese wahnsinnig viel Elsässisch auf Facebook», sagt Keck in perfektem Elsässisch. «Es scheint, dass die Leute dort die falsche Scham verloren haben. Sie schreiben so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Das macht mir riesige Freude.»

Ein US-Konzern könnte zum letzten Strohhalm für einen serbelnden Dialekt in Frankreich werden. Ausgerechnet.