Fessenheim
Elsässer AKW-Gegner wollen Investitionen in Fessenheim verhindern

Elsässer Atomkraftgegner rufen den französischen Rechnungshof an und fordern eine sofortige Stilllegung des Atomkraftwerks Fessenheim. Auch Investitionen, die bis zur beschlossenen Stilllegung 2016 getätigt werden sollen, wollen sie stoppen.

Peter Schenk
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Spätestens Ende 2016 soll das umstrittene elsässische AKW Fessenheim abgeschaltet werden. Das hatte der neue französische Präsident François Hollande im September entschieden. Vorher werden dennoch erhebliche Investitionen ins AKW getätigt. Atomkraftgegner schätzen sie je nach Quelle auf 20 bis 200 Millionen Euro. «Das ist zum Fenster rausgeschmissenes Geld», kritisiert Jean-Jacques Rettig, Präsident des CSFR (Comité pour la Sauvegarde de Fessenheim et de la plaine du Rhin).

«Dazu kommen mindestens 120 Millionen oder maximal 200 Millionen Euro Produktionsverluste», ergänzt André Hatz, Sprecher des Vereins «Stop Fessenheim». Die Aufsichtsbehörde «Autorité de Sûreté Nucléaire» (ASN) hatte etliche Nachbesserungen verfügt. Die teuerste davon dürfte die Verstärkung der Bodenplatte unter dem Reaktorkern sein, die für den Block 1 bis Ende Juni 2013 abgeschlossen sein muss.

Abschalten, damit Beton auskühlt

Die Bodenplatte ist aus Beton und soll bei einer Reaktorkernschmelze das Grundwasser schützen. «Während der Arbeiten muss der betroffene Block sicherlich für sechs Monate abgeschaltet werden, damit der Beton auskühlt», begründet Hatz die Produktionsverluste.

Christine Tousch, Mediensprecherin des AKW Fessenheim, legt andere Zahlen als die Atomkraftgegner vor. Laut ihr kostet die Verstärkung einer Bodenplatte 15 Millionen Euro. Weitere 5 Millionen würden die Umsetzungen der anderen Forderungen der ASN kosten. Überhaupt relativiert sie die Ausgaben. So habe die Electricité de France (EDF) unabhängig von Forderungen der ASN in vier Jahren 380 Millionen Euro in die beiden Blöcke investiert - die Ausgaben gehen vor allem auf die beiden letzten Zehnjahresinspektionen und neue Dampfgeneratoren zurück. Wie lange der Block 1 für die Verstärkung der Bodenplatte abgestellt wird, wollte sie aus Konkurrenzgründen nicht mitteilen. Es seien aber weniger als sechs Monate. «Die Arbeiten beginnen im Frühjahr 2013 und müssen im Sommer 2013 abgeschlossen sein.» Ausserdem würde man diese Zeit für Unterhaltsarbeiten nutzen.

Die beiden erwähnten atomkritischen Verbände und der Verein «Stop transports - Halte au Nucléaire» haben den französischen Rechnungshof aufgefordert, die Ausgaben für die Nachrüstung zu kontrollieren. In dem Brief heisst es: «Unserer Ansicht nach handelt es sich bei einem Unternehmens wie EDF, das zu 84,48 Prozent dem Staat gehört, in diesem Fall um die Verschwendung öffentlicher Gelder.» Die Verfasser des Briefes fragen weiter, ob die geplanten Arbeiten sinnvoll wären, wenn das AKW drei Jahre danach abgestellt werden soll. Voraussichtlich werde die ASN für den Block 2 die gleiche Verstärkung der Bodenplatte verlangen - und dies wahrscheinlich bis Ende 2015. «Die grundsätzliche Frage lautet, ob es vor dem Abriss Sinn macht, umfassende Arbeiten zu machen. Wer repariert schon sein Auto, bevor er es auf den Schrottplatz bringt», sagt Hatz.

Einen ähnlichen Aufruf an den Rechnungshof hat der grüne Abgeordnete der Nationalversammlung, Denis Baupin, lanciert - Vizepräsident der Assemblée Nationale. Laut den AKW-Gegnern hat der Rechnungshof bisher auf beide Briefe nicht reagiert. Für Fessenheim-Sprecherin Christine Tousch stellt sich die Frage nach dem Sinn der Arbeiten nicht, da sie von der Aufsichtsbehörde ASN angeordnet werden. «Wenn wir sie nicht ausführen, kann die ASN das AKW schliessen.»
Die AKW-Gegner befürchten, dass EDF Ende 2016 mit den erneuten Investitionen gegen eine Stilllegung argumentieren werde. Auch sei nicht auszuschliessen, dass ein neuer Präsident nach den Wahlen im Mai 2017 die Schliessung rückgängig mache.

Dilettantische Alibi-Übung

Ähnlich schätzt Jürg Stöcklin, Präsident des Trinationalen Atomschutzbundes Tras, die Lage ein. «Wenn sie mit der Schliessung zuwartet, riskiert die Regierung, dass der AKW-Betreiber EDF mit Schadensersatzansprüchen kommt.» Im Wesentlichen verlange Tras, dass Fessenheim sofort abgestellt werde. «Solange es aber läuft, muss es echte Verbesserungen bei der Sicherheit geben.» Die Nachrüstung der Bodenplatte aber sei eine «dilettantische Alibi-Übung».

Ganz ähnlich sehen das auch die elsässischen AKW-Gegner. «Derzeit ist die Bodenplatte 1,50 Meter dick und würde bei einer Kernschmelze 24 Stunden halten«, sagt Rettig. Nach den Arbeiten seien es 48 Stunden. «Unter dem AKW befindet sich das grösste Grundwasservorkommen Europas», ergänzt André Hatz. Wenn François Hollande das AKW wegen dem Überschwemmungs- und Erdbebenrisiko schliessen wolle, müsse man dies sofort machen. «Ein Erdbeben hält sich nicht an Wahltermine.»