Konzert
Emeli Sandé sorgt für ersten Höhepunkt an der Baloise Session

Nach dem Konzert der schottischen Soul- und R&B-Sängerin blieben die Zuschauer perplex zurück. Es hätten sich wohl einige gewünscht, dass der Flow, den Emeli Sandé und ihre Band auf die Bühne brachten, nie enden würde.

Anna Riva
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Emeli Sandé: Das Publikum liebte sie, und das war von Anfang an klar. Keystone

Emeli Sandé: Das Publikum liebte sie, und das war von Anfang an klar. Keystone

Keystone

«The show goes on!» Mit diesen Worten leiteten Beatrice Stirnimann und Stephan Werthmüller am Freitagabend die 31. Ausgabe der Baloise Session ein. Mit einer berührenden Ansprache und einer Schweigeminute gedachte die Festivalchefin des Gründers Matthias Müller, «inspirierender Motivator und lieber Freund», der am 1. Juli im Alter von 51 Jahren einer schweren Krankheit erlegen ist. «But the show must go on», sagte Stirnimann, sichtlich bewegt. Und kündigte gleich eine gute Nachricht an: Die Basler Versicherungen, Presenting Sponsor der Baloise Session, haben den Vertrag bis und mit 2020 verlängert. Die Botschaft sorgte für dankbaren Beifall im Publikum.

Die Show konnte nun beginnen. Für den Auftakt verantwortlich war der norddeutsche Pop-Sänger und Songwriter Joris, der mit eingängigen musikalischen Liebeserklärungen wie «Herz über Kopf» (2015) in Deutschland bekannt wurde. Der sympathische, selbstironische 26-Jährige tauchte lächelnd und spassend mit seiner vierköpfigen Band auf der Bühne auf. Der blonde Junge eroberte das Vertrauen des zunächst ein wenig erstarrten Publikums mit Sätzen wie: «Ich bin der Joris, vielleicht weiss das der eine oder der andere mittlerweile» oder «Ich habe 19 Jahre lang musiziert, und bis auf die letzten Jahre hat das niemanden interessiert».

Stolz und demütig zugleich

So waren nach der zweiten Hälfte der Show nicht wenige Hände in der Luft zu sehen. Und der Beifall, den der Junge nach dem tempostarken Ohrwurm «Sommerregen» erntete, war wohlwollend und warm. Joris verliess die Bühne genauso lächelnd, wie er angekommen war. Trotz seiner noch bescheidenen Erfahrung auf den grossen Bühnen konnte er die schwierige Aufgabe und den Druck gut meistern, vor einer musikalischen Grösse wie Emeli Sandé zu spielen.

Ja, Emeli Sandé. Sie war diejenige, auf die das Publikum mehr als zwei Stunden gewartet hatte. Die schottische Soul- und R&B-Sängerin, die unter anderem mit David Guetta und Naughty Boy zusammengearbeitet hat, tauchte nach der halbstündigen Pause auf. Sie betrat die Bühne, in einem eleganten weissen Kleid, mit aufrechter Haltung und langen Schritten – hoheitsvoll, stolz und demütig zugleich. Sie war dort, um den Abend schön zu machen, sie war dort, weil sie die Basler gewollt hatten. «I hope you will enjoy the music», sagte sie mit ihrer warmen, einhüllenden Stimme. Ein Euphemismus. Das Publikum liebte sie, und das war vom Anfang an klar. Der Applaus, der ihr Auftauchen begrüsste, war ihre Visitenkarte.

Die 29-Jährige aus Sunderland wollte keine Zeit verlieren und fing gleich mit der Show an. Ihr Song «Heaven» war ein altbekanntes Goldstück, das auch vier Jahre nach seiner Veröffentlichung für einen ekstatischen Zustand bei den Zuschauern sorgte. Das mächtige, kompromisslose Schlagzeug und die zwei Choristinnen, die zur unbändigen Stimme von Sandé einen sanften Kontrapunkt setzten, fesselten das Publikum, paralysierten und befreiten es zugleich.

Die Antwort war unzweideutig

Auf der Bühne wirkte Sandé komplett ungezwungen: Dem Druck und den Erwartungen war sie vollkommen gewachsen. Oder vielleicht gab es gar keinen Druck, gar keine Erwartungen, sondern nur eine junge Frau, die die Musik liebt und das mit ihrem ganzen Körper kommuniziert. Ihre Arme formten Wellen, begleiteten und exaltierten die entschiedenen Töne des Keyboards, lenkten die hypnotisierenden Akkorde der Gitarre, gaben dem sturen Bass einen Sinn. Ihre langen, dunkelblauen Nägel streichelten die Mikrofonstange, liebkosten sie. «Will you recognize me?», sang sie. Die Antwort des Publikums war umgehend, unzweideutig. Viele Zuschauer drängten sich unter die Bühne, wollten so nah wie möglich an sie, um sich zu vergewissern, dass sie real sei.

Die Lieder folgten aufeinander: «Give me something», «Hurts» aus dem neuen Album «Long Live the Angels», «Next to me» und «Read All About It». Die Lieder folgten aufeinander, aber für das Publikum war es nur ein einziger, orgastischer Flow, der nie hätte aufgehören sollen. So kam das Ende des Konzerts abrupt und überraschend; Sandé verliess die Bühne mit derselben Würde, mit demselben bescheidenen Stolz, wie sie gekommen war. Die Zuschauer blieben zurück, perplex, desorientiert. Als ob sie ein Engel für ein Stündchen mit seiner himmlischen Präsenz beschert hätte. Long live the angels.