Klar: Er sieht etwas älter aus als auch schon und es mag sein, dass die Stimme nicht mehr ganz so fest ist. Nach ein paar Minuten Gespräch ist beides vergessen und man sitzt Emil gegenüber, dem Emil, den man aus der Kindheit von Schallplattenaufnahmen kennt. Er ist mittlerweile 82 Jahre alt. Seine bekannten Nummern sind 40 oder gar 50 Jahre alt. Trotzdem funktionieren sie noch immer. Jetzt bringt er sie wieder auf die Bühne: Heute Abend hat «Emil – No einisch!» im Theater Fauteuil Premiere. Sechs Wochen gastiert er in Basel und alle Vorstellungen sind praktisch ausverkauft.

Sie leben, nach Jahren in New York und Montreux, seit Juli 2014 in Basel. Warum sind Sie nach Basel gezogen?

Emil Steinberger: Jedes Mal wenn ich in Basel gespielt hatte, habe ich eine Ambiance in der Stadt gespürt, die mir gefällt. Die Leute, die Umgebung, die Verbindung zu Deutschland und Frankreich, das Dreiländereck hat mir gefallen. Und dann kam der grosse Wunsch, nach fünf Jahren Englisch und 15 Jahren Französisch wieder mal so reden zu können, wie der Schnabel gewachsen ist. Und dann war es Basel. Wir haben vier Jahre eine Wohnung in Basel gesucht, dann gaben wir es auf – und dann kam das Telefon, es gebe da eine Wohnung …

Wie gefällt Ihnen die Stadt?

Sehr gut. Es ist eine ganz praktisch veranlagte Stadt. Wenn man das Glück hat, etwas im Zentrum wohnen zu können, dann kann man das geniessen, dass man alles in fünf Minuten erreicht: den Bahnhof, das Einkaufen, das Kunstmuseum, das Kino, das grosse Theater, das kleine Theater ... Es ist alles da. Ein schöneres Paradies hätten wir uns nicht erträumen können.

Jetzt geben Sie in der neuen Heimat Ihre erste Premiere.

Ja, ich habe schon oft in Basel gespielt, aber es ist tatsächlich die erste Premiere. Es war ein tolles Angebot von den Rassers im «Fauteuil»: Du kannst bei uns drei, vier, fünf Wochen spielen. Dann haben wir uns auf sechs Wochen geeinigt. Der Zufall will es, dass ich der Götti bin von Claude Rasser. Die Beziehungen zur Familie Rasser waren mit ein Grund, warum Basel uns sympathisch war.

«Emil – No einisch!» heisst das Pogramm. Was bringen Sie auf die Bühne?

Ich will jetzt nicht sagen, es sei ein Wunschkonzertprogramm. Es ist ein Programm mit Nummern, von denen ich weiss, dass viele Leute sie gut kennen und gerne haben, aber noch nie live haben erleben können. Zwischen diesen alten Nummern gibt es Gedanken und zwei, drei Nummern, die ich neu gemacht habe, die auch funktionieren sollten, wie die alten Nummern. Das ist natürlich speziell, weil man bei den alten Nummern weiss, dass sie funktionieren. Bei den neuen hat man keine Ahnung, ob sie hinhauen und weil sie neben den alten Nummern stehen, sollten sie dasselbe Level haben. Das ist anspruchsvoll, immerhin liegen zwischen den alten und den neuen Nummern 40 Jahre. Es sind natürlich andere Gedanken in die neuen Nummern eingeflossen als in die Nummern, die ich schrieb, als ich 30 der 40 Jahre alt war.

(Quelle: youtube.com/EmilEdition)

Emil Steinberger

Sie spielen aber in den alten und den neuen Nummern den Emil?

Ja. Die Figur hat ja ein breites Spektrum. Es muss nicht nur der naive Emil sein, es kann auch der kritische oder der böse Emil sein. Die Verschiebungen sind interessant. Ein Putzer vor 50 Jahren hat zwar mit anderen Mitteln gearbeitet, aber der Typ ist derselbe geblieben. Wenn man auf einer Bank Geld abhebt oder einzahlt, dann ist das grundsätzlich derselbe Vorgang, aber heute passiert da etwas ganz anderes als früher.

Wie ist das Verhältnis zwischen Emil Steinberger, dem Schauspieler, und Emil, dessen Bühnenfigur?

Also erstens einmal habe ich mich noch nie als Schauspieler betitelt. Das ist ein geschützter Beruf, zu dem Ausbildungen gehören, von Atmungstechnik bis Sprechtechnik, das habe ich nie gemacht, also bin ich kein Schauspieler. Der Kabarettist ist etwas anderes. Als Kabarettist bin ich nicht angewiesen auf Schreiber, die einem die Nummern schreiben. Es gehört dazu, dass aus dem Bauch herauskommt, was man selber erfasst, gesehen und formuliert hat. Das ist eine eigene Kunstgattung. Ein Schauspieler übernimmt fixfertige Szenen, das möchte ich nicht machen müssen.

Sie haben es aber auch schon gemacht. Zum Beispiel im Film «Die Schweizermacher»?

Da habe ich mich inhaltlich an eine Rolle gehalten, aber dabei geredet, wie mein Schnabel gewachsen ist.

Und was ist die Emil-Figur?

Es ist eine Kunstfigur mit vielen Facetten, sehr in der Nähe der Menschen, wie wir heute sind und wie wir leben und uns bewegen.

Emil im Gespräch mit bz-Chefredaktor Matthias Zehnder.

Emil im Gespräch mit bz-Chefredaktor Matthias Zehnder.

Sind also die Emil-Figur der 70er-Jahre und die Emil-Figur von heute dieselben?

Ja, sie bietet mir ähnliche Chancen, auf der Bühne etwas darzustellen. Der Emil ist jetzt natürlich auch 40 Jahre älter, wie ich auch. Ich war aber nicht 40 Jahre weg von der Bühne. Ich bin zwischen dem Jahr 2000 und 2015 über 900-mal auf der Bühne gestanden. Zunächst nicht mit einem Theaterstück, sondern mit einer Lesung. Das war ein Risiko, weil die Leute den Emil erwartet haben und den Steinberger bekommen haben. Aber der Erfolg war genau derselbe.

Wie ist es dazu gekommen?

Als ich von Amerika zurückgekommen war, hatte ich die Bühne schon über zehn Jahre hinter mir gelassen. Dieses Kapitel war abgeschlossen. Der Zufall wollte es, dass ich für eine Buchhandlung eine Lesung machte. Das kam so gut an, dass sich daraus etwas Neues entwickelte. Ich bin über das Erzählen wieder auf die Bühne geraten, das war keine Absicht. Es ist ein Geschenk, dass man einem Menschen die Chance gibt, in so etwas hineinzurutschen, was er gar nicht beabsichtigt hat. Und dass ganz unbeabsichtigt etwas Neues entstehen kann. Jetzt war es auch wieder so. Vor zwei Jahren habe ich im KKL Luzern als Merci vier alte Nummern gespielt. Dabei habe ich gemerkt, wie das bei den Leuten zündet und funkt. Daraus hat sich das neue Programm «Emil – No einisch!» ergeben.

Die Welt hat sich stark verändert seit Ihren Bühnenjahren. Telegramme zum Beispiel gibt es schon lange nicht mehr, der «Telegraphenbeamte» funktioniert trotzdem immer noch. Warum?

Weil der Inhalt der Nummer ein Mensch ist, der in Schwierigkeiten kommt, weil ihm der Spitz eines Bleistifts abbricht und er die Überzeugung hat, dass ihn sein Gedächtnis nicht verlassen wird und er sein Scheitern nicht bemerkt.

Damals, in den 70er-Jahren, gab es andere Kabarettisten wie Sie, heute gibt es vor allem Comedy.

Darum möchte ich einen Gegenpol schaffen. Mir tut es ein bisschen weh für die jungen Menschen, die kennen nur noch Comedy. Nichts gegen Comedy, aber es ist ein Wortstil mit wenig Körpereinsatz und Situationskomik. Komik als solches kennen junge Leute oft nicht mehr. Ich möchte den Jungen zeigen, dass es etwas anderes gibt. Und für alle, die das nur von der Schallplatte kennen, spiele ich es gerne. Leider dauert der Auftritt nur zweimal 60 Minuten. Es kommen immer wieder Leute, die Wünsche haben. Allen Wünschen kann ich leider nicht gerecht werden.

Sie sind 82 und stehen regelmässig auf der Bühne. Wie machen Sie das?

Das weiss ich auch noch nicht. Ich glaube, die Vorbereitungszeit ist viel nerviger und härter als die Bühnenzeit. Man wird bei einem Auftritt getragen vom Publikum. Ich brauche wahrscheinlich ein paar Vorstellungen, bis alles perfekt stimmt. Bei der Premiere werde ich wohl noch etwas schwimmen. (Lacht.)

Haben Sie keine Angst vor dem Alter?

Ich rede nicht davon. Für mich ist es kein Thema. Es ist leider eins geworden, als ich 80 wurde, weil ich zum ersten Mal realisiert habe, was ich für eine Zahl auf dem Rücken habe. Das ist ja eine verrückte Zahl. Aber es werden alle Leute viel älter als früher. Es gibt viele 80-Jährige heute, die topfit sind. Ein Dank dem Gesundheitssystem! Und ich trinke keinen Alkohol, ich rauche nicht, vielleicht habe ich etwas viel Stress und wenig Bewegung. (Lacht.)

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Es hat keinen Wert, sich darüber Gedanken zu machen. Man kann es nicht steuern und man erlebt es nur einmal. Für mich ist mein Jahrgang wirklich kein Thema. Mit 65 hatte ich total vergessen, dass ich mich jetzt pensionieren könnte. Das kam mir nicht eine Sekunde in den Sinn, weil ich immer etwas Tolles machen konnte. Natürlich bin ich privilegiert. Es war nie so, dass ich etwas wollte, und dann arbeitete, es kam immer ein Angebot, es tat sich eine Möglichkeit auf, die ich packen konnte. Im Historischen Museum Luzern haben sie eine Ausstellung über mein Leben gezeigt. Ich habe die da machen lassen, es war ja nicht meine Idee. In der Ausstellung hatte es eine zehn Meter lange Wand von 1933 bis 2015. Auf der Wand war grafisch dargestellt, was alles passierte in diesen Jahren. Das ist ja wahnsinnig. Ich hatte einfach viel Glück und oft das richtige Gefühl. Wenn ich mir das ansehe, empfinde ich Demut. Ich bilde mir nichts darauf ein. Als die Ausstellung eröffnet wurde, redeten Regierungsräte und andere wichtige Menschen und ich fragte mich: Geht das wirklich mich an? Bin das wirklich ich, von dem die da reden? Verrückte Sache.

Heute im Theater Fauteuil, 20 Uhr.