Fusion
Elsass: Unsichere Zukunft in der neuen Grossregion

Zweisprachigkeit und Dialekt könnten im Elsass nach der Fusion mit zwei Nachbarregionen unter Druck kommen. Bilinguale Schulklassen werden nicht mehr angeboten, was es Grenzgängern erschweren wird, in der Schweiz Arbeit zu finden.

Peter Schenk
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Frankreich soll in 13 Regionen unterteilt werden.

Frankreich soll in 13 Regionen unterteilt werden.

bz

Anfang 2016 ist es vorbei mit der Region Elsass. Diese geht, wie mehrfach berichtet, in die neue Grossregion Elsass/Champagne-Ardenne/Lothringen auf, die doppelt so gross wie Belgien ist. Am 6. und 13. Dezember finden die Wahlen zu der neuen, im Elsass ungeliebten, Struktur statt.

Diese drei Regionen werden Anfang 2016 fusioniert.

Diese drei Regionen werden Anfang 2016 fusioniert.

bz

Sorgen macht man sich in der Grenzregion unter anderem um Zweisprachigkeit und Dialekt, die seit etlichen Jahren stark von der Region Elsass und den beiden Departements Haut-Rhin und Bas-Rhin gefördert werden. In Zukunft soll voraussichtlich nicht mehr die Unterrichtsakademie Strassburg, sondern diejenige von Nancy/Metz für die Koordinierung des Sprachenunterrichts zuständig sein. Dort aber spielen Deutschunterricht und Dialekt eine geringere Rolle als im Elsass.

Über 60 000 Grenzgänger

Im Elsass haben viele Politiker seit etlichen Jahren erkannt, dass sie etwas gegen die schwindenden Dialekt- und Deutschkenntnisse der Einwohner unternehmen müssen. Dies allein schon, weil weit über 60 000 Grenzgänger in der Schweiz und in Deutschland arbeiten und deshalb Deutsch beherrschen müssen.

1994 haben Region und Departements das Elsässische Sprachamt OLCA gegründet, das sich mit einem Jahresbudget von 2,5 Mio. Euro für Deutsch und Elsässisch einsetzt. Ausserdem gehen in der Unterrichtsakademie Strassburg 27 000 Primarschüler in zweisprachige Schulklassen. Die Sprachenpolitik ist mit einem Abkommen für die nächsten drei Jahre gesichert. Wie es 2019 in der neuen Grossregion damit weitergeht, ist unsicher.

Für Unruhe hatte die Ankündigung des französischen Bildungsministeriums gesorgt, zweisprachige Klassen in der Mittelschule, im Collège, aufheben zu wollen. Derzeit sieht es allerdings so aus, dass diese Neuregelung für das Elsass nicht in Kraft tritt.

Noch keinen richtigen Namen

Einen richtigen Namen für die neue Grossregion gibt es noch nicht – derzeit wird sie mit der Abkürzung Acal bezeichnet, was nicht gerade identitätsstiftend ist. Das neu gewählte Parlament, das die ersten sechs Monate in Strassburg tagen wird, muss über den Namen und auch den Parlamentssitz noch entscheiden. Das Elsass wird darin mit 47 von insgesamt 169 Abgeordneten vertreten sein. Die Region ist für Wirtschaftsentwicklung, Tourismus, Gymnasien und Zugverkehr zuständig. Da die Departements weiter bestehen, versuchen die Elsässer derzeit, deren Bedeutung mit der Fusion von Wirtschaftsförderungs- und Tourismusagenturen zu stärken.

Front National im Aufwind

Es ist nicht auszuschliessen, dass die Grossregion von der rechtsextremistischen Front National (FN) regiert wird. In einer ersten Meinungsumfrage vor zwei Wochen lag der FN im ersten Wahlgang knapp hinter der bürgerlichen Liste des derzeitigen Präsidenten der Region Elsass, Philippe Richert. In einer weiteren Umfrage, über die die elsässischen Zeitungen gestern berichteten, lag der FN im ersten Wahlgang mit 32 Prozent sogar zwei Prozentpunkte vor Richert. Diesem würde es erst im zweiten Wahlgang gelingen, mit 37 Prozent Vorsprung knapp zu gewinnen.

Das Wahlsystem sieht vor, dass der Wahlsieger 25 Prozent der Sitze erhält. Die restlichten Sitze werden nach Proporz unter allen Parteien aufgeteilt. Das bedeutet, der Wahlsieger erhält ebenfalls weitere Abgeordnete. Sollte Richert tatsächlich die prognostizierten 37 Prozent erhalten, könnte er mit einer bequemen Mehrheit regieren. Wenn nicht, sitzt der FN fest im Sattel.

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