Herzstück

Endlich Apérozeit

«Männer tauschen sich nicht aus ohne Glas.» (Symbolbild)

«Männer tauschen sich nicht aus ohne Glas.» (Symbolbild)

Das neue Jahr hat definitiv angefangen. Die Roaring Twenties sind voll im Gang. Das merkt jeder, der alle seine Einladungskarten zu Neujahrsapéros aufs Mal vom Bürotisch hochheben will und sich dabei einen Hexenschuss holt. So viel Apéro war noch nie in der Geschichte der Menschheit.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde es schön, Bekannte anzutreffen und neue Menschen kennen zu lernen. Wobei «Menschen» in diesem Fall meistens heisst: Männer. Wenn es irgendwo einen offiziellen Neujahrsapéro gibt, an dem ähnlich viele Frauen wie Männer eingeladen sind, würde ich das gerne wissen. Das wäre eine echt neue Erfahrung. Vielleicht ist es genetisch bedingt: Frauen tauschen sich auf natürliche Weise miteinander aus, wo immer sie sich antreffen. Früher war das unten am Fluss oder beim Dorfbrunnen, heute ist es im Gruppenchat. Frau will wissen, wie es Frau geht; wer Hilfe braucht und von wem sie etwas lernen kann. Dank dieser Disposition hat die Menschheit inklusive Männer Hunderttausende von Jahren überlebt.

Möglicherweise ist das alles angelernte Verhaltensweise. Wenn die Neandertalerin und andere weibliche Früh-Hominid*innen mit einem Bagger hätten spielen dürfen statt immer nur mit Barbies, wäre die Welt eine andere. Männer tauschen sich nicht aus ohne Glas in der Hand. Ohne vorangegangene Neujahrsapéro-Rede hätten sie keine Ahnung, was los ist auf der Erde (Spoiler Alarm: eine Menge) oder worüber sie miteinander reden könnten. Sie sind damit beschäftigt, Nahrung zu suchen und zu jagen. Da ist der andere Mann immer ein potenzieller Konkurrent. Wenn der erfährt, wo ich die Mammutherde zuletzt grasen gesehen habe, frisst er sie mir alle weg. Zum Glück finden sich die meisten essbaren Tiere heutzutage auf brechend vollen Apéro-Tischen. Oder werden von emsigen Catering-Angestellten herumgetragen und angeboten. Zur Standardausbildung des meist weiblichen Personals gehört dabei das Erkennen von potenziell peinlichen Gesprächspausen.

Im Schnitt sollte in losen Gruppen herumstehenden Männern alle 17,9 Sekunden neues Essen oder Wein angeboten werden. Die Häppchen sind so formatiert, dass sie bis zu 15 Sekunden für die Aufnahme benötigen. Dann kommt bereits der Nachschub. Das hilft, keine unangenehmen Gefühle oder gar ein Gespräch aufkommen zu lassen. Auch gemeinsames Schweigen ist nicht so ein Männer-Ding. Darum wurden Angeln und Golf erfunden. Da muss keiner reden und als Bonus gibt’s beim Golfen noch das Herumfahren mit einem Wägelchen. Das ultimative männliche Apéro-Erlebnis wäre eine Botschautobahn, bei der man die Brötchenbelege aus einem Wassertank fischen muss, immer auf der Hut vor feindlichen Horden. Wer am meisten fängt, hat Anrecht auf eine Beförderung. Wer einen Gegner mit elegantem Golfschlegelschwung in den Tank befördert, erhält im laufenden Jahr einen Bonus.

Wichtiger Tipp: Wer halb krank ist, sollte trotzdem zu allen Apéros gehen. Nur ein angesteckter Konkurrent ist ein guter Konkurrent. Ich sage: Prost und bis nächstes Jahr!Pfarrer Martin Dürr
Der Autor ist evangelischer Pfarrer und seit 2009 Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft beider Basel. Er lebt in Basel.

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