Herr Spühler, Sie führen dieses Interview nur schriftlich. Wieso?

Benjamin Spühler: Wir haben derzeit extrem viele Anfragen. Wenn wir die Interviews mündlich führen, müssen wir die Zitate gegenlesen. Das gibt eine zu grosse Bürokratie. Deshalb schreiben wir die Antworten und können dann im Nachhinein vergleichen, ob die Informationen in der Zeitung damit übereinstimmen.

Gedenken Sie, das auch im Wahlkampf so durchzuziehen?

Nein, wenn das Medienaufkommen kleiner ist, geben wir mündliche Auskünfte und verlangen, die Texte oder zumindest die Zitate umgehend gegenlesen zu können.

Bisher war die Sexkoffer ein Basler Thema. Wieso starten Sie eine nationale Initiative?

Wir haben durch unsere rechtlichen Schritte gegen die Sexboxen einen vertieften Einblick in die Rechtslage des Sexualkundeunterrichts erhalten. Dieser steht auf sehr wackligen Füssen. Im Grunde ist er illegal, weil er sich nicht auf ein Gesetz abstützen kann. Hingegen besteht die Gefahr, dass die gesetzliche Basis relativ schnell zementiert werden könnte. Dagegen hilft nur eine Volksinitiative auf Verfassungsebene.

Besteht auch in der Restschweiz das Bedürfnis, Sexualkunde im Kindergarten und der Primarschule zu verhindern?

Ja, die Resonanz ist riesig. Das hören wir auch täglich auf unserer Hotline. Und wenn Sie sich daran erinnern, dass letztes Jahr innert 100 Tagen 91'000 unbeglaubigte Petitionsunterschriften zustande gekommen sind, dann werden wir auch in 550 Tagen 100 000 beglaubigte Unterschriften zusammenbekommen.

Wer wird die Initiative Ihrer Meinung nach unterschreiben?

In erster Linie betroffene Eltern. Wer Kinder hat und ihnen in die Augen schaut, der weiss, dass sie keinen Sexualkundeunterricht ab Kindergarten brauchen. Das ist völlig verfehlt.

Haben Sie die Kapazität, 100 000 Unterschriften zu sammeln?

Schwer zu sagen. Wir rechnen damit, dass die Volksinitiative ein Selbstläufer wird. Wir sind überzeugt, dass es im ganzen Land Elterngruppen gibt, die die Initiative weitertragen werden. Wir haben bereits Kontakt zu mehreren Elternkomitees und -gruppen, die ihre Unterstützung zugesagt haben. Politisch wollen wir eine breite überparteiliche Unterstützung.

Zum Inhalt der Initiative: Was ist für Sie Sexualkundeunterricht?

Es kommt nicht darauf an, was für uns Sexualkundeunterricht ist. Darüber müssen sich die Erziehungsräte in der Schweiz Gedanken machen. Schliesslich wird es zur Klärung auch Gerichtsentscheide brauchen. Wir sagen nicht viel zum Inhalt des Unterrichts. Wir wollen, dass er im Kindergarten und in den ersten zwei Primarklassen auf keinen Fall vorkommt. Auch die Basler Sexboxen für die Kleinen gehören geschreddert.

In den Stundenplänen kommt «Sexualkundeunterricht» nicht vor. Wehren Sie sich nicht gegen etwas, das gar nicht existiert?

Sorry, aber wo leben Sie eigentlich? Kommen Sie soeben von einer Weltreise zurück und haben noch keine Zeit gehabt, sich zu informieren, was hier gespielt wird? Lesen Sie doch einmal den Basler Leitfaden und die Handreichung zu den Sexboxen. Diese sind eine Ergänzung zum Lehrplan. Pierre Felder vom Erziehungsdepartement beteuert laufend - in unehrlicher Weise -, es gebe im Kindergarten keinen systematischen Sexualkundeunterricht, es gebe kein Fach, das so heisst. Das behauptet auch niemand. Was er nicht sagt, ist, dass es ab dem Kindergarten unsystematischen Sexualkundeunterricht geben soll. Das ist noch schlimmer.